Rastlos auf der Suche nach dem besseren Selbst

Dominik Kamalzadeh
21. November 2012, 17:31
  • Umtriebige Heldin, die auch die Protestformen der Gegenwart kennenlernen wird: Sita (Anna Fischer) aus Barbara Alberts neuem Film "Die Lebenden".
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    Umtriebige Heldin, die auch die Protestformen der Gegenwart kennenlernen wird: Sita (Anna Fischer) aus Barbara Alberts neuem Film "Die Lebenden".

Barbara Albert erzählt in "Die Lebenden" von einer jungen Frau, die sich in der Vergangenheit umsieht, um die Gegenwart besser bewältigen zu können

 Der persönlich gefärbte Film wirkt trotz seines ambitionierten Zugangs thematisch überladen.

Wien - Die rasant geschnittenen Momentaufnahmen aus Sitas aktuellem Lebensmittelpunkt Berlin vermitteln gleich zu Beginn die engagierte Seite der 25-jährigen Heldin dieses Films. Sie besorgt das Casting für eine angesagte Talenteshow, in das unvermittelt das reale Leid einer illegal in Deutschland lebenden Frau bricht. Tatsächlich setzt sich die von Anna Fischer energisch verkörperte Frau später für ebendiese Kandidatin bei ihrem Produzenten ein und versucht ihn zur Änderung der Sendungsregeln zu bewegen.

Die Szene ist auch ein erster Beleg dafür, woran es diesem Film immer wieder gebricht: an einer Strategie, seinem Anliegen auf beiläufige, umsichtige Art, jedenfalls nicht so lauthals zu begegnen. Barbara Albert hat sich nach sechsjähriger Pause in ihrem neuen Film viel vorgenommen. Ging es schon in früheren Arbeiten um Fragen von Schuld, so vermisst Die Lebenden nun das Verhältnis der Generationen zueinander. Allerdings nicht als direkte Konfrontation, sondern gleichsam über mehrere Banden gespielt.

Albert versucht die Vergangenheit mit einem gegenwärtigen, vorwärtsdrängenden Stil anzuvisieren - dies ist der couragierte, erfrischende Ansatz ihres Films. Oft sieht man Sita in Bewegung, fortgetragen, umhüllt von Musik (u. a. Gustav). Sie ist eine dieser emotionalen, lebensbejahenden Albert-Figuren, denen man unwillkürlich folgt, selbst wenn sie plötzlich wie Fremde auf die eigene Familiengeschichte blicken.

Den Auslöser für Sitas Recherche liefert ein Foto, auf dem ihr Großvater, zu dem sie ein inniges Verhältnis hegte, in einer SS-Uniform zu sehen ist. Mit ihrer Neugierde stößt sie bei nächsten Verwandten, vor allem bei ihrem Vater (August Zirner), auf gereizte Abwehr. Die anderen wollen die Vergangenheit begraben, Sita möchte sie ins Präsens ihrer Existenz überführen.

Die Lebenden ist ein Film voller Echos und Spiegelkonstruktionen, bis in die Namen der Figuren hinein. Auf einer Reise nach Polen, wo sie herausfinden will, mit welchem Auftrag ihr Großvater von den Nazis nach Warschau geschickt worden war, trifft Sita eine Amerikanerin, die sich für die Rechte von Minderheiten einsetzt. Letztere bleibt eine Figur der unmöglichen Identifikation, denn die zentrale Heldin muss gerade mit der Erfahrung der Scham, aus einer Täterfamilie zu stammen, zurechtkommen lernen; die Empathie, die der Film für sich beansprucht, will man nicht unbedingt teilen.

Widersprüche erdulden

Sita entstammt einer Familie von Siebenbürgen-Deutschen, sie hat sich selbst lange als Nachkomme von Vertriebenen betrachtet - am Ende wird sie der alten Heimat auch einen Besuch abstatten. Albert hat hier auch Elemente ihrer eigenen Biografie in den Film eingebracht. Dass sich nicht jeder Identitätskonflikt auflösen lässt, Widersprüche fortbestehen und sich nur schwer dramaturgisch auflösen lassen, von solcher Sensibilität hätte es in Die Lebenden mehr bedurft.

Demgegenüber bevorzugt der Film schwierige, allzu bemüht wirkende Gesten, die etwas zu Ende erzählen, was vielleicht besser offen geblieben wäre. Der Großvater, stimmig verkörpert von Hanns Schuschnig , wird zwar nicht mehr über seine Erfahrungen als SS-Offizier sprechen; am Ende wird es dann aber doch eine Möglichkeit gegeben haben, ihm dabei zuzusehen, wie er sein Gewissen befreit. Es handelt sich dabei um alte Videobänder, auf denen sich der Mann einer geradezu poetischen Sprache bedient.

