Politweihnachtsmänner im ORF

22. November 2012, 20:10
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Expolitiker gelten aufgrund ihrer mitunter schon verklärten Politvergangenheit und ihrer Distanz zum Tagesgezänk als scheinbar unparteiische Experten

Von Zeit zu Zeit sieht man sie gerne. Sie sind Politiker, die ob ihrer Entfernung von tatsächlicher Entscheidungsmacht ausgeruht und bei bester Laune aus Brüssel Sätze wie "es kommt zu einer Lösung - das ist nicht so tragisch! In Europa gibt es immer noch Frieden!" sagen (Hannes Swoboda, Vorsitzender der Sozialdemokraten im Europaparlament im "Report").

Sie sind auch Expolitiker, die aufgrund ihrer mitunter schon verklärten Politvergangenheit und ihrer Distanz zum Tagesgezänk als scheinbar unparteiische Experten gelten. Als Experten, die Lösungen vorschlagen dürfen, welche sie in ihrer aktiven Zeit auch nicht zuwege gebracht haben. Man vermutet in ihnen aber nun interessenfreie Wahrheitsträger.

So sie - wie der ehemalige EU-Agrarkommissar Franz Fischler - ihr Gesicht dann auch noch in einen gepflegten weißen Bart hüllen, ist die Wirkung eines gütigen Orakels perfekt, dessen beruhigenden Weisheiten die TV-Kinder gerne lauschen. Wenn dann allerdings vor so einem ZiB 2-Interview mit Fischler - zu den Wirren um die EU-Budgetverhandlungen - auch noch ein ängstigender Beitrag erscheint - ja dann steigt die Wirkung von Zeitgenossen wie Fischler ins Weihnachtsmannhafte.

Schließlich sieht man einen geplagten Jean-Claude Juncker (Chef der Euro-Gruppe), eine heftig gestikulierende Maria Fekter (Finanzministerin) und José Manuel Barroso (Präsident der EU-Kommission), dessen Stimme sich in der Höhe fistelnd überschlägt.

Man hört einen Vizekanzler Michael Spindelegger, der sich in abgehackter Sprache trotzig zeigt, und schließlich einen von Wort zu Wort immer lauter und verärgerter wirkenden Kanzler Werner Faymann. Nach so viel Leid und Stress mutet Fischler am Küniglberg plötzlich an wie die leibhaftige Lösung aller Probleme. Vermutlich ist er das nicht. Offenbar herrscht aber Bedarf nach Politweihnachtsmännern, die der Welt für Minuten ihren Schrecken nehmen. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 23.11.2012)

  • Gütiges Orakel: Franz Fischler in der ZiB 2
    foto: epa/helmut fohringer

    Gütiges Orakel: Franz Fischler in der ZiB 2

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