Vettels Charisma und Schumachers Abschied

23. November 2012, 17:37
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Sebastian Vettel würdigt Michael Schumacher vor WM-Finale als "Inspiration" - Charisma-Frage für Vettel auch generationsbedingt - Erfolge nicht nur auf überragenden Red-Bull-Boliden zurückzuführen

Sao Paulo -Formel-1-Legende? Das wäre Sebastian Vettel wohl, wenn er am Sonntag zuschlägt. Der jüngste Doppel- stünde schwuppdiwupp als jüngster Dreifachweltmeister aller Zeiten da. Und das wäre schon eine historische Tat, schließlich haben bis dato nur Juan Manuel Fangio und Michael Schumacher dreimal en suite gewonnen. Das ist noch eine zusätzliche Note, dass Vettel just dort triumphieren könnte, wo sich sein Idol, Schumacher, voraussichtlich endgültig von der Formel-1-Bühne verabschiedet.

Vettel zollt seinem Landsmann, der der Königsklasse nach einem dreijährigen Comeback, insgesamt 307 Grand-Prix-Starts und sieben WM-Titeln den Rücken kehrt, Respekt. "Er war eine wahre Inspiration, für mich und für viele andere Kinder", erinnert der 25-Jährige an die Taten des Deutschen, die ihn einst für den Rennsport begeistert hatten. "Er war unser Held."

Mittlerweile hat sich Vettel selbst an Schumachers Fersen geheftet. Der Red-Bull-Pilot aus Hessen, nach Schumacher erst der zweite deutsche F-1-Weltmeister, liegt in der ewigen Bestenliste der Pole-Positions mit deren 36 bereits auf Rang drei hinter Schumacher (68) und Ayrton Senna (65). In der Stadt, in der fast alles nach Senna benannt ist, entscheidet sich am Sonntag, ob Vettel mit dem dritten WM-Titel zum legendären Brasilianer aufschließt.

Die Frage nach dem Charisma

"Diese Kerle wie Hunt, Rindt, Lauda, Senna waren Charaktere", hatte kürzlich Formel-1-Boss Bernie Ecclestone festgehalten und ad Vettel hinzugefügt: "Er kann in diese Elite aufrücken, aber dazu fehlt ihm noch etwas Charisma." Daran hat Vettel merkbar zu kiefeln. "Vielleicht hat er sich nur einen Scherz mit einer Zeitung erlaubt, das ist bei Bernie sehr gut möglich", mutmaßt er. Und außerdem hätten sich die Zeiten geändert. "Um ein Beispiel zu nennen: Wenn wir am Samstagabend alle hier zusammensitzen und ein Bier trinken würden, nur ein einziges Bier, dann wäre das schon eine Riesengeschichte."

Vettel hat natürlich recht, nicht zuletzt der STANDARD würde sich wie ein wildes Tier darauf stürzen, würde "Vettel hat ein Bier getrunken" titeln und wahrscheinlich eine Rekordauflage unters Volk bringen. Seinen Status als Charismatiker will Vettel jedenfalls verbessern. "Hoffentlich habe ich noch ein wenig Zeit in dem Sport, damit ich noch etwas aufholen kann." Vorerst geht's am Sonntag um den WM-Titel, dafür reicht Vettel ein vierter Platz, selbst wenn der 13 Punkte zurückliegende Fernando Alonso (Ferrari) in Sao Paulo siegen sollte. Seit 2008 fuhr Vettel in Sao Paulo stets unter die ersten vier.

Eine alte Freundschaft

Schumacher drückt seinem Erben als Liebling der deutschen Formel-1-Fans auf jeden Fall die Daumen. Seit seiner Rückkehr in die Königsklasse 2010 hat er immer wieder die Freundschaft mit Vettel betont, gerne sonnt sich der Rekordweltmeister im Glanz seines Nachfolgers. "Wir sind seit langem befreundet. Wir sind beide auf meiner Heimstrecke in Kerpen aufgewachsen", erinnert Schumacher. Vettel war dort in seiner Jugend erste Rennen gefahren. Sollte er am Sonntag reüssieren, hätte die Kartbahn in Nordrhein-Westfalen bereits zehn WM-Titel hervorgebracht.

Dass auch Schumacher selbst gerne noch weitergefahren wäre, ist ein offenes Geheimnis. Doch hat ihm Mercedes die Entscheidung abgenommen und Lewis Hamilton verpflichtet, und seit Schumacher kurz darauf sein Karriereende erklärt hat, wirkt er erleichtert. Was er 2013 tun wird, hat er noch nicht entschieden. Westernreiten liegt auf der Hand, seine Frau ist Europameisterin, sie haben sich kürzlich in Texas eine Ranch gekauft.

Für Fernando Alonso, wenn er sich einmal aus der Formel 1 zurückzieht, bietet sich "Samurai" an. Kürzlich hat er zum Duell mit Vettel die nächste Weisheit losgelassen. "Wir können nicht umkehren. Wir kämpfen lieber, als dass wir die Ehre verlieren, weil wir es nicht getan haben", twitterte der Spanier. Siegt er, darf Vettel nicht Vierter werden. Wird Alonso Zweiter, reicht Vettel ein sechster Platz zum Titel. Wird Alonso Dritter, muss Vettel Neunter werden. Bei einem Vettel-Ausfall genügt Alonso ein dritter Platz zum dritten WM-Erfolg. (APA, sid, red - DER STANDARD, 24.11. 2012)

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    Deutsche Ikonen unter sich: Sebastian Vettel und Michael Schumacher.

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