Suche nach dem Mythos

Interview |

Am 15. November jährte sich Gerhart Hauptmanns Geburtstag zum 150. Mal. Ein Gespräch mit dem Hauptmann-Biografen Peter Sprengel

Der schlesische Dichter (1862-1946) war der bedeutendste Vertreter des deutschen Naturalismus. Zur Uraufführung seines Dramas Die Weber am Neuen Theater am Schiffbauerdamm in Berlin 1893 reiste sogar Karl Kraus an. Der Literaturwissenschafter Peter Sprengel rekonstruiert in der Biografie Gerhart Hauptmann. Bürgerlichkeit und großer Traum (C. H. Beck, 2012) Hauptmanns Verflechtungen mit dessen Zeitgenossen und dem Zeitgeist. 35 Jahre lang befasste er sich mit dem Hauptmann'schen Nachlass.

STANDARD: Herr Professor Sprengel, worin bestand der "große Traum" Gerhart Hauptmanns?

Sprengel: Der "große Traum" greift den Titel eines Versepos auf, das Hauptmann als Totenreicherkundung im hohen Alter schrieb. Bei mir steht der Titel für die Ideale der Kunst und einer sozialen Weltverbesserung. Diese beiden nicht zur Deckung kommenden Ideale findet man bei Hauptmann von Anfang an nebeneinander. Als Jugendlicher engagierte er sich im sogenannten Ikarier-Klub, der den Plan hatte, in den USA eine sozialutopische Kolonie zu gründen. Aber während seine Freunde dieser Utopie nachstrebten, widmete er sich als Monumentalbildhauer der Kunst. Er wurde einem Ideal untreu, indem er das andere verfolgte. Als Dichter versuchte er später, Perspektiven einer moralischen Entwicklung der Menschheit aufzuzeigen.

STANDARD: Er gilt als der wichtigste Vertreter des deutschen Naturalismus. Welche Rolle spielt seine frühe Hinwendung zur Mythologie?

Sprengel: Auch die naturalistischen Werke sind voller mythischer Anspielungen. Die Novelle Bahnwärter Thiel etwa scheint eindeutig eine realistisch-naturalistische Geschichte zu sein. Liest man aber genauer, steht auf der ersten Seite, der Bahnwärter habe eine herkulische Gestalt, und am Schluss tötet er seine zweite Frau und deren Kind, wie Herkules Frau und Kinder getötet haben soll. Nach den ersten naturalistischen Dramen, insbesondere den Webern, wandte sich Hauptmann bewusst mythischen Vorbildern zu, auch germanischen wie etwa der Edda oder den in Jacob Grimms Deutscher Mythologie gesammelten Stoffen. Eine Orientierung am Tatsächlichen des aktuellen Lebens genügte ihm nicht. Er wollte eine höhere Verbindlichkeit erreichen.

STANDARD: Worin unterscheidet sich sein Naturalismus von dem der nicht deutschen naturalistischen Autoren, wie etwa Émile Zola?

Sprengel: Zolas Naturalismus ist stärker wissenschaftlich beeinflusst. Zola selbst prägte die Formel vom Experimentalroman. In seinem Romanschaffen strebte er danach, einen vollständigen Überblick über die französische Gesellschaft seiner Zeit zu geben. Hauptmann ist sowohl dieser enzyklopädische Anspruch fremd als auch ein wissenschaftliches Selbstverständnis. Er wehrte sich gegen die mathematische Kunstformel von Arno Holz: "Kunst gleich Natur minus X." Stattdessen ging er von einem goethezeitlichen Genieverständnis aus.

STANDARD: Das Goethe-Nacheifern zeigt sich auch in seiner bis zur Lächerlichkeit inszenierten Stilisierung. Was ist von diesen Kostümierungen zu halten?

