Bruce Willis schweigt, ein Gedanke naht

21. November 2012, 17:34
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Der deutsche Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt gastiert mit seinem hinreißend-lustigen Roman "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters" in Wien

 Wien - Wenn ein literarischer Text für seinen "Realismus" oder - noch schlimmer - seine "Welthaltigkeit" gelobt wird, sollte man die Füße in die Hand nehmen und möglichst schnell Meter gewinnen. Erstens ist so ein Hybrid meist nicht unter 500 Seiten zu kriegen. Zweitens darf man sich bezüglich des Wahrheitsgehalts von vornherein skeptisch geben.

Im Grunde gibt es keine oft und gern und dank US-amerikanischer Schreiberschulen im Zeichen des Malens nach Zahlen eingeforderten "Geschichten". Es gibt nur "Biografien". Und zu einer durchschnittlichen Erwerbsbiografie am Schreibtisch zählt nun einmal vor allem auch die zwischen Freigang und Leerlauf angesiedelte Flunkerei vor gutbürgerlichem Hintergrund. Diese kann nicht verdecken, dass ein Autor trotz vorgeschobener Verfolgungsjagden, Mordkomplotten, Landschaftsschilderungen und Essen am Familientisch immer nur über sich selbst verhandelt.

Wer von einem Autor das pralle Leben einfordert, muss sich die Antwort gefallen lassen, dass ein Schriftsteller zuvörderst nicht lebt, sondern schreibt. So.

Der deutsche Autor Tilman Rammstedt machte sich schon 2008 in seinem Roman Der Kaiser von China über den Scheidungskrieg zwischen Wirklichkeit und Fiktion lustig. Er führte ihn ins Reich des Absurden. Das war saukomisch. Historisch einmalig gelang es ihm damit, trotzdem den Bachmannpreis zu gewinnen. Aber Lustigsein wird gern mit Oberflächlichkeit verwechselt, auch wenn sich dahinter oft als Galgenhumor getarnte Melancholie verbirgt.

Insofern hat der 1975 in Bielefeld geborene Tilman Rammstedt jetzt mit seinem neuen Roman Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters (Dumont-Verlag, Köln 2012) noch einmal die Schlagzahl erhöht. Bei aller Schlankheit von 160 Seiten legt er darin erneut hinreißend komisch offen, wie eine Erzählung in Ermangelung einer ominösen "Geschichte" auch entstehen könnte - und dass diese dank Unlust und Drucks des Verlags zwischendurch ordentlich bröseln kann.

Wenn man nichts erlebt, hat man nichts zu erzählen? Blödsinn, die Geschichten liegen auf der Hausbank! Warum soll Rammstedt nicht auf Metaebene seinen ehemaligen Bankberater zum Helden einer wüsten Räuberpistole hochjazzen und dabei die vielgerühmten Produktionsbedingungen transparent machen?

Obwohl der Bankberater entlassen wurde und nun nachts im Bankomatfoyer seinen alten Stammkunden mit trivialliterarischen Paulo-Coelhoismen ("Pfützen sind die Ozeane des kleinen Mannes") Lebensberatung gibt, wird beim Warmschreiben eines relativ schnell klar: Der Mann gibt zu wenig her. Vorsicht, ein Gedanke naht! Rammstedt bittet Bruce Willis über E-Mail-Anfrage trotz eines für den Hollywood-Star wahrscheinlich unüblichen Honorars von 500 Euro (inklusive MwSt.), in seinem Roman die Rolle des gegenüber Abenteuern wenig aufgeschlossenen ehemaligen Bankberaters zu übernehmen. Banküberfall, Flucht, Polizei auf den Fersen, Peng, Peng. Das übliche Testosteronzeug.

Betriebsnudelroman

Bruce Willis aber antwortet nicht. Nix. Nie. Rammstedt versucht, den Abgabetermin des Romans immer weiter nach hinten zu verschieben und sitzt seinem traurigen Schicksal zwischendurch melancholisch wie sonst nur Woody Allen oder Wilhelm Genazino in Arztpraxen und Therapiestunden Probe. Er schreibt sich aufgrund des Schweigens des Bruce Willis in Rage. Er bettelt, fleht, beendet sein Werben und fragt erneut an.

Das könnte ein gutes Ende nehmen - aber auch zwei. Nach Wolf Haas mit Verteidigung der Missionarsstellung legt Rammstedt heuer an den Rändern der "Welthaltigkeit" eine weitere Betriebsnudelei vor, die sich gewaschen hat. Der da ist gut: "Ich wünsche Ihnen viel Glück, Herr Willis. Wünschen Sie es mir bitte auch." (Christian Schachinger, DER STANDARD, 22.11.2012)

Tilman Rammstedt auf der Buch Wien am Do., 22. 11., Messe Wien, 14. 30 und 16.30. Anschließend Leseparty im Phil, Gumpendorfer Straße 10, 20.00.

Weitere Termine

An die 300 Autorenlesungen gehen anlässlich der Buch Wien und der Lesefestwoche über die Bühne. Neben Veranstaltungen in der Stadt, etwa mit Vladimir Sorokin am 23. 11. um 19 Uhr im Literaturhaus (Moderation: Standard-Redakteur Ronald Pohl) oder mit Steve Sem-Sandberg, der am 20. 11. (19 Uhr) in der Wienbibliothek des Rathauses mit Ilija Trojanow diskutiert (Moderation: Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid ), finden viele Lesungen in der Buch-Wien-Halle im Messezentrum statt. Unter anderem im Literatur Café, in dem Standard-Redakteure 26 Lesungen moderieren: Am 24. 11. um 13.30 Uhr beispielsweise stellt Michael Freund Milena M. Flasar vor, Andrea Schurian moderiert u. a. Michael Dangl (24. , 16.00) oder Daniel Odija (24., 17.00), Thomas Trenkler und Stefan Gmünder leiten u. a. den Kabarettisten Joesi Prokopetz (24., 14.00) und Andrea Grill (23., 16.15) ein. (red, DER STANDARD, 22.11.2012)

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    Achtung, hier wird mit gefährlichen Metafiktionen hantiert! Der deutsche Autor Tilman Rammstedt
    beschwört Bruce Willis über Elektropost, doch in seinem Roman als Bankberater
    mitzuwirken.

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