Spielend arbeiten

22. November 2012, 17:00
25 Postings

Kinder bewegen sich gerne, gut und geschickt - wenn man sie lässt. Später in der Schule profitieren sie davon

Karina stürmt in den Bewegungsraum, schnappt sich eine der kurzen Röhren und rollt sie in die Ecke zu dem Holzkasten, wo Sebastian gerade damit beschäftigt ist, den orangen Sonnenschirm aufzuspannen. "Kann ich mitmachen?", fragt er das blonde Mädchen mit der frechen Fransenfrisur, doch Katharina hat nur ein knappes "Nein" für ihn parat und einen Tipp unter Vierjährigen: "Bau halt was eigenes."

Nebenan müht sich Daniela mit einer blauen Turnmatte ab. "Ich glaube, Daniela braucht Hilfe", sagt Beatrix Benecik. Seit drei Jahren eröffnet die Pädagogin jeden Morgen gegen halb neun die sogenannte Bewegungsbaustelle im Kinderfreunde-Kindergarten im Goethehof im 22. Bezirk in Wien. Nina kommt dazu, und gemeinsam ziehen die beiden Mädchen zwei Matten in die Mitte des Raumes, dann stellen sie ein dreieckiges Holzgestell darauf und schleppen noch ein Brett heran, das sie bei der obersten Sprosse einhängen. Daniela saust gleich einmal die selbstgebaute Rutsche hinunter, Nina hinterher.

Nur drei Regeln

In der Bewegungsbaustelle gebe es nur drei Regeln, erzählt Beatrix Benecik, die ihre Zusatzausbildung in der Zirkusakademie gemacht hat: "Pass auf dich auf, pass auf andere auf und pass auf das Material auf." Das hat die Kindergartenpädagogin selbst gesammelt, gebaut und auch geschnorrt. Die Motorradreifen, die jetzt ein Turm zum Reinklettern sind, stammen aus einer Autowerkstätte. Die Holzkisten und Röhren hat Benecik gemeinsam mit ihrem Mann gebaut und adaptiert. "Die Bewegungsbaustelle bedeutet für die Kinder, dass sie in dieser Zeit konzentriert arbeiten, und sich selbst organisieren", sagt Benecik. Arbeiten und nicht spielen, darauf legt sie Wert.

Sie selbst begleitet die Kinder dabei nur, ohne sie zu lenken. Ob eines toll balancieren kann oder sich rückwärts zu rutschen traut, ist nicht wichtig. "Die Kinder werden nur für ihren Umgang miteinander gelobt." So stellen sich alle bei der selbstgebauten Rutsche an und warten, bis das Kind vor ihnen fertig ist, egal wie lange es braucht. Und die Kleinen lernen, dass Helfen etwas Gutes ist - aber nicht immer. "Sie kann auf sich selbst aufpassen", ruft Benecik einem Buben zu.

In der Zwischenzeit ist die quirlige Truppe in den Hof übersiedelt. Einige helfen, die "Zauberkästen" aus dem kleinen Gartenhäuschen zu holen, Quader aus Holzplatten, in die auf unterschiedlichen Höhen Bretter zum Balancieren eingehängt werden können. Zwei Buben verschwinden gleich in der großen Plastikröhre, die Benecik dem Leiter einer Großbaustelle abgequatscht hat.

Bewegen lassen

Dass die Kinder heute ungeschickter oder ängstlicher seien als früher, kann die Pädagogin nicht bestätigen. "Wenn man sie lässt, bewegen sie sich auch." Allerdings seien Kinder heute vielfach nur noch vorgefertigte Spielplätze gewohnt. 

Egal ob Laufen, Fußballspielen, Radfahren, Klettern oder Balancieren: Die Kinder im Bewegungskindergarten in St. Veit an der Glan können sich frei bewegen, zusätzlich gibt es gezielte Bewegungseinheiten durch speziell ausgebildete Pädagoginnen. Als die Einrichtung 2004 als erste dieser Art in Österreich eröffnet wurde, waren viele Eltern zunächst noch skeptisch. "Zuerst dachten alle, wir züchten hier Leistungssportler heran", sagt Sportmediziner Hans Holdhaus, der das Pilotprojekt entwickelt hat. Das "bewegte kids"-Konzept will Kindern die Möglichkeit geben, "auf natürliche Weise den Körper zu beherrschen - in spielerischer Form und ohne dass pädagogische Inhalte zu kurz kommen".

Motorisch weit voraus

Eine über drei Jahre laufende Vergleichsstudie durch Holdhaus' Institut für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung zeigte: Die Kinder waren in ihren allgemeinen und motorischen Fähigkeiten um 70 Prozent besser entwickelt als Gleichaltrige. Rita Graf, die seit 2005 in Völkermarkt mit "K|Motion" ihr Konzept eines Bewegungskindergartens umsetzt, verweist auf Studien, wonach Kinder, die Probleme mit Rückwärtslaufen haben, sich auch schwertun, rückwärts zu zählen. "Kinder, die den Bewegungskindergarten besucht haben, waren später durch die Bank hervorragende Schüler", sagt Holdhaus. (Bettina Fernsebner-Kokert und Jutta Kalian, DER STANDARD, Family, 22.11.2012).

  • Auf der "Bewegungsbaustelle" im 22. Bezirk kann jeder sein Tempo selbst bestimmen.
    foto: katsey

    Auf der "Bewegungsbaustelle" im 22. Bezirk kann jeder sein Tempo selbst bestimmen.

  • Oder einfach aus der Röhre schauen.
    foto: katsey

    Oder einfach aus der Röhre schauen.

  • Gelobt werden die Kinder hier nur für ihren Umgang miteinander.
    foto: katsey

    Gelobt werden die Kinder hier nur für ihren Umgang miteinander.

Share if you care.