Ich bin Bummelstudent und stehe dazu

22. November 2012, 14:20
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Den Studienabschluss mit Mitte 20 in der Tasche? Nein, danke - derStandard.at sprach mit drei Studenten, die sich auf der Uni nicht stressen lassen wollen

Wer das Wort Bummelstudent verwendet, der tut das, um eine bestimmte Gruppe von Studierenden zu umschreiben. Das geht dann so: Ein junger Mensch, der lange schläft, auf viele Partys geht, gerne politische Diskussionen führt. Die Burschen lange Haare, die Mädchen mindestens ein Piercing. Geschlechtergerechte Sprache, antiheteronormativ. Nur unregelmäßig erscheinen sie auf der Uni. Sie machen wenige Prüfungen, und sie brauchen meist Jahre bis sie mit dem Studium fertig sind - wenn sie es überhaupt abschließen. Soweit das Klischee. 

Dabei gibt es den Begriff "Bummelstudent" schon lange. Vor mehr als hundert Jahren wurde er verwendet, um über die Freiheit der Studierenden zu schreiben. Der amerikanischen Schriftsteller Mark Twain bemerkte einen großen Unterschied zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Studentenleben, als er im Sommer 1878 einige Monate in Heidelberg verbrachte und darüber in seinem Werk "A Tramp Abroad" (deutsch: Bummel durch Europa) schrieb. Er wunderte sich über wenige Vorschriften, darüber, dass die Studenten in eigenen Wohnungen leben und nicht am College-Gelände und, dass man beim Besuch von Vorlesungen auch mal aussetzen kann.

Politik-Sprech

In den letzten Jahren wurde der Begriff zunehmend von der Politik vereinnahmt. Die ÖVP empörte sich jahrelang über "Bummler" an den Unis, bis schließlich 2007 auch der damalige SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer auf das Wording aufsprang. In einem Interview mit der "Kronen Zeitung" zeigte er im Jänner 2007 kein Verständnis "für Bummler, die nur inskribieren und nicht wirklich studieren wollen".

Doch trifft das Bild zu? Sind diejenigen, die ihr Studium nicht innerhalb der durchschnittlichen Studiendauer abschließen, alle faul? Sind ihnen Partys wichtiger als Prüfungen? 

"Das Image lasse ich mir nicht aufdrücken", sagt Michael. Er geht nur alle zwei Monate auf eine Party. Michael möchte seinen Nachnamen lieber nicht im Internet lesen. Er ist erst 23 Jahre alt und bezeichnet sich dennoch bereits als Bummelstudent. Vor sieben Semestern hat er auf der TU Wien zu studieren begonnen.

Für 30 Fächer inskribiert

Weil er anfangs nicht wusste, welches Fach ihn am meisten interessierte, hat er sich für sämtliche Studienrichtungen eingeschrieben. "Das sind 30 bis 40. Auswendig weiß ich das gar nicht so genau", sagt der Student im Gespräch mit derStandard.at. "Ich nehme es mir heraus, herum zu probieren. Ich mache nicht nur Dinge, die laut Studienplan vorgesehen sind, sondern aus Interesse auch anderes." Mittlerweile ist er sich ziemlich sicher, dass er Informatik fertig studieren möchte. Hie und da besucht er aber auch noch Physik-Vorlesungen, "weil viele Lehrveranstaltungen interessant klingen".

Michael wird aller Voraussicht nach 12 Semester für das Bachelor-Studium brauchen, das Doppelte der Mindeststudienzeit.

Organisatorisch schwierig

Von Anfang an arbeitete er während des Studiums. Zuerst in der EDV-Abteilung eines Unternehmens, später als Studienassistent und derzeit wieder in der Privatwirtschaft. Er ist für zehn Stunden pro Woche angestellt. Die Jobs davor waren aufwendiger, da arbeitete er 18 Stunden oder mehr. "Ich muss mich selbst finanzieren", begründet Michael sein berufliches Engagement. Organisatorisch sei es oft schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen. Zwei Tage pro Woche kann er gar nicht auf der Uni sein.

"Sicher wäre ich zwei bis drei Prüfungen weiter vorne, wenn ich mehr gelernt hätte. Diesen Druck mache ich mir aber nicht", sagt der 23-Jährige. Da sind ihm andere Dinge wichtiger. Michael ist in der Uni-Vertretung aktiv, sowie im Gemeinderat seines Heimatorts im Bezirk Rohrbach in Oberösterreich.

