Verbund beendet das türkische Abenteuer

23. November 2012, 20:48
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Der halbstaatliche Verbund macht sein "Fass ohne Boden" in der Türkei zu und verkauft seinen Hälfteanteil am Energieversorger Enerjisa

Wien - Die "ergebnisoffenen Verhandlungen" über die Zukunft ihres Türkei-Engagements sind vorbei, nun steht das Ergebnis fest: Verbund steigt aus seinem energetischen Joint Venture Enerjisa mit der türkischen Sabanci Holding aus und steckt sein Geld in Kraftwerksprojekte in Europa. Den österreichischen Hälfteanteil an Enerjisa soll der deutsche Versorger Eon übernehmen. Das wurde dem Standard in hohen Verbund-Kreisen informell bestätigt, nicht aber offiziell.

Der Deal soll am 3. Dezember in der Türkei besiegelt werden. Eon werde im Gegenzug Wasserkraftwerke in Deutschland und Österreich an den zur Hälfte im Eigentum der Republik Österreich stehenden Verbund abgeben. Ein lukratives Geschäft dürfte der Deal für den Verbund nicht werden, denn Verbund werde die seit 2007 in Enerjisa investierten 1,1 Milliarden Euro wohl nicht zur Gänze herausholen können, wie es heißt. Allerdings sei der Investitionsbedarf in den nächsten 15 Jahren so hoch, dass ein Verlust das geringere Übel wäre. Verbund-intern ist sogar "von einem Fass ohne Boden" die Rede, das man endlich zumachen wolle.

Die Nachrichtenagentur Reuters bezifferte das Volumen der Transaktion am Freitag mit über einer Milliarde Dollar, was aktuell nur 775,61 Mio. Euro entspricht. Das sei deutlich zu tief gegriffen, heißt es im Verbund. Eine offizielle Stellungnahme war am Freitag nicht zu erhalten - ebenso wenig von Eon und Sabanci Holding. Auf dem Prüfstand stand Enerjisa seit längerem - bei Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber wegen des Kapitalbedarfs, bei Eon-Chef Johannes Teyssen aus Expansionsgründen, weil Deutschland aus der Atomkraft aussteigt und sich Eon im Ausland verbreitern will.

Die Investitionen in der Türkei bezifferte der Verbund zuletzt bei Vorlage der Neunmonatszahlen: 1,1 Milliarden Euro wurden bereits seit 2007 investiert, weitere 442 Millionen stehen laut Mittelfristplanung bis 2016 an. Damit soll der Kapazitätsausbau in Energieerzeugung und -verteilung sowie des Stromverkaufs vorangetrieben werden. Enerjisa strebt bis 2015 einen Marktanteil von mindestens zehn Prozent am türkischen Elektrizitätsmarkt an - nicht weniger als die Marktführerschaft. Das bedingt freilich einen Ausbau der Anlagenleistung auf 5000 Megawatt (MW). Derzeit verfügt der türkische Ableger über rund 1700 MW aus Gas-, Wind und Wasserkraftwerken. Ins Geld gehen freilich die nächsten 2000 MW, die aus Wasser- und Braunkohlekraftwerken sprudeln sollen. Im Gegensatz zu den zehn Wasserkraftwerken kommen die ebenfalls in Planung und Bau befindlichen zehn weiteren Kraftwerke, darunter Gas- und Braunkohle, nicht so gut an. Vor allem die Kohle sorgt seit der Kapitalerhöhung, die die Republik 500 Mio. Euro kostete, für Kritik. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD; 24./25.11.2012)

Wissen: Das Energieunternehmen Ener jisa wurde 1996 von der türkischen Sabanci Holding gegründet, um den exorbitant steigenden Strombedarf am Bosporus zu stillen. Wie in anderen Branchen auch, holte Sabanci 2007 einen ausländischen Partner an Bord: Verbund kaufte sich mit 243,9 Mio. Euro zur Hälfte ein. Gemeinsam wollten sie den Markt aufrollen. Die Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Seit Monaten gibt es Gerüchte über einen Ausstieg. Anfang Dezember wird er besiegelt.

Die Familie Sabanci gehört zu den einflussreichsten Clans in der Türkei. Sie kontrolliert mehr als die Hälfte der Sabanci Holding, der Firmenchefin Güler Sabanci vorsteht. Zum Milliardenimperium gehören rund 70 Unternehmen aus Energie- und Banksektor, Einzelhandel, Auto- und Zementwerke.

  • Der Energiebedarf am Bosporus ist enorm, der Finanzbedarf ebenfalls. Deshalb steigt Verbund aus Enerjisa aus.
    foto: enerjisa

    Der Energiebedarf am Bosporus ist enorm, der Finanzbedarf ebenfalls. Deshalb steigt Verbund aus Enerjisa aus.

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