Sprengel: Ich sehe in diesen Selbstinszenierungen einen theatralischen Grundzug. Hauptmann zeigt sich als Mann des Theaters, auch im privaten Leben. Mit vielen anderen Autoren um 1900 ist er zudem einig, dass die Moderne keinen absoluten Neuanfang darstellt, sondern eine zeitgemäße Fortführung auch klassischer Vorbilder ist. So kann man die Stilisierung als Goethe ebenso bei Hofmannsthal oder Thomas Mann finden. Und in einer Franziskaner-Kutte ließ sich auch Hofmannsthal beisetzen.

STANDARD: Bei Hauptmann passt die Mönchskutte allerdings nicht wirklich zum Lebensstil.

Sprengel: Hauptmann verzehrt sich in Liebesaffären. Es ist unglaublich, mit welchem emotionalen Aufwand das Nebeneinander der beiden Frauen Marie und Margarete vor sich geht. Auf der Höhe seines Erfolges begibt Hauptmann sich in einen Liebeskonflikt, in dem er sich und den beteiligten Frauen ein ungeheures Maß an Schmerz auferlegt. Als Biograf wird man den unguten Geschmack nicht los, dass hinter jenen Leidensschlamasseln der Wille steckt, sich künstlerisch zu stimulieren. Es gibt eine Reihe von seinerzeit sehr erfolgreichen Werken, in denen Hauptmann diese Konflikte dichterisch verwertete.

STANDARD: Sie widmen der moralischen Ambivalenz Hauptmanns besondere Aufmerksamkeit.

Sprengel: Man sah die Ambivalenz als einen Wesenszug Hauptmanns an, manchmal auch etwas ironisch, indem man seine Stellung zwischen verschiedenen Positionen mit der wiederkehrenden Äußerung "Nu jaja - nu neenee" in den Webern verband. Aber damit wird man der Eigenart Hauptmanns nicht gerecht. Er beschäftigte sich als Dramatiker mit den Grundlagen des sogenannten Urdramas und sah in der Gestaltung des Zwiespalts einander widerstreitender Positionen die Besonderheit seiner Begabung. Zur Objektivität gezwungen, zwei einander widersprechende Seiten neutral darzustellen, darin lag seine Fähigkeit als Dramatiker.

STANDARD: Würden Sie Hauptmanns Verhältnis zum Judentum als ambivalent bezeichnen?

Sprengel: Zweifellos war Hauptmann durch enge Kontakte zu führenden jüdischen Köpfen der Jahrhundertwende geprägt. Ohne die Anerkennung herausragender Persönlichkeiten wie des Theaterleiters Otto Brahm oder des Kritikers Alfred Kerr hätte er seinen Weg zum Erfolg nicht gefunden. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, in Situationen, in denen er seine Identität als Autor durch Kritik jüdischer Zeitgenossen infrage gestellt sah, geläufige antisemitische Klischees aufzugreifen. Ein Beispiel dafür ist die Fragment gebliebene, gegen Schnitzler, Hofmannsthal und vor allem den Kritiker Siegfried Jacobsohn gerichtete aristophanische Komödie, mit der er auf die Gründung der Berliner Theater- und Literaturzeitschrift Die Schaubühne reagierte.

STANDARD: Wie beurteilen Sie aus der Perspektive der Ambivalenz sein Bekenntnis zum Nationalen?

Sprengel: Wenn man die Entwicklung der deutschen Idee um 1900 betrachtet, stößt man auf einen zum Beispiel auch von Thomas Mann stark mitgetragenen Kulturnationalismus. Viele deutsche Intellektuelle interpretierten das Deutschtum als eine Übernation, in der die europäische Kultur, vielleicht sogar die Weltkultur aufgehe und ihren Gipfel finde. Das war natürlich eine Illusion, die sich angesichts der Blutbäder auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs nicht lange aufrechterhalten ließ. Sie wurde denn auch von den Autoren, einschließlich Hauptmanns, gegen Ende des Krieges aufgegeben.

