Buch- und Kräftemessen

23. November 2012, 17:02
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Über elektronische und Papierbücher. Von Julya Rabinowich

Woran man merkt, dass Buchmessen, wo auch immer, unaufhaltsam näher rücken: die Kollegen fragen, ob man auch hinfährt. Die anderen fragen, ob man etwas gegen E-Books hat und ob das Buch einen Fortbestand haben wird. Ich bin jedes Mal verwundert, weil man diese substanzielle Frage nach der Zukunft des Papierkörpers nur zu Buchmessezeiten ausgräbt, als ob es den Rest des Jahres vollkommen egal wäre.

Ja, natürlich ein Anlass. Ein Anlass ist z. B. auch Weihnachten. Liebe und Familie kann man jederzeit thematisieren, nicht nur um den 24. 12. Eigentlich. Ist ja nicht so, dass es vom 26. 12. bis zum 23. 12. des nächsten Jahres kein Thema mehr ist. Ich fühle mich im Spannungsfeld von E-Book und gebundenem Buch überhaupt zwischen allen Stühlen wieder.

Auch Multimediakunst tötet weder Fantasie noch Malerei oder Grafik. Sie ist eine Rivalin. Geschmäcker sind verschieden. Auch die Ängste der Schriftsteller, der Buchbranche und der Konsumenten unterscheiden sich ein wenig. Leser, die schlecht sehen, sind mit einem E-Book sicher gut beraten. Das Bild meiner Großmutter, in tiefer Konzentration mit riesiger Lupe über ein Buch gebeugt, ist ein Bild aus früher Kindheit. Es hatte etwas Archaisch-Filmreifes, etwas beinahe Alchemistisches für mich, nur ohne großen Glaskolben, ohne Rauch und Kerzen. Wobei: Kerzen waren sogar vorhanden. Vor allem zu Weihnachten. Sie hätte sich vermutlich dennoch mehr darüber gefreut, sich ihre Lektüre einfacher zu Gemüte führen zu können.

Ich persönlich würde, wenn man mich nicht dazu zwingt, nie zu einem E-Book greifen. Das haptische Erlebnis und die Veränderungen, wie das Aufbiegen der Seiten, das Dazuschreiben eigener Notizen, das Unterstreichen besonders gelungener oder unverständlicher Textstellen, die ich einem Buch zufüge, machen es zu meinem und nicht zu irgendeinem Buch. Zwar ist das Hineinschreiben in fremde Texte auch etwas anarchisch und respektlos, fast wie das Anbringen eines Schnurrbarts am Gesicht der Mona Lisa. Aber auch sehr privat, fast intim. Verleiht man so ein Exemplar, liefert man sich gleichzeitig mit dem Inhalt aus. Die Gedanken in jenem Augenblick. Die Emotionen.

Dafür muss man Verschleiß in Kauf nehmen. Oder andere Hürden: Mit Krieg und Frieden hat Tolstoi etwa definitiv etwas vorgelegt, das in jedem Sinn Gewicht verlieh. Zum Schluss: ein Zitat aus meinem Lieblingswerk, Bulgakows Meister und Margarita, heuer neu übersetzt bei Galiani erschienen: "Manuskripte brennen nicht." Das beruhigt wirklich. Ob real oder virtuell. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 24./25.11.2012)

Die Autorin liest am Samstag, 24. 11, um 15.00 Uhr im Literaturcafé auf der Buchmesse Wien. Moderation: Thomas Trenkler.

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