Auto-Design: Glück ist eine verdammte Linie

Rezension | Stefan Schlögl
27. November 2012, 11:21

Ihre Kreationen stehen vor jedem Supermarkt, wenn sie Mist bauen, drohen Milliardenverluste: Der Band "Ever since I was a young boy I've been drawing cars" porträtiert die Egos und Nöte der neun wichtigsten Autodesigner unserer Tage

Der legendäre US-Designer Raymond Loewy, gemeinhin als Erfinder der Stromlinie verehrt und eine Art Caravaggio der industriellen Formgebung, war ein gnadenloser Ästhet. Vor allem aber war er Realist. Die schönste Linie, die er kenne, beschied Loewy, sei eine steigende Umsatzkurve. Ein Verdikt, dem sich bis heute jeder Automobildesigner unterzuordnen hat, so er auf dem Massenmarkt bestehen will. Diese verdammte Linie kennen sie alle, die in dem Band mit dem sehr elegischen Titel "Ever since I was a young boy I've been drawing cars" vereint sind.

Neun Autodesigner hat der Belgier Bart Lenaerts zwischen zwei Buchdeckeln versammelt. Ob es "die Besten" ihres Fachs sind, wie der Untertitel raunt, darüber lässt sich trefflich streiten. Es sind auf alle Fälle die erfolgreichsten, die Popstars der Branche. Neun Kreative, die das Erscheinungsbild eines Großteils des weltweiten Fahrzeugparks gestalten und gestaltet haben. Walter de' Silva (Volkswagengruppe), Ed Welburn (General Motors), Adrian van Hooydonk (BMW), Jean-Pierre Ploué (PSA), Gorden Wagener (Daimler), Laurens van den Acker (Renault), Peter Schreyer (Kia), J Mays (Ford/Lincoln) und Lorenzo Ramaciotti (Fiat) gewähren einen Einblick in ihren Arbeitsalltag, das Entstehen kreativer Prozesse und die jeweilige Umsetzung vom ersten Bleistiftstrich bis hin zum Serienmodell.

Design-Experten von eigenen Gnaden

Es ist ein schwieriger Job, den die Großmeister des Genres zu bewältigen haben. Ihre Architektenkollegen, die guten zumindest, erschaffen Prototypen, die sich mollig ins Stadtbild einfügen, oder - je nach Laune - einen schrillen Kontrapunkt setzen. Autodesign hingegen muss ubiquitär, in jedem Carport, in jeder Hotelauffahrt, gleichermaßen funktionieren.

Die Torheiten der Modedesigner sind indes nach einer Saison vergessen, während ein Automodell etwa acht Jahre im Programm bleibt und weitere zehn Jahre zum Straßenbild gehört. Schließlich wären da noch Kunden, heillose Fanboys und ideologisch aufmunitionierte Kritiker, die einem beim Skizzieren über die Schulter blicken. Autodesign lässt niemanden kalt.

Daran knabbern sie alle. Laurens van den Acker, seit drei Jahren Chefdesigner bei Renault, hat sogar richtig Schiss bei seinem Antreten in Frankreich gehabt - das lässt sich zumindest zwischen den Zeilen herauslesen. Dass abseits dieser Stimmungsbilder überraschend deutlich Kritik und Selbstkritik geübt wird, ist zweifellos eine Qualität von "Ever since I was a Young Boy ... ".

Reflektion und Selbstkritik

So gesteht Walter de' Silva, Chefdesigner der Volkswagen-Gruppe, freimütig ein, dass die Proportionen des Skoda Roomster "ziemlich unnatürlich" seien. Das mittlerweile sich selbst reproduzierende Design bei Audi verteidigt der Italiener hingegen leidenschaftlich ("Reihen Sie einmal alle Vorderansichten neuerer BMWs aneinander"), räumt aber gleichwohl ein, "wie schwer es ist, nun den nächsten Schritt zu machen".

Adrian van Hooydonk, unter Chris Bangle bei BMW für die herzhaft diskutierten 7er und 6er-Reihen der Nuller-Jahre verantwortlich - Stichwort Blunznheck - steht hingegen felsenfest hinter den damaligen Entscheidungen. (Über die man sich bei Audi wahrscheinlich heute noch freut.) Dass bei Mini aus einem Teig mittlerweile sieben Modelle aufgebacken wurden, ist für den Bangle-Nachfolger sogar der schlagende Beweis, "wie sorgfältig wir Mini zu einer Marke entwickeln." Naja.

