Wie alt ist Albanien?

23. November 2012, 17:23
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Vielleicht hängt das gefühlte Alter eines Staates, wie das eines Menschen, wenig vom tatsächlichen Alter ab

Wer jetzt in Tirana Brot kauft, wird es in einem Sackerl überreicht bekommen, das gratuliert. "100 Jahre Unabhängigkeit, Prosit! Wir feiern." Als ich zum ersten Mal dort war, wurde das Brot, das es nur in einer einzigen Form gab, als langgezogenen Quader, einfach so wie es war, davongetragen, in der nackten Hand; hätten die Bäcker damals, 1992, ihre Kunden zu etwas beglückwünschen wollen, hätten sie den Spruch direkt auf die Rinde drucken müssen.

Geburtstage, egal welcher Entitäten, verleiten zu einer gewissen Nostalgie. In der Zeit, als das Brot noch unverpackt von Hand zu Hand und in den Mund ging, atmete Albanien tief ein. Dort wo die Geschichte, meine und die von uns allen, / einen Moment lang innehält und tief Atem holt,/ bleibt die Zeit stehen, schrieb die albanische Lyrikerin Luljeta Lleshanaku, Wann habe ich zum letzten Mal / den Atem angehalten?

Albanien hält den Atem nicht an; Albanien keucht. Im Partygetümmel, im Gewühl auf der Tanzfläche. Ist dieses Albanien wirklich 100 Jahre alt? Älter als Österreich? Albanien ist eine 32-jährige Frau, die in der Pubertät nach Athen auswanderte; nachdem sie dort jahrelang einigermaßen illegal lebte und die Mittelschule besuchte, ins französische Orléans zog; an der Pariser Sorbonne Wirtschaft studierte; vor zwei Jahren nach Tirana zurückkehrte, nun einen Fahrradverleih aufzieht, eine Lobby für das Rad im Nahverkehr. Ihren Lebensunterhalt verdient sie bei einem Yacht-Club, der Bootsausflüge für Diplomaten organisiert, oder wer es sich sonst leisten kann. Albanien hat mindestens drei Jobs. Bittet um Unterstützung im Bürgermeisteramt, für die Fahrräder, für Radwege! Albanien rechnet mit der EU. Direkt über ihrem Bett hängt, wandfüllend, eine rote Fahne mit einem schwarzen Doppeladler, der züngelt - wie im österreichischen Bundeswappen, nur hat er nichts in den Krallen, weder Hammer noch Sichel. In die Mitte der Fahne hat die Frau Fotos gespießt; sie zeigen ihre Großeltern, als sie jung waren. Die Urgroßmutter war Österreicherin, sie würde es beschwören.

Die Stadt ist dekoriert. Der ganze November soll ein Fest sein. Den Boulevard, der schnurgerade von West nach Ost durchs Zentrum schneidet, säumen Fahnen. Am Hauptplatz, zwischen Oper, Nationalmuseum, Theater, Moschee und Kirchen, hängen ebenfalls Fahnen, in diversen Größen. Das Land hat sich für den Unabhängigkeitsmonat herausgeputzt. Unabhängigkeit ist ein Wort, das man nicht so leicht mit Albanien assoziiert. Unabhängigkeitstage sind etwas für große Staaten und sie finden für gewöhnlich im Sommer statt, am 4. oder 14. Juli. Nicht in der lichtlosen Jahreszeit. Wer wählt den 28. November für eine Unabhängigkeitserklärung? Unabhängig von wem? Und warum?

Ein Film, der diese Fragen erstaunlich lückenlos beantwortet, eröffnete vor wenigen Wochen das alljährlich im Unabhängigkeitsmonat stattfindende " Festival des albanischen Films". Am 3. November hatte in Tirana im Kino " Millenium" die restaurierte Fassung von Zweiter November (Nëntori i dytë ) Premiere, ein Film aus 1982, ursprünglich in schwarz-weiß produziert. Er erzählt, wie der Patriot Ismail Qemali und seine Gefolgsleute unermüdlich und tapfer, allen erdenklichen Hindernissen und Gefahren trotzend nach Vlora reisen, um dort am 28. November 1912 die albanische Fahne zu hissen und die Unabhängigkeit des Landes vom Osmanischen Reich zu erklären, dem Albanien etwas mehr als 400 Jahre lang angehörte.

Das im Film nachgestellte Bild des Balkons, randvoll mit schwarz gekleideten Herrn, allesamt eine Kopfbedeckung tragend, die in meinen Augen einem türkischen Fez ähnelt, wahrscheinlich aber eine typisch albanische Kopfbedeckung war, die rot-schwarze Fahne mit dem Doppeladler im Vordergrund, gehört zu den berühmtesten Fotografien der albanischen Geschichte.