In Die Lebenden ist der aufrichtige Wunsch zu erkennen, den Verwerfungen einer Familiengeschichte eine Form zu verleihen, die ins Jetzt reicht. Doch nicht zuletzt die Tendenz zur Ästhetisierung bereitet Unbehagen. Manche Nähte sind zu verwegen, um das zusammenzuhalten, was der Film zuerst geöffnet hat.  (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 22.11.2012)

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13 Postings

Ich finde die Kritik absolut zutreffend, wenn auch zu freundlich formuliert. Der Film vermag (zumindest bei mir) trotz des Themas keinen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, er ist vollgestopft mit gutem Willen (Auschwitz+Tschetschenien ist gut fürs Gefühl, mehr aber nicht), bleibt aber gerade deswegen oberfächlich. Geradezu unerträglich der Schluss, wo die SS-Mann-Enkelin mit ihrem jüdischen Liebhaber tanzt, dem ihre Familiengeschichte völlig egal ist ("I'm not an eye-for-an-eye-type") und der ihr auch noch anbieten muss, mit ihm nach Israel zu gehen. Wie naiv muss man sein, um das auch nur ansatzweise glauben zu können? Das ist leider - trotz der persönlichen Betroffenheit der Regisseuse - Kitsch pur.

habe den film gestern angeguckt ...

... frau albert war auch da.
ganz gegen die obige kritik: der film ist wunderbar - die geschichte klar erzählt - aus meiner sicht: überhaupt nicht überladen.... kann den film nur empfehlen!
was mich wirklich gestört hat (sehr große kinoleinwand): die scheinbar absichtlich verruckelten bilder => lt. frau albert der stil des kameramannes

Ein feinsinniger Film

bei diesem film kann man es sich aussuchen - sich einlassen und mitgehen oder distanziert bleiben. ich finde die entscheidungsfreiheit, die barbara albert ihrem publikum zugesteht, bewundernswert. sie lässt die finger von manipulatorischen stilmitteln und schließlich belohnt sie den empathischen teil ihres publikums mit einer geschichte, die nie isoliert in die vergangenheit, sondern immer in relation auf das jetzt schaut. die identitätskonflikte einer dritten generation aber auch die möglichkeit, an der auseinandersetzung zu wachsen, in trauer und abgrenzung die eigene identität zu stärken sind die thematischen bausteine dieses films.

fand den film leider peinlich, also tatsächlich peinigend - eine nicht-enden-wollende abfolge von klischees.

die motivation der protagonistin ist für mich nicht glaubwürdig bzw. sie fehlt mmn völlig (grundsätzlich schwierig: junges hipster mädl sieht foto von opa in ss uniform und reist daraufhin durch halb europa... ok, das mag schon mal vorkommen)

insgesamt bleibt mir völlig rätselhaft wie frau albert so ein film passieren konnte.

trotzdem unbedingt anschauen!

Premiere

Am Dienstag die Premiere im Cinema-Paradiso in St.Pölten gesehen.
Ein sehr schöner, dichter Film, mit einer hervorragenden Leistung der Hauptdarstellerinnen.
Der Film sollte aber nicht in einem zu kleinen Kino angesehen werden. Da ist nämlich die Handkamera in einigen Szenen sehr anstrengend.

die gemeinten szenen waren auch in einem sehr, sehr großen kinosaal unglaublich anstrengend. und nachdem wir im abspann keinen namen für "kamera" fanden...

... man hat sich die namen der passanten die die kamera halten durften wohl nicht aufgeschrieben

Dann haben sie aber den Abspann gar nicht gesehen, weil der Kameramann war einer der erstgenannten.
Überfordert?

Das ursprünglich geplante Filmplakat

Mit dem Mädchen im Stile der 20er Jahre hat mir besser gefallen.

Hanns Schuschnig

Den Grossvater spielt Hanns Schuschnig, nicht Gerhard Weiss.

derStandard.at/Kultur
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22.11.2012, 09:42
Danke für den Hinweis!

Wir haben den Namen korrigiert.

Sehr geehrter Herr Dominik Kamalzadeh!

.
Wenn ich von einem Film das Drehbuch lesen würde, was bei einer Filmproduktion sicherlich der wichtigste Teil ist, dann wäre ich nicht der geneigte Zuschauer sondern einer der Macher des Films.

Insofern würde ich mir beim Lesen einer Filmkritik, eben eine Filmkritik erwarten und nicht ein Drehbuch, welches wie eine App, die Freiheit einschließt, mir
jegliche persönliche Sicht auf die Handlung und die
mit der verbundenen Analyse vorwegnimmt.

Mit freundlichen Grüßen
Marat Khizgilov Ein Filmliebhaber

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