Studiengang: Die Last der europäischen Geschichte

23. November 2012, 10:33
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Wiener Studiengang "Global Studies" übt Kritik am Eurozentrismus

Wien/Berlin - Langsam und leise hat sich in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft im vergangenen Jahrzehnt eine Wende vollzogen: Das Paradigma des Eurozentrismus, die unhinterfragte Selbstverständlichkeit, Geschichte ausschließlich mit von europäischen Gelehrten entwickelten Modellen zu denken, scheint allmählich über Bord geworfen zu werden. So führt der an der Humboldt-Universität in Berlin lehrende Historiker und Afrikanist Andreas Eckert neue Studiengänge wie "Globalgeschichte", "Weltgeschichte" oder "Global Studies" als Beleg dafür an.

Lange galt die Lesart des europäischen Geschichtsverlaufs als Standardbeispiel für die Entwicklung von Geschichte überhaupt. Nichteuropäische Verläufe wurden daran gemessen, meint Eckert, und ihre Abweichungen als fragwürdig oder gar unterentwickelt begriffen. Weit über die Geschichtswissenschaften hinaus haben eurozentrische Theorien bis heute Langlebigkeit bewiesen. Sie zeigen sich etwa in unzähligen Versuchen, die Weltgeschichte in sauber aufeinanderfolgende Stufen einzuteilen.

Auch die Bewohner nichteuropäischer Regionen wurden daran gemessen. Sogenannte "Ureinwohner" oder "Naturvölker" lebten demgemäß in einem mythischen Zeitalter, weit entfernt von der Geisteskraft europäischer Moderne. Wie aber "die Frage nach den Epochen der Globalgeschichte aus dem Blickwinkel Westafrikas" beantwortet werden würde, ist eine perspektivische Möglichkeit, die vom Institut für Globalgeschichte an der Universität Wien ins Spiel gebracht wird. Sie entlarvt unseren einseitigen geschichtlichen Blickwinkel als unwissenschaftlich und undemokratisch, nicht zuletzt in Anbetracht des kleinen Anteils Europas an der Weltbevölkerung.

Spagat der Wissenschaft

Das Anliegen der Globalgeschichte besteht dagegen in einem wissenschaftlichen Spagat: die Erforschung regionaler Detailgeschichte einerseits und deren Vernetzung zwecks globalgeschichtlicher Theorienbildung andererseits.

Vertreter verschiedener Regionalwissenschaften spielten eine wesentliche Rolle für das Aufkommen der Globalgeschichte seit den 1980er-Jahren. Es waren Spezialisten aus so unterschiedlichen Fächern wie Afrikanistik, Lateinamerikanistik, Süd- oder Ostasienkunde, die mit ihren Detailstudien stark an dem Dogma eurozentrischer Geschichtsschreibung zu sägen begannen, da sie die Verläufe der jeweiligen Geschichte aus erster Quelle und der Perspektive jener, mit denen sich diese Geschichte entwickelte, beschreiben konnten. Außerdem bestand ein Problem darin, dass Geschichte in all ihren Handels- und Migrationsbewegungen selten auf bestimmte Regionen beschränkt ist, sondern sich quer durch Kontinente und Zeitalter verbreitet.

Der Wiener Beitrag zur Globalgeschichte begann institutionalisiert 2005 mit dem Erasmus-Mundus-Programm "European Master in Global Studies".

Seit 2008 wird auch das eigenständige Masterstudium "Globalgeschichte und Global Studies" angeboten. Mehr als zehn Institute, von Afrikanistik, Internationaler Entwicklung, Ostasienwissenschaft und Südasienkunde bis zur Zeitgeschichte, gehören zu der festen Kooperation.

Martina Kaller-Dietrich, Professorin für neuere Geschichte an der Universität Wien, sieht das "Neue und Wesentliche" der Globalgeschichte gerade in der expliziten "Überwindung von Nationalgrenzen und Staaten als Hauptakteuren von Geschichte".

Denn immer, wenn es um globale Themen wie "Handelsnetze im Spätmittelalter, die politische Vermittlerrolle des Osmanischen Reichs oder die Verbreitung der Kulturpflanze Kartoffel" geht, ist ein Zugang gefragt, der sich auf die Interaktionen verschiedener Regionen konzentriert, die erst in ihrer Zusammenarbeit zufriedenstellende und demokratische Antworten liefern können. (Christian Groß, UNISTANDARD, 22.11.2012)

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