Hälfte nach acht Jahren nicht fertig

Michael ist kein Einzelfall. Von den Diplomstudienanfängern des Wintersemesters 2003/2004 an den Universitäten haben nur 44 Prozent, also nicht einmal die Hälfte, ein Studium abgeschlossen. Das besagt die aktuelle Studierendensozialerhebung, die im Oktober präsentiert wurde. 29 Prozent, die vor acht Jahren begonnen haben, haben ihr Studium abgebrochen und 27 Prozent sind noch ohne einen Abschluss weiterhin an einer Universität inskribiert.

Miete zahlen

Auch Mathias Ertl, 28, ist fast zehn Jahre nach Studienbeginn noch nicht mit seinem Studium fertig. Er studiert ebenfalls Informatik. Die ersten drei Semester hat er nicht neben dem Studium gearbeitet, seither schon. Wie Michael hat auch Ertl zu Beginn viel herumprobiert: "Ich habe auch Lehrveranstaltungen in Soziologie und Psychologie absolviert, aber Informatik hat mich am meisten interessiert, das hat mir am meisten Spaß gemacht." Ihm wurde ein Tutoren-Job angeboten und er begann zu arbeiten - auch weil er das Geld brauchte: "Ich musste ja die Miete zahlen."

Momentan arbeitet Ertl 30 Stunden pro Woche in einer Software-Firma. "Auf der Uni fehlt mir nicht mehr wahnsinnig viel. Ich muss nur noch ein paar Kurse machen", sagt der Informatiker.

Elfenbeinturm Universität

Gibt es Vorteile, wenn man neben dem Studium arbeiten geht? " Außer vielleicht finanzielle Unabhängigkeit von den Eltern, eigentlich nicht." Nach einer kurzen Nachdenkpause fällt ihm dann doch was ein: "Wenn man es schafft, in der Branche zu arbeiten, wo man schon studiert, dann hat es natürlich Vorteile, weil man sich viel aneignet." Ertl schätzt an seiner Berufstätigkeit auch, dass er durch die Arbeit Perspektiven einnehmen kann, die man vielleicht während des Studiums so nicht hat. "Die Uni gilt hier ja bekannter Weise als Elfenbeinturm."

Den Begriff Bummelstudent mag Ertl nicht: "Das ist schon ein abwertender Begriff." Er rechtfertigt sich: "Ich habe mir als Vorbereitung auf das Interview meine Prüfungsliste angeschaut. Meine letzte negative Prüfung ist vier Jahre her. Und es waren insgesamt nur vier negative Prüfungen. Das ist sicher nicht überdurchschnittlich viel." Ertl findet es "vollkommen unnachvollziehbar", warum Langzeitstudenten negativ bewertet werden. "Ich koste der Uni keinen Cent mehr. Nur weil ich länger studiere, mache ich die Lehrveranstaltungen ja nicht öfter."

Prüfungsaktiv vs. Prüfungsinaktiv

Die politische Debatte über Langzeitstudenten verfolgt Ertl aufmerksam. "Der Spindelegger würde mich sicher als Bummelstudent bezeichnen", sagt er zerknirscht.

Ertl spielt auf die aktuelle Debatte rund um die Studienplatzfinanzierung an. Der für die ÖVP amtierende Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle unterscheidet in seinem Modell genau zwischen jenen Studierenden, die viele Prüfungen machen und jenen, die eher unregelmäßig auf der Uni erscheinen. Im derzeitigen Rechenmodell des Ministeriums wird die Zahl der Studienplätze mit der Zahl der prüfungsaktiven Studenten festgelegt - das sind jene Studierenden, die pro Jahr Prüfungsleistungen im Umfang von 16 ECTS-Punkten absolvieren - im Moment rund 200.000 der 300.000 Studenten. 100.000 gelten demnach als prüfungsinaktiv.

Fehlgeleitete Jazzsängerin

Sigrid Maurer, Soziologie-Studentin und ehemalige ÖH-Vorsitzende, findet diese Herangehensweise mehr als befremdlich. Sie legt auch darauf Wert, dass man sich auf der Uni Zeit lassen soll und sagt: "Ich würde am liebsten mein ganzes Leben lang ein bisschen studieren."

Maurer hat 2004 in Innsbruck zu studieren begonnen und hat Musikwissenschaft inskribiert. "Da war ich völlig fehlgeleitet, ich wollte eigentlich Jazzsängerin werden, war aber zu feig für die Aufnahmeprüfung", sagt die 27-Jährige heute. Eineinhalb Jahre später ist sie auf Politikwissenschaft umgestiegen.