Die Zehn-Sekunden-Entscheidung

Daneben gewährt Lenaerts in seinem opulent illustrierten Schaubuch einen Einblick in komplexe Arbeitsabläufe und spürt den vielfältigen Herausforderungen während der oft langwierigen Designfindungsprozesse nach. Heute schon Trends, Ideen zu identifizieren, die im Jahr 2020 in Serie vom Band laufen und sie mit den vielfältigen Anforderungen aus der Technik-Abteilung zu verschmelzen, ist zweifelsohne ein Hochrisikojob. Dennoch tröpfelt manchmal etwas zu viel Selbstmitleid aus den Buchseiten ("Wir entwickeln über Jahre hinweg ein Design, und der Kunde entscheidet in zehn Sekunden: Das gefällt mir, und das gefällt mir nicht.") - als arme Künstlerseele will sich indes keiner der Porträtierten sehen.

Es ist Bart Lenaerts Verdienst, angesichts dieser Top-Entscheider von multimilliardenschweren Konzernen nicht in Idolatrie zu verfallen. Nur manchmal würde man sich etwas kritischere Distanz, die eine oder andere konkrete Nachfrage wünschen. Derlei verhindert nicht zuletzt die gewählte Darstellungsform, die Erzählung aus der Ich-Perspektive. 

Der Mensch hinter den Formen

Dennoch kommt der Autor, ein profunder Kenner der Szene, nicht in den Geruch, bloß neun Hagiographien aneinander zu reihen. Viel mehr rückt er die Menschen hinter den Marketing-Formeln in den Mittelpunkt. Am unmittelbarsten wird "Ever since I was a Young Boy ..." dann auch, wenn Lenaerts Autozeichnungen aus der Kindheit seiner Hauptdarsteller, faksimilierte Skizzenbücher oder die Arbeitsplätze der Kreativen in den Blickpunkt rückt. Unterschiedlicher könnten die jeweiligen Refugien von Gorden Wagener oder Peter Schreyer gar nicht sein.

Nur eines scheint diese neun Automobildesigner zu einen: die Gewissheit, dass nach Jahren des Tüftelns, Verwerfens, Streitens, Neu- und Umgestaltens, kurzum, nachdem endlich die perfekte Form für einen Haufen Technik gefunden wurde, schlussendlich nur eines zählt: Loewys Lieblingskurve, die verdammte. (Stefan Schlögl, derStandard.at, 27.11.2012)

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foto: delius klasing

Entwürfe Walter de' Silvas für seinen ehemaligen Arbeitgeber: Zu erkennen sind der Alfa Romeo156 sowie der Nuvola, eine Studie aus dem Jahr 1996.

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und? wieso gibt´s diesmal kein gewinnspiel? hä??

auf seite 207 im schulbuch über die geschichte der italienischen literatur, erkenne ich die karosserie eines fiat 124 spider
nur den hüftschwung hat er nicht ganz korrekt hingekriegt

das gefällt mir. ich habe seinerzeit auch in der schule nicht aufgepasst, sondern stattdessen meine hefte und bücher mit zeichngungen von autos, raumschiffen, häusern, und frauen vollgekritzelt.

kein zeichen von lernfaulheit, sondern dass in unserem schulsystem leider für kreativität und individuelle begabung kein angebot da ist

bild1

Der 156er und sehr viel vom 8C auf einem Bild. Besser wird das nimmer.

Interessiert doch nicht,

ohne dem schönsten Auto aller Zeiten: Dem 190er!

http://en.wikipedia.org/wiki/Bruno_Sacco

Den Scherz verstehe ich nicht...

jepp..

..und miami vice ist die bester cop-serie aller zeiten..der 80-er..

...welcher designer hat die einzigartigen dacias designt?

war´s ein low budget designer ?

Ein Dacia

soll auch kein Designstück sein, sondern sich hauptsächlich durch ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis auszeichnen. Wäre das Design "besser", gäbe es ein Argument weniger, einen "echten" Renault zu kaufen.

