Davutoglus Tränen

22. November 2012, 15:55
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Der türkische Außenminister konnte beim Besuch in Gaza seine Gefühle nicht mehr zurückhalten. Die ehrliche Reaktion zeigt zugleich die Emotionialisierung der türkischen Außenpolitik.

Darf ein Außenminister weinen? Ja und nein, sagen die Türken. Die erschreckende Zahl von Kindern und Babies, die beim Bombardement des Gazastreifens durch die israelische Armee in den vergangenen Tagen getötet wurden, hat die Türkei besonders aufgewühlt. Es ist ein kinderliebendes Land und eines, das den Nahostkonflikt mit der neu-osmanischen Elle misst.

Ahmet Davutoglu hat im Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt geweint, als er am Dienstag zusammen mit Außenministern der Arabischen Liga zu einem schnellen – und im übrigen einigermaßen riskanten – Solidaritäts- und Verhandlungsbesuch kam. Man zeigte ihm und seiner Frau, die ihn begleitete, neue Opfer der Bombenangriffe. „Es war eine quälende, schockierende Szene“, erzählte Davutoglu später bei seiner Rückkehr nach Ankara in einer Pressekonferenz:

„Die Leichen gehörten einem 15, 16 Jahre alten Mädchen, einer 75-jährigen Person und einem anderen Palästinenser, dessen Blut noch lief. Es war sehr emotional, als der Vater der Tochter hereinkam. Er umarmte uns, als sie ihm sagten, dass der türkische Außenminister seinen Schmerz mit ihm teilen will. Man kann verstehen, was der Vater fühlte, wie man eins mit ihm wird. Man beginnt zu denken, es ist deine eigene Tochter. Man vergisst, dass man Minister ist, dass man Verhandlungen führt. Ich wünschte, ich könnte ihren Schmerz noch mehr teilen. Ist dies nun eine Terroristenfamilie? Was hat dieses 15, 16 Jahre alte Mädchen Israel getan? Wir müssen unsere menschlichen Gefühle vor allem anderen stellen.“

Davutoglus Tränenausbruch war echt, und die Türken fühlen sich nur bestätigt in ihrer Verurteilung Israels. Man könne Hunderte von Büchern darüber schreiben, wie unschuldige Menschen ihr Leben bei den „achtlosen Angriffen“ verloren, aber keines würde so wirkungsvoll sein wie das Bild von Davutoglus Tränen, erklärte Ardan Zenturk in der AKP-freundlichen Zeitung Star.

Die Ersetzung von Realpolitik durch Gefühl ist eine der Konstanten der türkischen Außenpolitik in den vergangenen Jahren geworden. Ankara argumentiert – nicht immer, aber häufig – emotional: in der Frage der Visa-Erleichterung für Türken bei der Einreise in die EU (bisherige Praxis „erniedrigend“, „beleidigend“, „anti-islamisch“), gegenüber der Republik Zypern („Eiszeit“ mit der EU), der Zögerlichkeit des Westens, gleich in Syrien einzumarschieren („Geringschätzung gegenüber dem Leid einer muslimischen Bevölkerung“). Emotionale Ausbrüche können allerdings spätere Kursänderungen in der Außenpolitik verbauen. So wird sich das jüngste Wort des türkischen Regierungschefs Erdogan über Israel als „Terrorstaat“ nicht mehr leicht wegwischen lassen.

Murat Yetkin stellte deshalb nun auch in seinem Leitartikel in Hurriyet Daily fest, dass die unbesonnene Politik Ankaras die Türkei von jener Rolle als gestaltender Macht in Nahost ausschließt, die sich Davutoglu und Erdogan gern vorstellen. Die Waffenruhe in Gaza sei auf Vermittlung Ägyptens zustandegekommen, das anders als die Türkei eben mit beiden Seiten sprechen könne: mit den Palästinensern und mit Israel. Die Türkei hatte nach dem „Märtyrertod“ von neun Aktivisten auf dem Gaza-Hilfsschiff Mavi Marmara 2010 und der ausgebliebenen Entschuldigung Israels die politischen Beziehungen weitgehend gekappt.

Davutoglu ist nun aber auch wegen des augenscheinlich zweierlei Maß kritisiert worden, das die türkische Regierung der „menschlichen Gefühle“ zum einen bei der Hamas im Gazastreifen, zum anderen bei der kurdischen Minderheit im eigenen Land anlegt. Der Istanbuler BDP-Abgeordnete Sırrı Sürreya Önder an die 35 Kurden, die bei einem Fehlbombardement der türkischen Armee im Dezember 2011 starben. Wäre derselbe Außenminister Davutoglu damals zu den Familien in dem Dorf Uludere gegangen und hätte sie umarmt, wäre dieser „Schmutzfleck“ in der türkischen Politik bereinigt worden. „Gegen Israel zu schwadronieren ist leicht“, meinte Sürreya Önder.

An dem Tag, an dem Davutoglu mit Ministerkollegen in Gaza-Stadt war, gingen die Angriffe der israelischen Luftwaffe weiter. Die Delegation änderte wegen der unsicheren Lage ständig ihre Route, doch zu einem Moment zogen Hamas-Anhänger nur wenige Straßen entfernt von den Diplomaten die Leiche eines angeblichen Israel-Kollaborateurs hinter einem Auto her. Mehmet Ali Birand zeigte Bilder davon in seinen Abendnachrichten auf Kanal D – als Gegenstück zu den Tränen des Außenministers.

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