Keine Zeit zum Studieren als ÖH-Vorsitzende

2009 wurde sie Vorsitzende der Österreichischen HochschülerInnenschaft. "In Wien habe ich zunächst alle möglichen Sachen inskribiert", sagt Maurer. In ihrer Funktion als ÖH-Vorsitzende hatte sie ohnehin keine Zeit, sich dem Studieren zu widmen. Erst 2011 begann sie wieder ernsthaft Vorlesungen und Seminare zu besuchen - diesmal in der Studienrichtung Soziologie. Ihr Ziel ist es, mit Ende des kommenden Sommersemesters mit dem Studium fertig zu sein. "Es kommt aber auch darauf an, ob die Sachen, die mir noch fehlen, angeboten werden." Früher war es einfacher, neben der Berufstätigkeit zu studieren, glaubt Maurer, als es die vielen Voraussetzungsketten noch nicht gab.

Maurer ist der Meinung, dass junge Menschen, die aus der Schule kommen, Zeit für Orientierung brauchen. Sie schlägt eine einjährige Einführungsphase an den Universitäten vor. "Die Leute sollen sich frei auf der Uni bewegen und in Sachen reinschnuppern können."

"Leuten Zeit geben"

Sie selbst weiß ein Lied davon zu singen, wie schwierig es in jungen Jahren ist, das passende Fach zu finden. "Mit 16 wollte ich Biochemie studieren, das klang nach Umwelt. Ich hätte nie rausgefunden, dass ich Soziologie studieren will, aber das ist genau meines, da bin ich zu 100 Prozent richtig. Man muss den Leuten Zeit geben, die richtige Wahl zu treffen."

Bildungsferne Schichten betroffen

Maurer, ihre Eltern sind Lehrer, sagt, dass das für Kinder aus Nichtakademiker-Familien noch schwieriger ist. Hier gibt ihr die Studierendensozialerhebung Recht. Studierende aus Akademikerhaushalten brechen deutlich seltener ihr Studium ab und haben deutlich höhere Erfolgsquoten als Studierende, deren Eltern lediglich über Pflichtschul- oder Lehrabschluss verfügen. Dies ist ganz besonders in rechtswissenschaftlichen Studien der Fall, aber auch in Medizin und sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Studien.

An Fachhochschulen weisen Studierende bildungsferner Schichten eine etwas höhere Erfolgsquote auf als Studierende aus Akademikerhaushalten. Insgesamt haben nach 10 Semesetern rund 80 Prozent der Anfänger von 2003/04 ihr Studium abgeschlossen, darunter deutlich mehr Frauen als Männer.

Zu Beginn des Studiums - egal ob Uni oder FH - brechen Frauen etwas häufiger ab als Männer, erreichen langfristig aber eine höhere Erfolgsquote.

Mit Foucault den Horizont erweitern

Maurer bezeichnet lebenslanges Studieren als gesellschaftliche Bereicherung, nicht nur der Abschluss zähle: "Die Politik sollte froh sein über Leute, die nebenbei studieren." Man komme dabei immer wieder auf neue Gedanken, die einen weiterbringen: "Nach einem Nachmittag Foucault lesen, schaut die Welt schon wieder ganz anders aus."

Die Bezeichnung Bummelstudent sieht Maurer, die bei der kommenden Nationalratswahl für die Grünen kandidieren will, als Auszeichnung. "Ich würde das ja gerne positiv framen, aber das ist leider unmöglich." (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 22.11.2012)

  • Sind diejenigen, die ihr Studium nicht innerhalb der durchschnittlichen Studiendauer abschließen, alle faul?
    foto: apa/fohringer

    Sind diejenigen, die ihr Studium nicht innerhalb der durchschnittlichen Studiendauer abschließen, alle faul?

  • "Bummelstudent" ist ein Kampfbegriff in der politischen Auseinandersetzung. Die Grünen drucken ihn auf T-Shirts.
    foto: ap/punz

    "Bummelstudent" ist ein Kampfbegriff in der politischen Auseinandersetzung. Die Grünen drucken ihn auf T-Shirts.

  • Mathias Ertl, 28: "Der Spindelegger würde mich sicher als Bummelstudent bezeichnen."
    foto: privat

    Mathias Ertl, 28: "Der Spindelegger würde mich sicher als Bummelstudent bezeichnen."

  • Von den Diplomstudienanfängern des Wintersemesters 2003/2004 an den 
Universitäten haben acht Jahre nach Studienbeginn nur 44 Prozent, also 
nicht einmal die Hälfte, ein Studium abgeschlossen.
    foto: apa/hochmuth

    Von den Diplomstudienanfängern des Wintersemesters 2003/2004 an den Universitäten haben acht Jahre nach Studienbeginn nur 44 Prozent, also nicht einmal die Hälfte, ein Studium abgeschlossen.

  • Sigrid Maurer studiert seit 2004:  "Nach einem Nachmittag Foucault lesen, schaut die Welt schon wieder ganz anders aus."
    foto: standard/corn

    Sigrid Maurer studiert seit 2004: "Nach einem Nachmittag Foucault lesen, schaut die Welt schon wieder ganz anders aus."

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