"Regieführen ändert sich, wie auch Fußball"

Interview22. November 2012, 17:57
1 Posting

Antú Romero Nunes gibt mit "Einige Nachrichten an das All" sein Wien-Debüt - und erzählt, warum er nicht als Hoffnungsträger gelten will

Standard: Sie sind 29 Jahre jung; und Kritiker haben bereits die Marke "ein typischer Nunes" erfunden. Was ist ein typischer Nunes?

Nunes: Das müssen andere entscheiden. Ich kann damit nichts anfangen. Aber ich denke schon, dass sich die eigene Haltung zur Welt in wiedererkennbarer Form ausdrückt, bei mir nicht nur inhaltlich, sondern auch in einer gewissen Freude. Ich möchte nicht nur Lust auf das Denken machen, sondern auch auf das Fühlen.

Standard: Sie haben bereits viele Klassiker bearbeitet. Was verstehen Sie unter Werktreue?

Nunes: Für mich ist Werktreue, dass man den Autor ernst nimmt. Wenn er mir ein Thema gibt, und ich als Regisseur denke das weiter, dann ist das immer noch Werktreue. Das hängt nicht an einzelnen Worten. Ich würde gern einen Autor sehen, wenn er einem Schauspieler erklärt, wie jedes einzelne Wort gesagt gehört.

Standard: Dafür gibt es durchaus Befürworter.

Nunes: Regisseure sind keine Sklaven. Sie stellen sich aber durchaus in den Dienst der Sache. Ja, vielleicht macht es zu einer bestimmten Zeit Sinn, die Worte so in den Mund zu nehmen, wie es die Regieanweisung verlangt, vielleicht aber auch nicht.

Standard: "Einige Nachrichten an das All" (Premiere am 23.11. im Akademietheater, 19.30, Anm.) ist ein heterogener Text, der vom Zusammenhanglosen der Welt erzählt ...

Nunes: ... und das wieder ganz neu. In den 90ern hat man am Theater gesagt, es gibt keine Figuren mehr. Wenn man nicht mehr daran glaubt, im anderen etwas zu verändern, dann gibt es keine Figuren mehr, keine Szenen. Heute sind wir weiter, und dieses Stück sagt: Wir wissen um das Chaos, aber wir sind trotzdem hier, also lasst uns kämpfen.

Standard: Das Gegenwartsmoment im Stück?

Nunes: Wolfram Lotz nimmt sich eines alten Themas neu an: des Sinns, des Nichts. Und behandelt ihn ganz neu, das finde ich großartig für einen jungen Autor. Dass die Leute in den Plattenbauten manchmal Probleme haben, das weiß ich, dafür lese ich auch Zeitung, aber Lotz fragt, was uns als Menschheit beschäftigt.

Standard: Im Stück sprechen Menschen über eine Apparatur in den Weltraum hinein. Fußnoten sind dabei Teil des Textes. Wie inszenieren Sie das?

Nunes: Muss ich das verraten?

Standard: Sie müssen nicht.

Nunes: Also ich habe etwas gefunden, was es sehr klar macht, dass es sich um eine Fußnote handelt. Die Definition von Fußnote ist ja eine Lüge: "eine Anmerkung, die aus dem Fließtext ausgelagert wird, um den Fluss nicht zu unterbrechen" - Das ist ja falsch, denn natürlich wird man unterbrochen. Und so wird es auch im Akademietheater spürbar sein.

Standard: Sie sind seit 2010 am Gorki-Theater Hausregisseur - einer der jüngsten, die es bisher gab. Verpulvern Sie sich gerade?

Nunes: Ich könnte zynisch sagen: Ja, ich bin ausgebucht. Aber sich verauszugaben hat nicht mit der Anzahl der Stücke zu tun, sondern mit der jeweiligen Produktion. Wieso sollte mich ein tolles Stück mit tollen Schauspielern müde machen? Ich weiß auch nicht, wofür genau ich "Hoffnungsträger" sein soll, wie es oft heißt. Hoffnung für was? (lacht) Ich mach halt Theater, und zwar mit großem Respekt vor dem Zuschauer und vor dem Autor, der Autorin.

Standard: Sie haben einmal Schillers "Räuber" auf drei Schauspieler reduziert und nicht nur Zustimmung erhalten. Viele fühlen sich da um ihre Klassiker "betrogen".

Nunes: Viele fühlen sich auch von konventionellen Regiearbeiten betrogen. Der Beruf des Regisseurs ändert sich, es ist wie im Fußball. Der Fußball wird auch schneller und effizienter. Statt wie früher zwanzig Jahre zu assistieren, lernt man heute vor allem gute Technik. Regie wird weniger Interpretation denn Mathematik, eine Art Kunsthandwerk. Das wirkt sich auch auf den Umgang mit Texten aus. Wenn man von Werktreue spricht, sollte man mitbedenken, dass Shakespeare viel improvisieren musste. Er schrieb die Stücke in sechs Tagen, er spielte darin selber und führte Regie. Oder, um mit Lotz zu sprechen: Zwei Clowns improvisieren eine Szene, die schnell abgeschrieben wird, weil die Aufführung bald losgeht. Warum sollten wir uns jahrhundertelang daran halten?
(Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 23.11.2012)


Antú Romero Nunes, 1983 in Tübingen als Sohn einer chilenischen Mutter und eines portugiesischen Vaters geboren, ist einer der erfolgreichsten deutschen Nachwuchsregisseure. Zuletzt erhielt er den Kurt-Hübner-Regiepreis.

  • Inszeniert erstmals in Wien: Antú Romero Nunes.
    foto: christian doppelgatz

    Inszeniert erstmals in Wien: Antú Romero Nunes.

Share if you care.