Echt oder Fernseh-echt: So wirklich ist die Welt im Reality-TV

Blog23. November 2012, 15:49
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Auf daStandard.at stand letztens eine gelungene Replik auf meinen Text, der sogenannte "Reality"-TV-Formate in Schutz nahm. Die Texte wirken widersprüchlich. Aber: Sind sie es auch?

Wir haben beide recht. Olja Alvir und ich. Und dass die Kollegin von daStandard.at vom Publikum freundlicher behandelt wird, ist normal: Von Armin Thurnher und dem journalistischen Alltag habe ich gelernt, dass Leser nichts weniger verzeihen, als das Nicht-Bestätigen ihrer Weltsicht: Ist die Botschaft nicht affirmativ, gibt es Watschen. Für den Boten. derStandard.at-Poster sind da ganz groß.

Trotzdem haben Olja Alvir und ich recht. Gleichzeitig. Alvir, weil sie einen authentischen und feinfühligen Bericht darüber ablieferte, was sie beim Dreh einer Folge eines sich "Reality" nennenden TV-Dinges erlebte. Mit allen Anweisungen und Einschränkungen, Manipulationen und Korrekturen. Stimmt alles. Bloß: Das macht meine Erzählungen nicht weniger wahr.

Ungleiche Wirklichkeiten

Denn "Reality" ist nicht gleich "Reality" - und mit der wirklichen Wirklichkeit hat Fernsehen ohnehin nur am Rande zu tun: Die Kunst des Filmers ist es ja, die Kamera verschwinden zu lassen. Dass das Drumherum trotzdem immer einen Einfluss hat, ist aber klar. So wie das Wetter. Außer man ist stockbesoffen, dann rennt alles wie von selbst - wie die Saufgelage bei "Saturday Night Fever" zeigen. Da ist dann selbst das Wetter wurscht.

"Reality" ist trotzdem echt. Fernseh-echt - und eben in Abstufungen: Manche Sendungen geben kaum was vor, manche ein bisserl und bei manchen werden minutiös Drehorte und Situationen aufgelistet, durch die zum Beispiel ein Kuppel-Protagonist soll. Als prominentester Beleg für derartige Vorgaben gilt dieser Eintrag auf fernsehkritik.tv: Die Schreiber der TV-kritischen Seite veröffentlichten dort ein Dokument, in dem der Ablauf eines Kuppelshow-Drehs präzise vorgegeben wird. Natürlich verleitet gerade das zu genau einer Conclusio: Alles, wirklich alles, ist hier Fake.

Fake? Nicht ganz.

Bloß: Das stimmt trotzdem nur halb. TV braucht Bühne, Szenen - und Spielzeug. Wie weit man da geht, ist unterschiedlich, aber ganz ohne geht es nicht. Aus drei Gründen: Kosten, Drehzeiten und Rechte.

Wer je versucht hat, mit einer (Amateur)-Kamera in einer Disco oder einem Lokal mehr als das Anstoßen zu Muttis Geburtstag zu filmen, hat was zu erzählen. Und trotzdem keine Idee davon, wer mitunter aller glaubt, sich einbringen zu müssen/dürfen, sobald "große" Kameras im Spiel sind.

Abgestufte Unwirklichkeit

Eines bleibt dennoch authentisch: Das, was die Leute sagen - und wie. Denn Dialoge wie den legendär-bescheuerten Porno-Dialog "Warum liegt hier eigentlich Stroh?" würde niemand schreiben. Weil man so etwas nicht schreiben kann. Geschweige denn vortragen: Jenes Lied, das der Klagenfurter Bürgermeister auf Youtube singt, würde sich kein Kabarettist zu inszenieren trauen - man würde es ihm nicht abnehmen. Denn Authentizität spürt man - und das macht aus Irrsinn Legenden (das Gesangsstück auf dem Video unten beginnt bei 3:05 Minuten).

"Reality" mit Porno und Politik zu vergleichen, kommt nicht von ungefähr: In allen drei Disziplinen geht es darum, über niedrige Bedürfnisse breite Schichten zu ködern. Scham- oder Niveaugrenzen sind da hinderlich. Wer die Gülleschraube am tiefsten in die Jauche dreht, gewinnt: Das dabei verwendete Menschenmaterial ist austauschbar.

Keine Sozialarbeit

Natürlich ist das den Protagonisten gegenüber eine Sauerei. Bloß: Hier treten Menschen auf, die geschäftsfähig, volljährig und wahlberechtigt sind. Dass sie dennoch oft nicht abschätzen können, was sie da tun? Ja eh. Aber Tattoos oder Kinder-in- die-Welt-setzen ist noch irreversibler. Und auch wenn es oft angebracht wäre, da einzuschreiten: Wer an der Urne wählen darf, darf eben auch solche Entscheidungen treffen.

Dass Reality-Macher null Interesse haben, die Akteure vor Waterloo & Peinlichkeit zu bewahren? No na: Das Volk will Freaks. Blut. Schweiß. Tränen. Andere Körperflüssigkeiten sowieso. Und es ist unersättlich. Einst im Kolosseum, heute im Kabel. Der einzige Unterschied: In der Antike sprang keiner freiwillig unbewaffnet vom Stehplatz in die Arena.

Wet-T-Shirts sell

Heute prügelt man sich darum. Oder schaut zu. Bildungsbürgerlich-korrekt über die Abscheu-Bande. Das funktioniert - auch in "Qualitäts"-Medien: Vor zehn Jahren schrieb ich meine erste Massenmaturareise-Reportage. Am Foto: Kids am Strand, mit Buch und Gitarre. Gähn! Als wir das Bild gegen eines vom Wet-T-Shirt-Contest tauschten machte es "Bumm!". (Um der Gender-Falle zu entgehen, stellten wir ein Mr.-Knackarsch-im-nassen-weißen-Hoserl-Wettbewerbspic daneben: Frauen sind ja nicht weniger primitiv als Männer.)

Denn auch hier geht es um Quote: So viele Zugriffe wie Alvirs und meine Geschichten über Trash-Opfer macht man mit Reportagen über gediegene TV-Dokus zu den gleichen Themen nicht. Nie. Nirgendwo: Denn dass und wie Titten, Tränen und Tara funktionieren, wissen halt nicht nur die "bösen" TV-Macher. Doch im Unterschied zu ihnen geben wir es nicht zu: Wir sind nämlich die Guten. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 22.11.2012)

  • Reality-TV ist wie Porno und Politik - in allen drei Disziplinen sollen niedrige Bedürfnisse breiter Schichten geködert werden. Tara aus "Saturday Night Fever" hat das drauf - wie diese Videos beweisen.
    screenshot: youtube

    Reality-TV ist wie Porno und Politik - in allen drei Disziplinen sollen niedrige Bedürfnisse breiter Schichten geködert werden. Tara aus "Saturday Night Fever" hat das drauf - wie diese Videos beweisen.

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