Warum unbedingt der 28. November? Die Antwort des Filmhelden auf die Frage seiner Mitstreiter lautet: Weil auf den Tag genau vor fünfhundert Jahren Fürst Skanderbeg die Türken in die Flucht geschlagen hat. Skanderbeg, dessen Originalschwert und Helm im Kunsthistorischen Museum Wien ausgestellt sind, gelang es Mitte des 15. Jahrhunderts zeitweilig, die Anführer der verschiedenen albanischen Fürstentümer zum Kampf gegen die Osmanen zu vereinen. Nicht alles, was im Film gezeigt wird, entspricht historischen Tatsachen.

Kein Wunder, wurde der Streifen doch unter Diktator Enver Hoxha für eine in Isolation von der übrigen Welt lebende Bevölkerung gedreht. Hoxha hatte 1952 mit anfänglicher Unterstützung der Sowjetunion das Kinostudio " Neues Albanien" gegründet. Dort produzierte man in der Folge zahlreiche Filme in sozial-realistischem Stil, die - den Bewohnern des Landes gleich - hinter den Grenzen Albaniens völlig unbekannt waren.

Neuerdings bemüht sich eine vom albanischen Kultusministerium, der amerikanischen Botschaft in Tirana und der amerikanischen "Association of Moving Image Archivists" getragene Initiative um die Restaurierung dieses wegen schlechter Lagerung mittlerweile teils schadhaften Filmmaterials. Mehr noch: es soll auch in digitale Farbe getunkt werden. Unter der Leitung der Kalifornierin Regina Longo, sie war interessanterweise lange im United States Holocaust Memorial Museum in Washington tätig, und mit Hilfe der technischen Tricks von Colorlab Film Corporation wurde der Film, der in der dunkelsten Periode des Hoxha- Regimes entstand, gänzlich aufpoliert. Auch der Soundtrack. Englische Untertitel sind geschrieben, deren Korrektheit der albanische Botschafter in den USA, Gilbert Galanxhi, höchstpersönlich überwacht hat - wie es auf der Homepage des "Albanian Cinema Project" heißt.

Frisch wie nie zuvor strahlt Nëntori i dytë von der Leinwand. Das Lifting ist perfekt, das Publikum begeistert. Der Applaus tost, als die Tochter des mittlerweile verstorbenen Regisseurs Viktor Gjika die Bühne betritt und schwillt noch an, als sie den Namen ihres Vaters ausspricht. Gjika wurde nach der Produktion des Films Direktor des Kinostudios und produzierte, unter Zuhilfenahme von Propagandamaterial aus einem halben Jahrhundert, eine Triumph-des-Willens-ähnliche Dokumentation über den damals schon ziemlich siechen Diktator, Enver Hoxha, Tungjatjeta (übersetzt etwa: Grüß Gott, Enver Hoxha). Diese synchronisierte man in mehreren Sprachen, auf dass sie auch im Ausland als offizielle Werbung für das Regime dienen könne. Nach 1991, als Demonstranten auch die Statue Enver Hoxhas gestürzt hatten, machte Gjika noch einige unpolitische Filme und eine Autobiografie.

Nach Verebben des Applauses und der Reden von Kulturminister und Filmleuten, den Verbeugungen der noch verbliebenen Schauspieler aus dem Film, die in Echt farbloser wirken als auf der Leinwand, niemand hat sie restauriert, gibt es einen Empfang. Brötchen, Drinks, Fingerfood. Keiner der Redner, niemand aus dem Premierenpublikum erwähnt die Entstehungsgeschichte des Zweiten November. Alle sind stumm enthusiasmiert. Endlich wird das albanische Kino zwischen 1944 und 1991 einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Ist es obsolet, zu erwähnen, in wessen Auftrag der Film entstand? Weil das ohnehin alle wissen? Weil es 20 Jahre nach der Demokratisierung des Landes egal geworden ist? Bin ich die einzige, der auffällt, dass kein Wort darüber gesagt wird?

Man kann ihr Fan werden

Der Schauspieler, der den Helden Ismail Qemali darstellte, Sander Prosi, starb 1985, wenige Wochen vor dem Tod Hoxhas, unter mysteriösen Umständen in der Hafenstadt Durrës. Die Ursache seines Todes ist bis heute ungeklärt, manche behaupten, er habe Selbstmord begangen, andere, er sei aus einem Hotelzimmerfenster gefallen.

