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vergrößern 645x430Reiten lernten osteuropäische Auswanderer als Erstes, nachdem sie in Argentinien angekommen waren. Der Schriftsteller Alberto Gerchunoff nannte sie "jüdische Gauchos".
vergrößern 500x490Anreise & Infos
Flüge Wien-Buenos Aires zum Beispiel mit Iberia oder Lufthansa. Mit dem Bus von Buenos Aires mit Flecha Bus, Tata, El Rápido oder El Pulqui bis Rafaela, weiter mit TA Maipú bis Moisés Ville. Weitere Argentinien-Infos: www.welcomeargentina.com
Sanft bewegt der Wind die Blätter des Avocadobaums im Hof und malt weiche Schatten auf den Frühstückstisch. Frau Sofia serviert Matzebrot und selbst gebackene Erdnusskekse. Aus dem CD-Player erklingt jiddische Musik, die über Achtzigjährige singt mit. Es ist Sabbatmorgen in Moisés Ville, einem Dorf mitten in der argentinischen Pampa, rund 600 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires und 177 Kilometer von der Provinzhauptstadt Santa Fe entfernt.
Moisés Ville ist in kaum einem Reiseführer erwähnt und auf der Landkarte schwer zu finden. Die "Stadt Moses" wurde 1889 von russischen Flüchtlingen aus Podolien in der heutigen Ukraine als erste jüdische Ansiedlung Argentiniens gegründet. Hier lebte der erste Rabbiner des Landes, hier wurden der erste jüdische Friedhof Argentiniens angelegt und die erste landwirtschaftliche Kooperative der Provinz Santa Fe aufgebaut. Juden aus Deutschland, den Niederlanden und Polen bereicherten ab 1937 die Dorfkultur mit ihren Traditionen und Sprachen.
Vier Straßen bilden eine quadratische Grünfläche, die von Spazierwegen durchschnitten wird: Der Dorfplatz sieht auf den ersten Blick aus wie viele Hauptplätze in Argentinien. Doch hier befindet sich in der Mitte ein Beet in Form eines Davidsterns, und anstelle der üblichen Barockkirche prangt die mächtige Fassade des Kadima-Theaters. Hier haben jiddische Theaterstücke einst ihre Feuerprobe bestehen müssen, bevor sie in Buenos Aires aufgeführt wurden.
"Waren Sie schon drinnen?", fragt eine vorbeikommende ältere Frau. Aus ihrem Spanisch ist ein sehr deutsch klingendes Gaumen-R herauszuhören. Frau Wolf ist im Zuge der zweiten Immigrationswelle mit ihren Eltern aus Ostpreußen nach Argentinien gekommen, als sie zwölf Jahre alt war. Hier hat sie später ihren aus Trier stammenden Mann kennengelernt und mit ihm begonnen, ein Stück Land zu bebauen. In Deutschland war sie seither nur einmal bei einem Zwischenstopp in Frankfurt. Sie hat es nicht geschafft, den Flughafen zu verlassen, wollte und konnte deutschen Boden nicht betreten.
Unorthodox und bäuerlich
Die Identität des Dorfes ist von der bewegten Siedlungsgeschichte geprägt, und die Bewohner sind stolz auf ihre Tradition. Im Museum wird diese Geschichte liebevoll dokumentiert. Über mehrere Räume verteilen sich Urkunden, Fotos, Zeitungsausschnitte, Alltagsgeräte und landwirtschaftliche Maschinen. Schläfenlocken, Kaftane oder Pelzhüte sucht man hier vergeblich. Die meisten jüdischen Bewohner definieren sich dennoch als traditionell - irgendwo zwischen orthodox und liberal.
Die Gottesdienste werden in der 1896 fertiggestellten und heute noch erhaltenen Baron-Hirsch-Synagoge abgehalten. Dagegen hängt das Tor am Eingang zur Ruine der Brener-Synagoge schief in den Angeln, die Fenster sind mit Holzbrettern zugenagelt, und der Hof ist hüfthoch mit Gras bewachsen. Innen an der Holzdecke hängen noch die originalen Leuchter von 1910. Das hölzerne Lesepult liegt unter Staub und Bauschutt vergraben, der Thoraschrein ist aus der Wand gerissen. Für diesen Zustand schämt sie sich, sagt die Hebräischlehrerin Frau Ester, die Besucher durch den Ort führt. Obwohl das Gebäude offiziell als historisches Nationaldenkmal gilt, gibt es kein Geld für die Renovierung vom Staat.
Die menschenleeren Straßenzüge, die lautlos unter der Mittagssonne brüten, erinnern an historische Filmkulissen. Auf einzelnen Häuserfassaden und Gartentoren finden sich noch jüdische Symbole und Inschriften in hebräischen Buchstaben. Als das Bankgebäude 2009 modernisiert wurde, konnte die Bevölkerung verhindern, dass die ursprüngliche Eckfassade mit dem Davidstern zerstört wurde.
In einem stillen Winkel steht ein alter Eukalyptuswald, in dessen Schatten lautlos, halb verdeckt von den tief herabhängenden Zweigen, einige Pferde grasen. Ein fetter Hahn bricht aus dem Gestrüpp hinter der niedrigen Steinmauer hervor, stolziert nickend vorbei und wirft einen langen Schatten. Von fern erklingen Wortfetzen und Lachen, es riecht nach gegrilltem Fleisch. Die Bäume stehen da, als ob sie ein Kind mit dunklem Grün auf das satte, warme Rostbraun der Feldwege gemalt hätte. In der Eckkneipe sitzen die Männer und spielen Karten, unter ihnen ein jüdischer Gaucho in Cowboyhosen. Aus dem Internet-Café hört man das Krachen und Ballern von Videospielen. Auf den breiten, kaum befahrenen Straßen spielen die Kinder bis nach Einbruch der Dunkelheit.
Und dennoch, die Bevölkerungsanzahl nimmt ab. Die Jungen wandern auf der Suche nach besseren Bildungschancen, Arbeit und sozialem Aufstieg nach Rosario und Buenos Aires ab, die Alten sterben, viele Häuser stehen leer. Von den rund 2500 Einwohnern ist nur noch eine Minderheit von etwa zehn Prozent jüdisch. Antisemitismus gibt es hier aber nicht, versichern die Alten. Dieser kulturelle Pluralismus unterscheidet Moisés Ville wesentlich von anderen Orten in der Region. Hier vereinen sich die Weite der argentinischen Pampa und osteuropäische Stetl-Architektur zu einer Synthese jenseits von Raum und Zeit. (Michael Giongo, DER STANDARD, Rondo, 23.11.2012)
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