"Man darf nicht tun, als wäre man der Discohengst"

Interview21. November 2012, 12:05
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Wie kann man junge Leute für Politik begeistern, ohne peinlich zu wirken? Der SchülerStandard zu Gast bei Michael Spindelegger

Standard: Wie würden Sie reagieren, wenn Ihr Sohn nicht zur Wahl ginge?

Spindelegger: Ich würde versuchen, ihn zu überzeugen, von seinem demokratischen Grundrecht Gebrauch zu machen.

Standard: Würden Sie dabei auch versuchen, ihn in seiner Wahl zu beeinflussen?

Spindelegger: Das ist nicht notwendig: Wenn man gemeinsam in einer Familie ist und miteinander plaudert, entstehen automatisch politische Diskussionen - und Einfluss im Sinn von "Ich sag dir jetzt, was richtig ist" ist prinzipiell kein gutes Mittel, um jemanden zu überzeugen. Das muss schon von ihm selber kommen.

Standard: Wir haben auf unseren Schulen ein bisschen nach Ihnen herumgefragt. Sie sind scheinbar ein relativ unbekannter Parteiobmann. Unter den rund 50 befragten Schülern lag sogar Josef Bucher im Bekanntheitsgrad vor Ihnen. Einige dachten gar, dass Erwin Pröll Obmann der Bundes-ÖVP ist. Wieso, glauben Sie, ist das so?

Spindelegger: Das vermag ich nicht zu sagen, da müsst ihr die jungen Leute schon selbst fragen. Bei den Umfragen, die es unter der Gesamtbevölkerung in Österreich gibt, liegt mein Bekanntheitsgrad bei über 99 Prozent. Ihr habt vielleicht gerade die 0,3 Prozent erwischt, die mich nicht kennen. Ich werde jetzt sicher keine Werbekampagne zu meiner Person extra für Schüler starten.

Standard: Verständlich, Schüler machen ja auch nur drei Prozent aller Wahlberechtigten aus. Sind wir als Wählergruppe überhaupt interessant?

Spindelegger: Natürlich, denn junge Leute bestimmen die Zukunft. Sie sind diejenigen, die betroffen sind von all unseren Schritten. Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, besonders junge Leute einzubinden. Als Erster habe ich mit Sebastian Kurz einem 24-Jährigen die Möglichkeit gegeben, als Regierungsmitglied tätig zu sein.

Standard: Wir haben etwas auf Facebook nachgeschaut: Wenn man Sie auf Facebook sucht, dann hat die Seite "Michael Spindelegger" rund 1500 Likes. Im Vergleich dazu hat H.-C. Strache über 120.000 Likes.

Spindelegger: Wir haben im Ministerium ein anderes Medium als Einstieg in die sozialen Medien gewählt, nämlich Twitter, auf dem uns fast 2500 Menschen folgen. Seit kurzem ist das Außenministerium aber auch auf Facebook.

Standard: Wenn die ÖVP versucht hat, sich an die Jugend zu wenden, ist es oft ein bisschen nach hinten losgegangen, etwa beim "Geil-o-mobil" von Sebastian Kurz.

Spindelegger: Das passiert den anderen Parteien genauso. Man darf in einem Wahlkampf nicht aufgesetzt so tun, als wäre man der super Discohengst, der überall herumsteigt, oder sich genau mit den gleichen Wörtern herumschlagen, die meine Kinder verwenden. Ich werde jetzt nicht sagen, dass alles nur megacool ist. Man muss eben der bleiben, der man ist. Dennoch brauchen wir Repräsentanten, die in unserer Partei für das junge Element stehen. Da ist der Sebastian ein sehr gutes Beispiel - auch wenn für euch ein 25-Jähriger schon verdammt alt ist.

Standard: Bei uns auf der Schule heißt es immer: "Politiker tun ja eh nix." Haben Sie eine Idee, wieso das so rüberkommt?

Spindelegger: Weil es über die Medien so transportiert wird: Nur die negative Botschaft zählt, um die Auflagenzahlen zu erhöhen. Ich würde mich freuen, wenn ein Medium einmal eine positive Nachricht für Österreich ins Zentrum stellt. Es würde einen großen Bedarf danach geben.

