Journalismus in Krisengebieten: "Wollt ihr etwa Genf anrufen?"

23. November 2012, 10:39
12 Postings

Die Schweden Johan Persson und Martin Schibbye schildern in Wien die knapp 15 Monate ihrer Gefangenschaft in Äthiopien und das größere Risiko freier Journalisten

Der Schutz von Journalisten ist keine Selbstverständlichkeit. Wie das Leben von Medienarbeitern besser geschützt und ihr Arbeitsumfeld sicherer gemacht werden kann, darüber beraten UNO-Organisationen und NGOs wie Reporter ohne Grenzen bis Freitag in Wien. Schicksale wie jene von Martin Schibbye und Johan Persson sollen dabei verhindert werden. Die beiden freiberuflichen Journalisten aus Schweden wurden kürzlich von einer Gefängnisstrafe in Äthiopien begnadigt. Die beiden wollen etwas Konstruktives aus der "Hölle", den eineinhalb Jahren, die sie im Gefängnis Kality verbrachten, machen.

Im Sommer 2011 wollen der freischaffende Journalist Schibbye und Fotograf Persson für das schwedische Magazin "Filter" über Menschenrechtsverletzungen in Äthiopien berichten. Besonderes Augenmerk der Recherche liegt bei der Verstrickung der Ölfirma "African Oil", die zur schwedischen Lundin Group gehört. Persson und Schibbye reisen Ende Juni 2011 illegal in die Uhruheprovinz Ogaden ein, gemeinsam mit Angehörigen der separatistischen "Ogaden National Liberation Front" (ONLF). Bei einem Zusammenstoß mit äthiopischen Soldaten kommt es zu einer Schießerei zwischen Militär und Unabhängigkeitskämpfern, bei der 15 ONLF-Mitglieder getötet werden. Persson und Schibbye werden am Arm beziehungsweise an der Schulter getroffen.

Fake Terror-Doku

Trotz Presseausweisen und Erklärungen zu ihrem Aufenthaltsgrund werden sie von äthiopischen Soldaten wegen Verdachts auf terroristische Handlungen festgenommen. "Und da begann der längste Tag unseres Lebens", sagt Schibbye. Mit vorgehaltener Pistole müssen die beiden Journalisten in einem inszenierten Dokumentarfilm mitspielen, der ihre terroristischen Absichten darlegen soll. Nachgestellt wird die Festnahme separatistischer Kämpfer, Schibbye und Persson müssen vor der Kamera aussagen. Dass sie hinter dieser Aktion stehen und sie geplant haben, dass sie gewisse Männer nach Ogaden gebracht hatten. "Dabei haben wir diese Leute noch nie gesehen - sie wurden extra für den Dreh zusammengesucht. Sogar eine Leiche hat das Militär für die Inszenierung hergebracht", schildert Schibbye. Später wurde dieser Film vor Gericht gegen sie verwendet. 

Am Anfang des Videos ist Schibbye bei der Durchsuchung und Befragung zu sehen. Bei Minute 1:30 sieht man die inszenierte Festnahme mit den auf Anweisungen wartenden "Statisten". Ab Minute 2:00 verlangt ein äthiopischer Soldat von Persson, sich abzuputzen und ordentlich hinzusetzen, bevor er sein vermeintliches Geständnis abgibt. Einer der Schauspieler jubelt und lacht bei seiner "Festnahme" (3:42).

Inszenierte Exekution

Persson und Schibbye wird der Kontakt zu ihrer Botschaft verwehrt, auch medizinische Hilfe bekommen die beiden Verletzten nicht. Schibbye: "Später wurden wir auch dazu gezwungen, in einem neuen Film mitzuspielen - weil wir im ersten nicht überzeugend genug waren. Diesmal war es dann eine Scheinhinrichtung. Wir wurden wieder gezwungen, terroristische Absichten zu beichten, dann wurde in die Büsche neben uns geschossen." Das alles, während Persson viel Blut verliert und einige Male in Ohnmacht fällt.

"Wollt ihr etwa Genf anrufen?"

Während der ersten Tage der Gefangenschaft wird den Journalisten Kontakt zu Botschaften und Anwälten verwehrt. Ihre Versuche, mit dem Militär zu verhandeln und ihren Anspruch auf Hilfe und Unterstützung durchzusetzen, werden laut Schibbye mit einem spöttischen "Wollt ihr etwa Genf anrufen?" quittiert. 

Risiko der Freischaffenden

Freischaffende Journalisten sind laut Schibbye in größerer Gefahr. "Wenn wir einer bekannten, repräsentativen Organisation angehört hätten, dann, da bin ich mir sicher, wären die Dinge ganz anders verlaufen." Er meint, dass Freischaffende wegen der ungeklärten, unsichereren Lage in Extremsituationen auf weniger Unterstützung von den Redaktionen und auch dem Heimatland hoffen können. "Einem BBC-Reporter wäre das nicht passiert."

"Journalismus wird kriminalisiert"

Im Herbst 2011 werden Persson und Schibbye ins Kality-Gefängnis in der Hauptstadt Addis Abeba gebracht und wegen illegaler Grenzüberschreitung und Terrorismus angeklagt. "In Äthiopien wird Journalismus kriminalisiert, viele der Insassen im Gefängnis waren äthiopische Journalisten", sagt Schibbye. "Eine der Überlegungen hinter der Aktion mit uns war sicherlich, die eigenen Journalisten einzuschüchtern und ausländische Journalisten abzuschrecken und fernzuhalten." Persson und Schibbye werden zu 11 Jahren Haft verurteilt. Sie entscheiden sich, nicht gegen das Urteil zu berufen, sondern hoffen auf Gnade. "Das war zwar eine schwere, seltsame Entscheidung, die Strafe wider besseren Wissens anzunehmen. Aber es war unsere einzige Hoffnung auf Freiheit."

Meinungsfreiheit "viel zu selbstverständlich"

Und tatsächlich - im September 2012, nach knapp 15 Monaten Gefangenschaft und dem Tod des äthiopischen Premiers Meles Zenawi, werden die beiden Schweden freigelassen. "Die Freiheit, sich wieder ausdrücken, äußern zu können - das war die wirkliche Erleichterung", sagt Schibbye. Fiktive Terror-Aktivitäten, erzwungene Falschaussagen und dann - aus strategischen Gründen - Annahme der Schuld: "Die Meinungsfreiheit ist ein Gut, dass wir meist viel zu selbstverständlich hinnehmen." (Olja Alvir, derStandard.at, 23.11.2012)

UNO-Organisationen beraten in Wien am 22. und 23. November zum Schutz von Journalisten. Um auf diesem Umstand gezielt aufmerksam zu machen, wurde der 23. November zum internationalen Tag zur Beendigung der Straflosigkeit ausgerufen.

Links

daytoendimpunity.org: International Day to end impunity

unesco.org: 2nd UN Inter-Agency Meeting on the Safety of Journalists and the Issue of Impunity

unesco.org: UN Plan of Action on the Safety of Journalists and the Issue of Impunity

  • Martin Schibbye (re.) und Johan Persson (li.) im September 2012 nach ihrer Freilassung.
    foto: epa/bertil ericson

    Martin Schibbye (re.) und Johan Persson (li.) im September 2012 nach ihrer Freilassung.

Share if you care.