STANDARD: Aber im Unterschied zu Thomas Mann distanzierte sich Hauptmann nicht vom Nationalsozialismus ...

Sprengel: Es gab 1933 einen öffentlichen Auftritt mit einem Handschlag Hitlers. Es gab ein offizielles Gespräch mit Goebbels. Und es gab die Uraufführung eines Hauptmann-Dramas am "Tag der deutschen Kunst". Allerdings blieb es bei diesen Ereignissen. Wahrscheinlich hat Hauptmann die Konsequenzen seiner Anbiederung nicht erkannt, auch wenn sie gerade im ersten Jahr der nationalsozialistischen Herrschaft durchaus offenkundig waren.

STANDARD: "Was kann mir schon passieren? Ich bin alt. Außerdem habe ich für jede Partei ein Stück geschrieben: Bei den Nazis kann ich mich auf ' Florian Geyer' berufen, bei den Kommunisten auf 'Die Weber' und bei den Klerikern aufs 'Hannele'", soll Hauptmann nach Hitlers Machtergreifung gesagt haben ...

Sprengel: Ich halte diesen Ausspruch nicht für echt und habe ihn daher in meiner Biografie auch nicht erwähnt. Er unterstellt einen Opportunismus, den ich in Hauptmanns literarischem Schaffen an keiner Stelle finde. Da entsteht zum Beispiel 1937 das geheim gehaltene Drama Die Finsternisse, in dem er sich in tragischer Form mit der Judenverfolgung auseinandersetzt. Oder er schreibt an der Atriden -Tetralogie, mit der er immer tiefer eindringt in das Unheil der Politik und die Zwänge zu blutigem Opfer als einer Grundstruktur menschlicher Gesellschaft.

STANDARD: Wenn wir den Blick auf die Gegenwart lenken: Wie präsent ist Hauptmanns Werk heute?

Sprengel: In seiner Gesamtheit ist es in keiner Weise präsent. Meist konzentriert sich die Bekanntschaft mit Hauptmanns Schaffen auf zwei, drei Texte, zu denen die Novelle Bahnwärter Thiel sowie das Drama Die Weber, vielleicht noch Die Ratten oder Rose Bernd gehören. Dass Hauptmanns Wirkung keine aktuelle Fortdauer entfalten konnte, hängt damit zusammen, dass der Schwerpunkt seines dichterischen Werks im späten 19. Jahrhunderts liegt. Zwischen 1889 und 1900 erlebte er den Höhepunkt seiner Produktion, aber auch seiner Wirkung in die literarische Landschaft hinein.

STANDARD: Welche Werke werden in die Zukunft hineinwirken?

Sprengel: Solche Prognosen sind schwer zu riskieren. Dramen wie das Künstlerdrama Michael Kramer oder das Familiendrama Einsame Menschen könnten erneut eine Chance auf den deutschen Bühnen erhalten. Das essayistische Werk ist aus heutiger Sicht nur noch für Literaturwissenschafter von Interesse. (Adelbert Reif, Album, DER STANDARD, 24./25.11.2012)

Peter Sprengel, geboren 1949 in Berlin, studierte Germanistik und Klassische Philologie in Hamburg und Tübingen und lehrt seit 1990 als ordentlicher Professor an der Freien Universität Berlin deutsche Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts.

Zu seinen jüngsten Buchveröffentlichungen gehören: "Der Dichter stand auf hoher Küste. Gerhart Hauptmann im Dritten Reich" (Berlin 2009) und " Gerhart Hauptmann. Bürgerlichkeit und großer Traum" (München 2012).

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1 Posting
So so..

Ein Handschlag Hitlers, ein Gespräch mit Goebbels...mehr war da nicht.
Und den Umgang und die umfangreiche Korrespondenz Hauptmanns mit dem Massenmörder Hans Frank, dem "Schlächter von Polen", den selbst Goebbels als Halbverrückten bezeichnete, den unterschlägt uns der werte Herr Sprengel.

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