"Lokale Atmosphären sind etwas Exotisches"

Interview
21. November 2012, 18:08
  • José Luis Ortíz Moreno
    foto: jan marot

    José Luis Ortíz Moreno

Am Rande unseres Sonnensystems finden sich die Antworten auf elementare Fragen, ist José Luis Ortíz Moreno vom Andalusischen Astrophysischen Institut überzeugt - er erklärt, wie es auf dem 5,7 Milliarden Kilometer entfernten Zwergplaneten Makemake aussieht

derStandard.at: Was kann man sich unter einer "lokalen Atmosphäre" vorstellen?

Ortíz Moreno: Eine lokale Atmosphäre ist eine, die sich in bestimmten Zonen des Planeten wegen des Austritts von Gasen formt. Im Falle von Makemake treten jene Gase nur in den wärmsten Regionen aus, bei der Sublimation von Methaneis aus. In unserem Sonnensystem wissen wir von weiteren lokalen Atmosphären bei den Monden Io und Enceladus, und möglicherweise existieren solche auch auf anderen Monden. Wobei sich auf jenen Monden die lokalen Atmosphären nicht durch Sublimation formen, sondern aufgrund der Gase von Vulkane und Kryovulkanen - Vulkane, die kein Magma ausstoßen, sondern Wasser und Wassermischungen in eisiger Umgebung. Auch wenn lokale Atmosphären etwas Exotisches sind, sind sie keinesfalls komplett unmöglich.

derStandard.at: Wie unterscheidet sich Makemake von anderen Transneptunischen Objekten?

Ortíz Moreno: In vielen Punkten ist Makemake Pluto und Eris sehr ähnlich. Es sind zwei Zwergplaneten, wie Makemake auch. Verglichen mit anderen Transneptunischen Objekten gibt es jedoch deutliche Unterschiede, wie bei der sogenannten Albedo, sprich der Rückstrahlkapazität des Sonnenlichts. Makemake reflektiert etwa 77 Prozent des Lichts, das auf ihn trifft, während bei den meisten anderen TNOs der Wert meist nicht einmal die Zehn-Prozent-Marke erreicht. Zudem ist die Oberfläche von Makemake mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr unterschiedlich zu den anderen TNOs. Wir glauben, dass Makemake in erster Linie aus Eis wie dem von Methan und möglicherweise auch anderen hochgradig volatilen Elementen besteht. Andere TNOs bestehen aus Wassereis und organischem Material in unterschiedlichen Proportionen.

derStandard.at: Würde man auf Makemake stehen, was wären die Bedingungen?

Ortíz Moreno: Die Oberflächentemperatur von Makemake ist sehr niedrig, bei knapp 36 Kelvin, sprich Minus 237 Grad Celsius, was extrem kalt ist. Wie gesagt, primär besteht der Zwergplanet aus Methaneis. Wir glauben nicht, dass es gefrorenen Stickstoff gibt, aber ausschließen können wir das nicht mit absoluter Sicherheit. Organische Stoffe müssten sich auf Makemake auch finden, sei es auf der Oberfläche oder in den dunkelsten Zonen.

derStandard.at: Aus Ihrem "Nature"-Artikel entnehme ich, dass Makemake quasi Janus-gesichtig ist ...

Ortíz Moreno: Makemake dürfte in der Tat zwei sehr unterschiedliche Seiten haben. Eine stark leuchtend und eisig kalt, die andere sehr dunkel, aber etwas wärmer, wo knapp 50 Kelvin herrschen. Jene Zonen sind die, wo wir auch glauben, dass es zu ausreichend Sublimation von Methaneis kommt. Wir erahnen noch weitere Charakteristika, aber hierfür fehlen uns noch viele Details.

derStandard.at: Was können wir über unser Sonnensystem und das Universum generell lernen, wenn wir die äußeren Zwergplaneten im sogenannten Kuipergürtel erforschen?

Ortíz Moreno: Eine ganze Menge an Antworten auf elementare Fragen, und darunter auch manch Überraschendes. Zum Beispiel wissen wir mit absoluter Sicherheit aus Studien zum Kuipergürtel, dass Neptun stark an den Rand des Sonnensystems gewandert ist, verglichen mit der Position, die er innehatte, als er sich geformt hat. Auch andere Planeten haben sich bewegt. So gibt es mittlerweile ein dynamisches Modell, das unter Wissenschaftern weitreichend Akzeptanz findet. Darin geht man davon aus, dass eine enorm große Menge an Objekten aus dem Kuipergürtel auf die Erde fielen, unmittelbar nachdem die Erde entstanden ist. Jene Einschläge von eisigen Körpern brachten Wasser auf unseren blauen Planeten. Mit dem Wasser vom Rand des Sonnensystems erreichte mit hoher Wahrscheinlichkeit auch organisches Material die Erde, was das Leben erst ermöglichte. Zudem können wir anhand der TNOs auch sehr viel über die Entstehung unseres Sonnensystems wie auch die anderer Systeme im Universum lernen.

derStandard.at: Erachten Sie Pluto nach wie vor als einen Planeten?

Ortíz Moreno: Ich glaube, jene Frage bedarf etwas mehr an Reflexion und vor allem muss man weit mehr Wissen über das Sonnensystem sammeln, um derartige Entscheidungen darüber, was einen Planeten ausmacht, überhaupt treffen zu können. Pluto ist ein Objekt mehr zwischen der enormen Menge an Himmelskörpern jenseits des Neptun im Kuipergürtel. Wenn man wie im Vorjahr auch Ceres aus der Kategorie der Planeten nahm, weil sie sich im Asteroidengürtel befindet, dann macht es Sinn, auch Pluto nicht als einen solchen zu sehen. Dennoch wäre es nicht vollkommen unsinnig, die jeweils größten Objekte eines jeden Gürtels als einen Planeten zu bezeichnen.  (Jan Marot, derStandard.at, 21. 11. 2012)


José Luis Ortíz Moreno (* 1948 in Granada) studierte im südspanischen Granada Physik. Seit dem PhD und zwei Jahren als Forscher bei der NASA in Pasadena (USA) widmet sich Ortíz seit dem Jahr 2000 am Andalusischen Astrophysischen Institut in Granada, wo er als Vizedirektor das Observatorium in der Sierra Nevada leitete, in erster Linie den Transneptunischen Objekten (TNOs) am Rande unseres Sonnensystems. Ende Juli 2005 publizierte Ortíz mit seinem Team die Entdeckung eines Zwergplaneten im Kuipergürtel, der Mitte 2008 Haumea benannt wurde.

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2 Postings

"Dennoch wäre es nicht vollkommen unsinnig, die jeweils größten Objekte eines jeden Gürtels als einen Planeten zu bezeichnen."

Wäre das dann nicht Eris? Die ist ja minimal größer als Pluto. Oder macht man dann einen Unterschied zwischen cubenwanos und SDOs? Kennt sich da wer aus?

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