Sehnsucht nach Zwischentönen

22. November 2012, 17:58
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Wiederaufnahme von Wagners "Meistersinger von Nürnberg"

Wien - Nach Tristan und Isolde hat Richard Wagner das Steuer herumgerissen und seinen nächsten Operntanker aus schwermutstrüben Gewässern in die Gefilde klarer Dur-Moll-Akkorde manövriert. Seit 142 Jahren werden Die Meistersinger von Nürnberg im Haus am Ring gegeben, seit 37 Jahren in der Otto-Schenk-Inszenierung. Oder umgekehrt? Jedenfalls weisen die Brauntonsymphonien, in denen sich Ausstatter Jürgen Rose hier ergeht, nicht nur den weiten Weg zurück ins Nürnberg des 16. Jahrhunderts, sondern auch jenen ins Reich der Klischeebildmalerei. Nach zehn Sekunden sehnt man sich nach den Mielitz- Meistersingern der Volksoper.

Das Wirken Simone Youngs im Staatsoperngraben ließ bei der aktuellen Wiederaufnahme auch Sehnsüchte keimen - vornehmlich solche nach einer differenzierteren dynamischen Gestaltung, nach Delikatheit, nach Innigkeit im Lyrischen, nach mehr Rücksichtnahme auf die Sänger. Im Großen und Ganzen korrespondierte die Lieblingsbeschäftigung Youngs (energische Koordination der Dinge) mit dem vitalen Grundpuls des Werkes. Doch musste das Vorspiel - trotz eines Kaltstarts des Orchesters - derart schnell und platt dargeboten werden? Weiters gerieten etliche rezitativische oder dialogische Passagen zum Orchesterkonzert mit vokalem Hintergrundrauschen: Schade, wenn man einen Sänger wie den Bayreuth-erprobten James Rutherford nur begrenzt vernehmen kann.

Gut, es war wirklich eine leise Autorität, die der junge Engländer hier dem Hans Sachs verlieh; beim Wahnmonolog verhalf immerhin das Bühnenbild zu angemessener Lautstärke. Geschmeidig vom ersten Ton an Johan Botha als Walther, eine helle Freude Norbert Ernst als David, mit souveräner Wärme Ain Anger als Pogner. Am deutschen Zungenschlag von Zoryana Kushpler (Magdalene) ließe sich noch arbeiten; züchtig-schlank der Klang Christina Carvins (Eva), einzelne Spitzentöne strahlten wie Leuchtbojen aus der bewegten See des Orchesterklangs. Der darstellerisch bewundernswerte Adrian Eröd (Beckmesser) ließ sich davon in Grenzbereiche vokalen Raubbaus treiben.  (Stefan Ender, DER STANDARD, 23.11.2012)

25., 29. 11., 2. 12.

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