Standard: Aber die ÖVP ist doch auch korrupt. Das macht natürlich einen schlechten Eindruck auf die Jugendlichen, wenn die ÖVP so tief in den U-Ausschuss verwickelt ist.

Spindelegger: Ich habe kein Strafverfahren und wurde auch noch nie verdächtigt, irgendetwas gestohlen zu haben. Dass es Einzelne gibt, die das tun - leider ja! Dagegen werde ich auch in der eigenen Partei vorgehen, wie etwa bei Ernst Strasser, der sein Mandat zurücklegen musste. Ich möchte wieder dorthin kommen, dass auch die ÖVP wieder zu einer ehrlichen, sauberen Partei wird, woran niemand mehr zweifelt. Aber ich kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen - leider.

Standard: Beispiel Maria Fekter: Wie kann man an einem Tag Innenministerin sein und am nächsten Tag Finanzministerin? Braucht man da keine Grundkompetenzen?

Spindelegger: Man braucht natürlich Grundkompetenzen, aber nicht im Fach, sondern im Management. Ein Ministerium zu führen ist eine Management-Aufgabe. Fachlich muss man dabei gar nicht der Beste sein. Allein in meinem Ministerium habe ich sieben Sektionschefs, allesamt Fachleute, aber nur auf ihrem Gebiet. Welches spezifische Ressort man dann führt, ist eine zweite Frage. Es ist natürlich nicht optimal, wenn ein Zivildiener jetzt Verteidigungsminister ist, auch wenn wir momentan mit Norbert Darabos einen solchen haben.

Standard: Wird es nicht langsam Zeit, das "christlich" aus der ÖVP herauszustreichen?

Spindelegger: Das christlich-soziale Fundament der ÖVP beruht auf der katholischen Soziallehre. Diese Werte sind auch in unserer heutigen Politik wichtig, weshalb wir aber noch lang keine Filiale der katholischen Kirche sind. Es gibt eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche.

Standard: Die ÖVP hat bei Jugendlichen den Ruf, sehr konservativ und zu brav zu sein. Gibt es irgendwelche Pläne, Neuerungen einzuführen?

Spindelegger: Die Herausforderung ist es, unsere Wertestruktur seit Gründung der ÖVP 1945 auf die Höhe der Zeit zu bringen. Ein Beispiel: Mein Vater ist jetzt 93 Jahre und war einmal Bürgermeister von Hinterbrühl. Für den hatte Freiheit nach dem Zweiten Weltkrieg einen ganz anderen Wert, nämlich frei sein von der Besatzung und vom Hitlerregime. Heute ist der Begriff "Freiheit" ein ganz anderer: Du bist frei, dich zu bewegen und dich in jedem Land der EU niederzulassen.

Der Wert bleibt gleich, dennoch hat "Freiheit" heute eine andere Bedeutung. Das müssen wir auch bei all den anderen für uns wichtigen Werten neu und modern definieren. Damit werden wir vielleicht wieder attraktiver für junge Leute werden. Und dass man mir sagt, ich sei zu brav: Jeder ist so, wie er ist, und muss aus dem das Beste machen. Dabei spielt weniger eine Rolle, ob man schillernd oder brav ist, sondern dass man etwas richtig macht. "Brav sein" sag ich zu meinen Kindern. (Max Schwaiger, Darius Djawadi, DER STANDARD, 21.11.2012)

  • Die SchülerStandard-Autoren Darius und Max zeigen Michael Spindelegger, wie viele (oder eher wenige) Likes er auf Facebook hat. An ihren Schulen ist der ÖVP-Parteiobmann überraschend wenig bekannt.
    foto: standard/cremer

    Die SchülerStandard-Autoren Darius und Max zeigen Michael Spindelegger, wie viele (oder eher wenige) Likes er auf Facebook hat. An ihren Schulen ist der ÖVP-Parteiobmann überraschend wenig bekannt.

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