Akteneintrag Agent: Litauen stellt KGB-Dokumente online

Namenslisten sorgen für Aufsehen

Ein dunkles und bitteres Kapitel aus der Sowjetära holt das EU- und NATO-Land Litauen ein. Dokumente des gefürchteten früheren Geheimdienstes KGB kommen langsam ans Licht - seit Anfang 2012 veröffentlicht das Litauische Forschungszentrum für Völkermord und Widerstand auf seiner Website nach und nach die Akten. Für Aufsehen sorgen vor allem Namenslisten, die sich gezielt nach Nachbarn, Arbeitskollegen oder Prominenten durchsuchen lassen.

Aktivitäten des KGB

"Wir wollen die Aktivitäten des KGB und der Personen offenlegen, die für das repressive System der Besatzungsmacht tätig waren", erklärt Birute Burauskaite, die Leiterin des staatlich finanzierten Zentrums in der Hauptstadt Vilnius. Als "Besatzungsmacht" bezeichnen viele Litauer heute die Sowjetunion. Rund 2000 auf Russisch verfasste Akten sind bereits online. Dazu kommen fast ebenso viele Namen von Litauern, die für den oder mit dem Sowjet-Geheimdienst gearbeitet haben.

Dennoch wird vieles im Dunkeln bleiben. Vom damaligen Bestand des litauischen KGB sind nur etwas über 250.000 Akten erhalten - nicht einmal ein Prozent davon sind Personalunterlagen. Das meiste Material wurde geschreddert oder vor dem Fall des Kommunismus nach Moskau geschafft. Bis heute sind viele Kollaborateure nicht enttarnt.

Spitzelapparats

Schätzungsweise 118.000 "Quellen" haben vom erstmaligen Einmarsch der Roten Armee im Jahr 1940 bis zur litauischen Unabhängigkeit 1991 mehr oder weniger freiwillig mit dem KGB gearbeitet. Mithilfe des Spitzelapparats wurde der Widerstand systematisch unterdrückt - Hunderttausende Andersdenkende kamen oft ohne Prozess in Gefängnisse oder in menschenunwürdige Arbeitslager nach Sibirien.

Bisher haben sich bei der vor zwölf Jahren angestoßenen Durchleuchtung der Vergangenheit ("Lustration"), bei der Träger von öffentlichen Ämtern überprüft werden, rund 1600 Litauer zu einer KGB-Vergangenheit bekannt. Diese wird aber vertraulich behandelt.

Die Namenslisten des Forschungszentrums hingegen sind für jedermann im Internet zugänglich. Alphabetisch nach Familiennamen sortiert, finden sich dort Angaben zur Funktion und Dauer der Zusammenarbeit mit dem KGB. Das Interesse ist riesig: Unter den vielen Nachfragen brach die Website zeitweise zusammen.

Für Aufregung sorgen vor allem die Listen von Reserveoffizieren und KGB-Mitarbeitern in den Städten und Gemeinden Litauens. Dabei wurden der Direktor der Kriminalpolizei und einige Politiker von ihrer Vergangenheit eingeholt. Der Bekannteste unter ihnen ist Ex-Außenminister Antanas Valionis.

Strittig

Anders als in manchen anderen Ex-Ostblockstaaten stößt das Vorgehen der Behörden überwiegend auf Beifall - strittige Fälle gibt es bisher kaum. Dies könnte sich bald ändern: Seit Ende Oktober stellt das Zentrum nach Einzelfallprüfung alle zwei Wochen die Klar- und Decknamen von 20 Geheimagenten samt Agentenkarte ins Netz.

Dass nicht jede Karteikarte auf Unrecht hindeutet und stattdessen viele Unterschriften erpresst oder aus Angst vor Verfolgung geleistet wurden, weiß auch Arvydas Anusauskas. Nach Ansicht des Vorsitzenden des Sicherheitsausschusses im litauischen Parlament müssten dennoch sämtliche Verbindungen zum KGB offengelegt werden. "Wir müssen wissen, wer was in der Vergangenheit getan hat", sagt Anusauskas. Andernfalls könne Litauen dieses düstere Kapitel nie schließen.(APA, 23.11. 2012)

Share if you care
1 Posting
Da kann Österreich noch was lernen.

In den USA werden Akten nach 40 Jahren zugänglich in Österreich werden sie vernichtet.

Dass passt zu unserm Verständnis von Geschichte und Vergangenheit.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.