Wann der Mensch lernt, vorausschauend zu handeln

25. November 2012, 20:29
11 Postings

Deutsche Forscher fanden heraus, dass das Alter von drei bis fünf Jahren entscheidend für die Entwicklung von geplantem Handeln ist

Wann und wie Menschen lernen, ihre Handlungen im Voraus zu planen, haben nun deutsche Entwicklungs- und Sportpsychologen herausgefunden. Die Wissenschafter entdeckten, dass das Vorschulalter von drei bis fünf Jahren eine entscheidende Phase für die Entwicklung von geplantem Handeln ist. Und: Bei vertrauten Gegenständen wie Gläsern können Kinder deutlich früher ihre Bewegungen vorausplanen als bei unbekannten Gegenständen.

Ein Glas steht mit der Öffnung nach unten auf dem Tisch. Soll ein Erwachsener es umdrehen, macht er zunächst etwas Seltsames: Er verdreht Hand und Arm auf recht unbequem anmutende Weise, greift so das Glas, dreht es und stellt es richtig herum hin: Jetzt könnte er direkt trinken, denn am Ende ist seine Handstellung bequem und - ebenso wie das Glas - "richtig herum". Dieses Phänomen, das Psychologen den "End-state Comfort Effect" nennen, beweist: Es wurde vorausschauend gedacht und die Bewegung im Voraus geplant!

Was so selbstverständlich abläuft, dass kein Gedanke mehr daran verschwendet wird, ist dem Menschen nicht in die Wiege gelegt, sondern wurde irgendwann erlernt. Aber wann und wie? Hiermit befassen sich Entwicklungspsychologinnen am Lehrstuhl von Gisa Aschersleben an der Saar-Uni. Gemeinsam mit dem Paderborner Sportpsychologen Matthias Weigelt untersuchten Aschersleben und ihre Mitarbeiterinnen Birgit Knudsen und Anne Henning den "End-state Comfort Effect" bei Kindern. Rund 100 Jungen und Mädchen im Alter von drei bis acht Jahren - 16 Kinder in jeder Altersgruppe - drehten hierfür in einem Versuch Gläser um. In einem zweiten Versuchsaufbau steckten sie einen Holz-Stab, der an einer Seite auf eine kleine Platte montiert ist, in einen Holzklotz mit passendem Loch.

Große Entwicklungsschritte zwischen drei und fünf

"Beim Versuch mit dem Stab steigern sich die Zahlen der Kinder, die den End-state Comfort Effect nutzten, von 13 Prozent der Dreijährigen bis zu 94 Prozent in der Gruppe der Achtjährigen", erklärt Birgit Knudsen. "Dabei war auffallend, dass sich die Zahl der Kinder, die den Griff nutzten, zwischen drei und vier sowie zwischen vier und fünf Jahren jeweils verdoppelte", so die Psychologin weiter. Das Vorschulalter ist demnach eine wichtige Phase, wenn es um geplante Bewegung geht, so die Folgerung der Forscherinnen. Im Alter von drei bis fünf Jahren machen die Kinder große Entwicklungsschritte und erwerben das für ein vorausplanendes Tun erforderliche Erfahrungswissen.

Dabei spielt es, so fanden die Entwicklungspsychologinnen außerdem heraus, eine große Rolle, ob ein Gegenstand für die Kinder aus dem täglichen Umgang vertraut ist oder nicht: Denn die Zahlen der kleinen End-State-Comfort-Nutzerinnen und -Nutzer waren bei dem vertrauten Glas bedeutend höher: Beim Versuch mit dem umgedrehten Glas nutzten bereits 63 Prozent der Dreijährigen und 100 Prozent der Achtjährigen den End-state Comfort-Griff.

"Vorausschauendes Planen der Bewegungen erfolgt also bei bekannten Gegenständen, mit denen die Kinder Erfahrungen im Alltag haben, deutlich früher", erläutert Birgit Knudsen. Dieses Ergebnis deckt sich mit weiteren aktuellen Forschungsergebnissen von Professor Aschersleben, wonach Vorschulkinder den Gebrauch von ihnen bekannten Werkzeugen genauer und korrekter imitieren, als bei solchen, die sie nicht kennen.

Kindliche Frühförderung

Sonstige Einflussfaktoren, wie Lichteffekte beim richtigen Dreh, die die Forscherinnen in einer Vergleichsgruppe als Anreiz einsetzten, zeigten in der Studie demgegenüber keine Auswirkungen. Die Erkenntnisse der Saarbrücker Entwicklungspsychologinnen sind interessant unter anderem für die kindliche Frühförderung. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscherinnen jetzt im Magazin "Frontiers in Cognition". (red, derstandard.at, 24.11.2012)

Share if you care.