Matteo Renzi: "In Italien wurde die Zukunft abgeschafft"

23. November 2012, 05:30
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Matteo Renzi ist 37 Jahre alt und wettert gegen die alten Männer in Italiens Politik - Nun will er Spitzenkandidat der Linken werden

Auf dem weißen Wohnmobil, mit dem er seit Monaten durch alle Provinzen der Halbinsel tourt, prangt in blauen Lettern nur ein Wort: adesso - jetzt. Matteo Renzi gehört zur Generation der Ungeduldigen. Der 37-jährige Bürgermeister von Florenz hat es statt, in der Politik immer dieselben Gesichter zu sehen: "Jene, die schon seit 30 Jahren im Parlament sitzen, gehören endlich abgewrackt!"

Am Sonntag wird sich zeigen, wie viele Wähler dem Obama-Fan, der meist leger in Jeans und weißem Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln auftritt, auf seinem rebellischen Weg folgen. Da fordert Renzi bei den Vorwahlen des linken Partito Democratico Pier Luigi Bersani heraus. Es ist ein Duell, in dem zwei Welten aufeinanderprallen. Der 62-jährige Parteichef gehört zur alten Nomenklatura, die noch dem Partito Comunista angehörte. Bei der Auflösung der UdSSR war er bereits Abgeordneter im Regionalrat in Bologna.

Genau diese Politikergarde will Renzi "umgehend entsorgen". In Italien sei die "Zukunft abgeschafft" worden, die Politiker "an den Parlamentssitzen festgeschraubt", erregt sich der Bürgermeister, dessen Vater bei den Christdemokraten aktiv war.

"Toskanischer Verschrotter"

Freilich konnte der "toskanische Verschrotter" nur in der erstarrten Parteienlandschaft Italiens zum Enfant terrible aufsteigen. Als der Vater von drei Kindern seine Kandidatur bei den Vorwahlen angekündigte, erntete er im Establishment der Partei nur ein mildes Lächeln. Größen wie Massimo D'Alema bedachten ihn mit bissigen Kommentaren, rückten ihn in die Nähe des Populismus, brandmarkten ihn als "Rechtsabweichler".

Erst als Tausende zu seinen Wahlreden strömten, er auf Facebook zum Star wurde und die Basis verärgert auf die Ausgrenzungsversuche reagierte, vollzog die Parteiführung eine abrupte Kurskorrektur. Plötzlich pochte Bersani auf das Parteistatut, das eine Höchstdauer von drei Mandaten vorsieht. D'Alema, Walter Veltroni und weitere langgediente Veteranen kündigten ihren Rückzug an. Nun ersann die Parteihierarchie, die zu 90 Prozent auf Bersanis Seite steht, neue Hürden für Renzi: So muss sich jeder, der sich an der Vorwahl beteiligen will, registrieren lassen und ein Manifest unterzeichnen.

Obwohl zur Vorwahl fünf Bewerber antreten, konzentriert sich alles auf das Duell Renzi-Bersani. Nur dem apulischen Gouverneur Nichi Vendola wird ein Achtungserfolg zugetraut. Umfragen sehen Bersani zwar vorne, erreicht aber kein Bewerber die 50-Prozent-Marke, soll der Spitzenkandidat der Linken um die Monti-Nachfolge erstmals in einer Stichwahl ermittelt werden. Im harten Duell steht der Generationenkonflikt eindeutig im Vordergrund. Millionen jüngerer Italiener fühlen sich um ihre Zukunft betrogen, jeder dritte ist arbeitslos.

Renzi fordert eine grundlegende Reform der Politik und des Parlaments, außerdem Privilegien abbau und einen schlankeren Staat und die Abschaffung der öffentlichen Parteienfinanzierung. Eine Koalition mit den Christdemokraten lehnt er ab.

In der Euphorie um die Vorwahlen, die Bersani als "bedeutende demokratische Errungenschaft" preist, bleibt eine wesentliche Frage unbeantwortet: wie kommt der Partito Democratico, derzeit mit 29 Prozent stärkste Partei, zu einer regierungsfähigen Mehrheit? (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 23.11.2012)

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    Markenzeichen: aufgekrempelte Ärmel. Matteo Renzi will Italiens Politik verändern.

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