Rastlos auf der Suche nach dem besseren Selbst

  • Umtriebige Heldin, die auch die Protestformen der Gegenwart kennenlernen wird: Sita (Anna Fischer) aus Barbara Alberts neuem Film "Die Lebenden".
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    Umtriebige Heldin, die auch die Protestformen der Gegenwart kennenlernen wird: Sita (Anna Fischer) aus Barbara Alberts neuem Film "Die Lebenden".

Barbara Albert erzählt in "Die Lebenden" von einer jungen Frau, die sich in der Vergangenheit umsieht, um die Gegenwart besser bewältigen zu können

 Der persönlich gefärbte Film wirkt trotz seines ambitionierten Zugangs thematisch überladen.

Wien - Die rasant geschnittenen Momentaufnahmen aus Sitas aktuellem Lebensmittelpunkt Berlin vermitteln gleich zu Beginn die engagierte Seite der 25-jährigen Heldin dieses Films. Sie besorgt das Casting für eine angesagte Talenteshow, in das unvermittelt das reale Leid einer illegal in Deutschland lebenden Frau bricht. Tatsächlich setzt sich die von Anna Fischer energisch verkörperte Frau später für ebendiese Kandidatin bei ihrem Produzenten ein und versucht ihn zur Änderung der Sendungsregeln zu bewegen.

Die Szene ist auch ein erster Beleg dafür, woran es diesem Film immer wieder gebricht: an einer Strategie, seinem Anliegen auf beiläufige, umsichtige Art, jedenfalls nicht so lauthals zu begegnen. Barbara Albert hat sich nach sechsjähriger Pause in ihrem neuen Film viel vorgenommen. Ging es schon in früheren Arbeiten um Fragen von Schuld, so vermisst Die Lebenden nun das Verhältnis der Generationen zueinander. Allerdings nicht als direkte Konfrontation, sondern gleichsam über mehrere Banden gespielt.

Albert versucht die Vergangenheit mit einem gegenwärtigen, vorwärtsdrängenden Stil anzuvisieren - dies ist der couragierte, erfrischende Ansatz ihres Films. Oft sieht man Sita in Bewegung, fortgetragen, umhüllt von Musik (u. a. Gustav). Sie ist eine dieser emotionalen, lebensbejahenden Albert-Figuren, denen man unwillkürlich folgt, selbst wenn sie plötzlich wie Fremde auf die eigene Familiengeschichte blicken.

Den Auslöser für Sitas Recherche liefert ein Foto, auf dem ihr Großvater, zu dem sie ein inniges Verhältnis hegte, in einer SS-Uniform zu sehen ist. Mit ihrer Neugierde stößt sie bei nächsten Verwandten, vor allem bei ihrem Vater (August Zirner), auf gereizte Abwehr. Die anderen wollen die Vergangenheit begraben, Sita möchte sie ins Präsens ihrer Existenz überführen.

Die Lebenden ist ein Film voller Echos und Spiegelkonstruktionen, bis in die Namen der Figuren hinein. Auf einer Reise nach Polen, wo sie herausfinden will, mit welchem Auftrag ihr Großvater von den Nazis nach Warschau geschickt worden war, trifft Sita eine Amerikanerin, die sich für die Rechte von Minderheiten einsetzt. Letztere bleibt eine Figur der unmöglichen Identifikation, denn die zentrale Heldin muss gerade mit der Erfahrung der Scham, aus einer Täterfamilie zu stammen, zurechtkommen lernen; die Empathie, die der Film für sich beansprucht, will man nicht unbedingt teilen.

Widersprüche erdulden

Sita entstammt einer Familie von Siebenbürgen-Deutschen, sie hat sich selbst lange als Nachkomme von Vertriebenen betrachtet - am Ende wird sie der alten Heimat auch einen Besuch abstatten. Albert hat hier auch Elemente ihrer eigenen Biografie in den Film eingebracht. Dass sich nicht jeder Identitätskonflikt auflösen lässt, Widersprüche fortbestehen und sich nur schwer dramaturgisch auflösen lassen, von solcher Sensibilität hätte es in Die Lebenden mehr bedurft.

Demgegenüber bevorzugt der Film schwierige, allzu bemüht wirkende Gesten, die etwas zu Ende erzählen, was vielleicht besser offen geblieben wäre. Der Großvater, stimmig verkörpert von Hanns Schuschnig , wird zwar nicht mehr über seine Erfahrungen als SS-Offizier sprechen; am Ende wird es dann aber doch eine Möglichkeit gegeben haben, ihm dabei zuzusehen, wie er sein Gewissen befreit. Es handelt sich dabei um alte Videobänder, auf denen sich der Mann einer geradezu poetischen Sprache bedient.

In Die Lebenden ist der aufrichtige Wunsch zu erkennen, den Verwerfungen einer Familiengeschichte eine Form zu verleihen, die ins Jetzt reicht. Doch nicht zuletzt die Tendenz zur Ästhetisierung bereitet Unbehagen. Manche Nähte sind zu verwegen, um das zusammenzuhalten, was der Film zuerst geöffnet hat.  (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 22.11.2012)

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