"Immo-Wirtschaft geht's nur um fette Rendite"

Interview21. November 2012, 12:21
81 Postings

Hausbesitzer vs. Mieterschützer: Martin Prunbauer und Georg Niedermühlbichler im Gespräch über Zuschläge, Altmietverträge, Markt und Regulierung

Die Mieten steigen, das Mietrecht gehört reformiert. Aber wie? Zeit für ein Präsidenten-Treffen: Hausbesitzer Martin Prunbauer (ÖHGB) gegen Mieterschützer Georg Niedermühlbichler (Mietervereinigung). Martin Putschögl hat moderiert.

derStandard.at: Herr Prunbauer, in unserem Interview im vergangenen Juni haben Sie massive Kritik an den Eintrittsrechten im Mietrecht geübt. Georg Niedermühlbichler kann sich vorstellen, Ihnen hier entgegenzukommen, er hätte  dafür aber einige andere Dinge, wie Mietzinsobergrenzen, die taxative Aufzählung der Zu- und Abschläge, die Streichung des Lagezuschlags, die Herausnahme der Gebäudeversicherungen aus dem Betriebskostenkatalog und den Wegfall der Mietvertragsgebühr. Was halten Sie davon?

Prunbauer: Für den Wegfall der Mietvertragsgebühr bin ich natürlich auch, das stand ja irgendwann sogar schon einmal im Regierungsübereinkommen. Es wird Sie aber wenig verwundern, dass die anderen Forderungen in meinen Augen völlig unverhältnismäßig sind, weil sie in die falsche Richtung gehen. Je mehr man reguliert und beschränkt, umso schwieriger ist es, die Investitionen aufrecht zu erhalten, sowohl im Neubau als auch in der Sanierung. Und umso ungerechter wird das Mietrecht, weil es schon jetzt eine Zwei-Klassen-Gesellschaft der Mieter gibt: Die, die ganz wenig zahlen, und die, die etwas mehr zahlen. Das Paket ist also sicher zu groß.

derStandard.at: Gegen die einfache Aufzählung der Zu- und Abschläge im Mietvertrag können Sie aber nicht ernsthaft etwas haben, weil das doch eigentlich keine finanziellen Auswirkungen hat?

Prunbauer: Naja, es kommt darauf an. Wenn Sie mich das in meinem Brotberuf als Anwalt fragen, dann bin ich dafür, weil dann kein Mietvertrag mehr ohne Rechtsanwalt gemacht werden kann. Die Verträge würden dadurch wahnsinnig kompliziert werden. Dass Vermieter und Mieter wirklich etwas davon haben, glaube ich aber nicht. Derzeit kann man einen Mietvertrag noch relativ kurzfristig und relativ einfach abschließen - das ist ein Vorteil für beide, weil dadurch weniger Kosten im Anlauf entstehen.

derStandard.at: Herr Niedermühlbichler, würde das auch aus Ihrer Sicht die Mietverträge komplizierter machen?

Niedermühlbichler: Nein, ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass Fairness und Transparenz angesagt sind. Das größte Problem beim Richtwertsystem ist, dass es eben keine fixen Zu- und Abschläge gibt, mit Ausnahme des Befristungsabschlags, der definitiv mit 25 Prozent festgelegt ist. Alles andere ist eigentlich dem Vermieter überlassen. Und ich sage ganz bewusst dem Vermieter, weil der Mieter sich nicht wirklich dagegen wehren kann. Der Vermieter muss erst gar nicht überlegen, welche Zuschläge er auf die Grundmiete draufschlagen kann, sondern er schaut einfach, was der Markt hergibt und schreibt das in den Mietvertrag hinein. Erst wenn der Mieter glaubt, dass es zu viel ist, muss der Vermieter im Nachhinein begründen, wie er zu seinen Zuschlägen kommt. Das ist nicht transparent, nicht nachvollziehbar. Deshalb bin ich sehr wohl dafür, dass man die Zuschläge im Gesetz taxativ aufzählt. Der Mieter weiß dann genau, wie viel er wofür zahlt - beispielsweise um zwei bis drei Prozent mehr, weil die Wohnung im dritten Stock liegt. Das ist für den Mieter, der in der Regel kein Mietrechtsexperte ist, nachvollziehbar, er unterschreibt das, und damit ist das erledigt.

Prunbauer: Ich glaube nicht, dass das so wichtig ist. Der Mieter rechnet sich nicht ganz genau nach Prozent aus, wie viel Miete er zahlt, sondern der schaut zunächst, was ihm die Wohnung wert ist. Das ist das Wichtige für ihn. Und nur wenn er allgemein das Gefühl hat, dass die Wohnung für ihn zu teuer ist, geht er den Mietzins überprüfen. Das kann man dann im Einzelfall diskutieren. Im Übrigen ist auch der Wiener Richtwert in hohem Maße diskussionswürdig, es ist bekanntlich der zweitniedrigste nach dem Burgenland. Das entspricht sicher nicht wirklich einem städtischen Gebiet.

Niedermühlbichler: Der Wiener Richtwert ist deshalb so gering, weil wir hier über einen hohen Altbestand verfügen. Diese Altbauten sind über hundert Jahre alt und in Wirklichkeit schon drei-, viermal finanziert. Man kann das also nicht damit vergleichen, wenn man jetzt neu bauen würde, mit den heutigen Grundstückskosten. Aus meiner Sicht macht das die Immobilienwirtschaft aber viel zu häufig.

derStandard.at: Den Lagezuschlag rechnet die MA 25 anhand der aktuellen Grundstückskosten aus. Bei einem Zinshaus, das schon 100 Jahre an seinem Ort steht, sind diese hohen aktuellen Grundstückspreise ja nicht angefallen. Ist der Lagezuschlag aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?

Prunbauer: Kurz noch zu Ihrem vorhergehenden Argument: Alte Häuser haben im Laufe ihres Bestehens so viele Investitionen nötig, dass sie in der Zwischenzeit auch schon viermal neu gebaut hätten werden können. Zum Lagezuschlag: Der ist deshalb gerechtfertigt, weil sich der Grundstückspreis ja auch danach richtet, welche Nachfrage man in einer Umgebung hat. Je höher die Nachfrage, desto mehr Leute gibt es, denen es etwas wert ist, in einer bestimmten Umgebung zu wohnen. Das sind echte Parameter, an denen man sich orientieren kann. Ich halte den Lagezuschlag deshalb für sehr gerecht. Und er ist in der Regel auch wenig umstritten, denn die Leute wissen, wo und warum sie in welcher Gegend nach Wohnungen suchen. Manche Leute wollen lieber in Döbling oder in der Inneren Stadt wohnen, und denen ist das auch etwas wert. Einer der großen Kritikpunkte an der Kategoriemiete war ja, dass man nur auf die Ausstattung der Wohnung geschaut hat, und es darüber hinaus egal war, ob die Wohnung am Gürtel oder am Stephansplatz lag. Das ist auch allgemein nicht als gerecht empfunden worden. Daher: Ja zum Lagezuschlag.

Niedermühlbichler: Ich sehe den Lagezuschlag sehr kritisch. Wir sitzen gerade im ersten Bezirk, da ist der Lagezuschlag mit 5,72 Euro schon höher als die Richtwertmiete mit 5,16 Euro. