Athen verärgert über die Nullnummer in Brüssel

21. November 2012, 17:33
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Laut einer Umfrage können sich immer mehr Griechen ein Leben ohne Euro vorstellen

Drei Jahre Sparen für nichts, drei Monate Turbo-Verhandlungen mit der Troika für nur ein weiteres dickes Buch an Kürzungen, das Treffen der Euro-Finanzminister ohne Entscheidung über die dringend benötigte Kreditrate: Athen ist am Mittwoch mit dem leeren Gefühl der Enttäuschung aufgewacht. Die Börse sackte gleich zur Eröffnung ab, Skai TV brachte eine Umfrage auf die Schirme, die eine Wende signalisiert: Die Griechen haben genug von der Bittstellerei in Brüssel. Es geht auch ohne Euro.

82 Prozent gaben vor der Parlamentswahl im Juni noch an, sie wollten ihr Land um jeden Preis in der Eurozone halten. Es war diese Stimmung, die dem konservativen Antonis Samaras ausreichend Sitze für die Bildung einer Koalition verschafft hatte. Jetzt sind es noch 63 Prozent, die am Euro festhalten. Immer noch eine Mehrheit, aber knapp 20 Prozent minus sprechen eine klare Sprache. Immer mehr Griechen können sich ein Leben ohne die gemeinsame Währung und die Sparkontrolle aus Berlin vorstellen.

"Merkels Werkzeug"

"Erniedrigend für Griechenland" fand Alexis Tsipras, der linksgerichtete Oppositionsführer, die immer wieder neuen Begründungen für eine Verschiebung der Kreditauszahlungen. Am Mittwoch griff er vom Parteisitz der Syriza aus einen geschwächten Premier an. Samaras sei ein Werkzeug für den Wahlkampf von Angela Merkel geworden, sagte der Chef der Koalition der radikalen Linken. Jeder Tag beweise, dass der Weg der Sparauflagen falsch sei.

Wären jetzt Neuwahlen, würde Syriza zur stärksten Partei werden und die Nea Dimokratia verdrängen. Die Faschisten würden mit mehr als zehn Prozent zur drittstärksten Partei werden. Griechenland im Jahr drei der für Europa beispiellos harten Sparmaßnahmen hat die politische Mitte verloren.

Nur Stunden vor dem Treffen der Finanzminister in Brüssel soll Athen ein Fax der Kreditgeber erhalten haben. Die Troika verlangte Zusicherungen, dass Griechenland bis 2014 20.000 Beamte entlässt. Dieser Punkt war bei den zermürbenden Verhandlungen über das Sparpaket offenbar vage geblieben. Samaras habe sich quergelegt, meldeten griechische Medien. Es bleibe bei der Überführung der Beamten in eine "Reserve" mit vermindertem Gehalt; nach einem Jahr würde ihre Wiederverwendung an anderer Stelle in der Bürokratie versucht. Auch für die Koalition ist das Ende der Fahnenstange erreicht, sollte das heißen.

Entsprechend verärgert nahmen Evangelos Venizelos und Fotis Kouvelis die neuerliche Verschiebung einer Kredit-Entscheidung in Brüssel zur Kenntnis. Sie sollten Griechenland nicht als Alibi für die tiefere Krise der EU nehmen, kritisierte Pasok-Chef Venizelos die Gläubiger. Kreditgeber und EU-Partner sollten "sofort zu ihren Verpflichtungen stehen", forderte Kouvelis, der Vorsitzende der Demokratischen Linken.

Regierungsumbildung

Samaras sagte nach der Nullnummer in Brüssel eine Reise in den Golfstaat Katar ab, wo er um Investitionen werben wollte. Der Premier, der sich von den EU-Partnern vorgeführt fühlt, muss seine Koalition zusammenhalten. Pasok und Demokratische Linke stützen das Kabinett nur von außen. Samaras will nach der Kreditauszahlung eine Regierungsumbildung versuchen. (Markus Bernath, DER STANDARD, 22.11.2012)

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    Schwieriger Dialog: Währungskommissar Oli Rehn (li.) und der griechische Finanzminister Yiannis Stournaras.

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