Wie alt ist Albanien? Nach Abschluss des Londoner Vertrags von 1913, der Albanien international in seinen heutigen Grenzen anerkannte, wurde von der Botschafterkonferenz beschlossen, es solle ein Fürstentum sein. Als Fürst beauftragt wurde der Deutsche Wilhelm Prinz zu Wied. Er blieb es nur wenige Monate. Dann verließ er sein Reich und kehrte nie wieder zurück. Während des Ersten Weltkriegs verschwand die Republik Albanien wieder von der Landkarte, unterschiedliche Truppen besetzten die Gegend, eine Weile auch die der Donaumonarchie, was die Albaner den Österreichern aber bis heute nicht übelnehmen, im Gegenteil.

Erst 1920 bildet sich wieder eine albanische Regierung. Ab 1922 regiert Stammesführer Ahmet Zogu, der sich 1928 zum König ausrufen lässt. Zogu ist seine gesamte Regierungszeit über abhängig von Mussolini, richtet eine faschistische Staatsjugend ein, bis er 1939, als italienische Truppen in Albanien einmarschieren und sich der italienische König zum König von Albanien erklärt, ins Exil flieht. Es folgt die deutsche Besatzung und schließlich der erfolgreiche Widerstand durch die Partisanen und die Kommunistische Partei, straff organisiert, unter der Leitung ihres Gründers Enver Hoxha. Diese Partei war von 1944 bis 1991 die einzige Partei Albaniens.

Vielleicht hängt das gefühlte Alter eines Staates, wie das eines Menschen, wenig vom tatsächlichen Alter ab. Vielleicht hat die Dauer der Unabhängigkeit eines Staates wenig damit zu tun, wie lange er tatsächlich unabhängig ist. Vielleicht ist ein Staat immer so alt, wie er sich fühlt. Vielleicht gibt es für Staaten, wie für Menschen, ein Alter, in dem sie die Wahrheit weniger brauchen als ihre Vorstellung davon.

Die zeitgenössische 100-jährige albanische Unabhängigkeit ist eine eigenwillige Persönlichkeit mit einer Facebook-Seite. Man kann ihr Fan werden oder dafür votieren, Google möge anlässlich des albanischen Jubiläums dringend einen Doodle fabrizieren.

Es war Sommer. August. Am Himmel ein Kratzer, (...) Das Atemholen kam wieder, schreibt Lleshanaku. Die albanischen Filme neueren Datums sind meist Co-Produktionen, und sie haben alle etwas gemeinsam. Sie enden entweder offen oder schlecht. Nie kommen die Geliebten zusammen, der Handlungsstrang löst sich nicht auf, die wenigsten Rätsel werden geklärt, oft endet der Film in einer Katastrophe, mindestens in einem Mord oder Todesfall. Das gilt für die Spielfilme. Die Dokumentarfilme sind hoffnungsvoll. Ihre Protagonisten sind ausgewandert. (Andrea Grill, Album, DER STANDARD, 24./25.11.2012)

  • Albanien rechnet mit der EU. Direkt über dem Bett hängt, wandfüllend, eine 
rote Fahne mit einem schwarzen Doppeladler, der züngelt - wie im 
österreichischen Bundeswappen, nur hat er nichts in den Krallen.
    foto: ap/vadim ghirda

    Albanien rechnet mit der EU. Direkt über dem Bett hängt, wandfüllend, eine rote Fahne mit einem schwarzen Doppeladler, der züngelt - wie im österreichischen Bundeswappen, nur hat er nichts in den Krallen.

  • Andrea Grill, geb. 1975 in Bad Ischl, studierte u. a. Biologie, Italienisch 
und Linguistik in Salzburg und Tirana. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit 
schreibt sie literarische Texte und übersetzt aus dem Albanischen, etwa den 
Lyrikband "Kinder der Natur" von Luljeta Lleshanaku, erschienen 2010 bei Edition 
Korrespondenzen. Zuletzt veröffentlichte sie "Liebesmaschine NYC", erschienen 
2012 im Otto-Müller-Verlag.
    foto: privat

    Andrea Grill, geb. 1975 in Bad Ischl, studierte u. a. Biologie, Italienisch und Linguistik in Salzburg und Tirana. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit schreibt sie literarische Texte und übersetzt aus dem Albanischen, etwa den Lyrikband "Kinder der Natur" von Luljeta Lleshanaku, erschienen 2010 bei Edition Korrespondenzen. Zuletzt veröffentlichte sie "Liebesmaschine NYC", erschienen 2012 im Otto-Müller-Verlag.

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