Bulgarische Luxusbischöfe streiten um Chefsessel

22. November 2012, 18:31
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Gerangel um die Nachfolge des verstorbenen Patriarchen Maxim

Die Kirchenführer der bulgarisch-orthodoxen Kirche haben es gern luxuriös. Beim Gerangel um die Nachfolge des verstorbenen Patriarchen Maxim wird in der Bevölkerung des ärmsten Landes der EU Kritik an ihrer sozialen Gleichgültigkeit laut.

 

Kiril, Metropolit von Varna, fährt eine Lincoln-Limousine. Nikolai, Metropolit von Plowdiw, mag Rolex-Uhren. Zwölf der 15 Metropoliten der bulgarischen Kirche sind als einstige Zuträger der Staatssicherheit geführt. Jetzt muss ein neuer Patriarch bestimmt werden. Anfang November verstarb der bisherige Amtsinhaber Maxim im Alter von 98 Jahren. Doch die aufwändige Wahl des Kirchenoberhaupts läuft bisher wenig würdevoll ab: Die Luxuspopen im ärmsten Land der EU streiten um den Chefposten.

Kiril protzte mit Limousine

Kiril ist der interimistische Patriarch und hat bei seiner ersten Messe in der Hauptstadt Sofia schon einmal klargestellt, dass er den Patriarchensessel nicht mehr loslassen will. "Wenn Ansichten auseinandergehen, müssen sie gut begründet sein", warnte der Lincoln-Liebhaber die mit ihm rivalisierenden Glaubensbrüder. Als Kiril im vergangenen Jahr in Varna zum Gottesdienst am Nikolaustag in einer brandneuen Ford-Limousine vorfuhr und dann prahlte, nur er und Barack Obama hätten dieses Hybridfahrzeug, war die Empörung im Volk groß. Fast ein Viertel der Bulgaren lebt un terhalb der Armutsgrenze, eine Million ist ausgewandert.

"Regungslos und gleichgültig" sei die bulgarische Kirche gegenüber den sozialen Problemen des Balkanlandes, stellte der Anthropologe Petar Kanev noch 2002 in einem Aufsatz fest. Ganz so ist es nicht mehr. Es gibt einige Versuche, der Kirche soziale Aufgaben zu übertragen. Die durfte sie in den Jahrzehnten des Sozialismus nicht erfüllen und nur eingeschränkt in den 400 Jahren osmanischer Herrschaft. Nach einem Abkommen mit dem Sozialministerium im vergangenen Jahr plant die orthodoxe Kirche nun rund 80 Projekte auf dem Land - das Geld kommt von der EU. Bisher waren vor allem katholische Hilfsvereine aus dem Westen eingesprungen; sie betreiben Suppenküchen für Arme oder Kinderhorte.

Die Kirchenführer machten dafür mehr mit undurchsichtigen Beziehungen zur bulgarischen Geschäftswelt von sich reden. So war Galaktion, Bischof von Stara Zagora in Mittelbulgarien, der erste in 600 Jahren, der augenscheinlich Gläubigen aufgrund außerordentlicher Verdienste um die Kirche wieder den Titel des Archon verlieh, ein vererbbares Honoratiorenamt aus der Zeit von Byzanz. Seine Wahl fiel dabei auch auf den früheren Sofioter Nachtklubbesitzer und heutigen rechtsgerichteten Europaparlamentarier Slawi Binew. Dass die Auszeichnung nicht gratis zu haben ist, versteht sich von selbst.

Der Umgang mit der Oligarchie werde eine der wichtigsten Fragen für den nächsten Patriarchen sein, sagt Stilian Jotow, Philosophieprofessor an der Universität von Sofia. "Maxims Verdienst war es, die Kirche zusammenzuhalten. Aber die Defizite sind heute offensichtlich", stellt Jotow fest: Die bulgarische Kirche zeige keine Reue angesichts ihrer fragwürdigen Rolle im Sozialismus; zu ethischen Fragen wie der Abtreibung oder Patientenverfügung falle ihr nichts Sinnvolles ein. Was bleibt, seien Ikonen und zwei, drei Stunden Liturgie an Festtagen. Ein Viertel der Bulgaren bekennt sich deshalb auch in Umfragen als atheistisch. Nächste Woche berät die Heilige Synode wieder über die Nachfolge Maxims. Der neue Patriarch muss spätestens bis März 2013 gewählt sein. (Markus Bernath aus Sofia /DER STANDARD, 23.11.2012)

  • Kiril, Metropolit von Varna, ist interimistischer Patriarch der 
bulgarischen Kirche - und will vom Chefposten nicht weg.
    foto: wikimedia

    Kiril, Metropolit von Varna, ist interimistischer Patriarch der bulgarischen Kirche - und will vom Chefposten nicht weg.

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