Wobei, der Sandero ist ziemlich ansehnlich, im Vergleich zu dem aktuellen Clio-Germknödel.

nix für ungut

aber da ist wohl auf pinin farina und vor allem giorgio giugaro vergessen worden, die haben meines wissens mehr und entscheidenderes designed, als all die genannten zusammen.

Hast natürlich recht, die haben auch entscheidend am heutigen bekannten Design der Autos mitgewirkt. Das sind ohne Frage sehr gute Designer, aber wohl eher für Exoten oder Boliden die keineswegs alle Minuten an dir vorbei fahren. Das Buch zielt wohl nicht auf solche Leute ab.

i mein das schulbuch is schon sehr fein! da is chon eine gewisse ambition erkennbar,da wird nicht nur herumgekritzelt ;)

Der Alfa Romeo 159 ist von giorgio giugaro und vieleicht im Vergleich zu Audi exotisch - aber doch öfters anzutreffen. :)

Von mir gibts auch Schulbücher die so aussehen - trotzdem bin ich in einer völlig anderen Branche gelandet ;o)

Es ist auch kein Wunder, dass Österreich seit der Nachkriegszeit kaum bekannte (Industrie)Designer hervorgebracht hat, es gibt keine Kultur auf diesem Sektor bei uns.

Selbstverständlich gibt es erstklassiges Industrie-Design aus Österreich.

Die Steyr AUG schlug ein wie eine Bombe, 90% aller Waffennarren sind verliebt in Glock und auch im Fahrzeugbereich müssen sich Österreicher nicht verstecken:
http://www.sueddeutsche.de/auto/indu... 1.260788-3

oder generell Design:
http://www.cis.at/de/schaufenster

und da sprechen wir noch nicht mal von Ablegern von Design, wie etwa in der Architektur, wo Österreich mit Hundertwasser etwa einen wahrhaftigen Titanen hervorgebracht hat.

also architekten gibt es wohl viel berühmtere als hundertwasser (Loos, Wagner, Hollein) ;)

War ja keine Hitparade der berühmtesten Architekten.

Die Aussage, die zu widerlegen war: es gibt kein österreichisches Industrie-Design.

Und die wolltest du ausgerechnet und ernsthaft mit Hundertwasser widerlegen?
;o)

"Und die wolltest du ausgerechnet und ernsthaft mit Hundertwasser widerlegen? "

Ja, genau!

Und mit anderen Beispielen, von denen Sie zig selbst finden würden, würden Sie Ihre Zeit nicht damit vergeuden, wie ein saurer, vergnatzter Tropf herumzuflennen, wofür Sie sich nicht alles fremdschämen müssen.

Depperte Aussagen posten aber zu dämlich für Google? Nuff said!

Komm, krieg dich wieder ein.

Wenn du nicht erkennst, dass Österreich seit der Zwischenkriegszeit bei diesen Dingen nicht mehr mitspielt (mit ein paar ganz wenigen Ausnahmen, die allerdings alte nicht in Österreich wirken, hab ich ja eh gesagt) dann tuts mir leid, aber geifer deswegen hier nicht so unhöflich rum.

Schlumpfarchitektur als Exportschlager - ich genier mich jedesmal ;o)

Der Kipplaster ist übrigens eh cool, und die andere Designseite nett, aber das fällt halt nicht unter international eine Rolle spielendes Industriedesign, bei Handtaschen und T-Shirts etc. gibts eh genug ;o)

Ja wenn man natürlich lieber sudern will ...

Also ich hab ehrlich gesagt deine Hundertwasser-Aussage als Sarkasmus verstanden - das ist ja weder Design noch Architektur, und selbst im Kunstbereich ist die Bezeichnung “Titan“ ein KLEIN wenig übertrieben... weltberühmt in Österreich halt, wie fast alle, auf die die meisten hierzulande sich was einbilden.
Die wirklich guten und international bekannten Leute österreichischer Abstammung sind bei uns i.a. vollkommen unbekannt.

Ich erweitere mein letztes Statement:

wenn man hingegen nur sudern KANN

Bist du auch in der Lage zu verstehen, was ich geschrieben habe?
Sieht nicht so aus, aber unhöflich sein kannst du gut.

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