Studenten mit Behinderung: Grüne fordern Verpflichtung zur Inklusion

21. November 2012, 14:05
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Regierung soll bindenden Umsetzungs- und Finanzierungsplan vorlegen

Wien - 80 Prozent der Studenten mit Behinderung geben an, deshalb Probleme beim Studium zu haben, berichtete Grünen-Behindertensprecherin Helene Jarmer am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Der im Sommer von der Regierung verabschiedete Nationale Aktionsplan für Menschen mit Behinderung kann aus ihrer Sicht deren Lage allerdings nicht verbessern, da die 250 darin angeführten Maßnahmen nicht verpflichtend seien und es auch kein zusätzliches Geld geben solle. Jarmer forderte deshalb die Regierung auf, einen bindenden Umsetzungs- und Finanzierungsplan vorzulegen.

Sonderauswertung des Studierendensozialberichts

Mehr als jeder zehnte Student (ca. 36.500 Personen) hat nach eigener Einschätzung eine chronische Erkrankung oder Behinderung, fast ein Drittel dieser Gruppe leidet unter psychischen Krankheiten, zitierte Wissenschaftssprecher Kurt Grünewald aus einer noch unveröffentlichten Sonderauswertung des Studierendensozialberichts. Angesichts mangelnder Ressourcen und einer "eher virtuellen Uni-Milliarde" erwartet sich Grünewald allerdings keine Verbesserungen für diese Studenten: "Ich fürchte, dass die Unis bei allem Verständnis für Menschen mit Behinderungen deren Anliegen nicht an erste Stelle reihen werden, wenn es hinten und vorne kracht." Grünewald will daher, dass Barrierefreiheit Teil der Leistungsvereinbarungen wird, bei denen Unis und Wissenschaftsministerium Budget und Leistungen vereinbaren.

Bauliche Barrieren

Die Probleme der Betroffenen seien vielfältig, schilderte der Wissenschaftssprecher: So gebe es oft baulichen Barrieren ("Manche Universitäten sind zwei Jahrhunderte alt, die sind so barrierefrei wie eine mittelalterliche Trutzburg"), die Unis könnten aber schon jetzt aus Geldmangel die mit dem Ministerium vereinbarten Umbauten nicht verwirklichen. Die Situation von psychisch Beeinträchtigten sei "besorgniserregend bis katastrophal", die Beratungsstellen nicht ausreichend und das Verständnis der Lehrenden nicht immer da. Er kenne einen Fall, bei dem ein Stotterer sich für ein Erasmus-Stipendium beworben habe und von seinem Gegenüber den Tipp bekam, statt nach Spanien lieber zum Psychiater zu gehen.

Vozeigeprojekte nur in Wien

Dazu kämen finanzielle Probleme, weil nur Studenten mit mehr als 50-prozentiger Behinderung von Studiengebühren befreit würden und zusätzliche Toleranzsemester erhielten. Die Studiendauer verlängere sich durch das Auftreiben verschiedener Hilfsmittel wie Bücher in Blindenschrift ohnehin bereits, was natürlich auch finanzielle Auswirkungen habe. "Es ist chronisch Kranken und Menschen mit Behinderung nicht möglich, schnell zu studieren, weil sie von außen blockiert werden", beklagt Jarmer. Vorzeigeprojekte wie Gestu, bei denen Gehörlose Unterstützung bei der Organisation von Gebärdendolmetschern und Schreibassistenz bekommen, gebe es etwa nur in Wien und selbst hier habe man einen Mangel an Dolmetschern.

Eigene Erfahrung

Auch mit sozialen Barrieren hätten Studenten zu kämpfen, berichtete die gehörlose Abgeordnete von ihrer eigenen Diplomprüfung: Dort sei sie gezwungen worden selbst zu sprechen, da man vermutete, dass ihr ihre Gebärdendolmetscherin helfe. Ziel müsse hingegen sein, dass behinderte Studenten einen Rechtsanspruch auf Unterstützung wie Gehörlosendolmetscher erhalten. (APA, 21.11.2012)

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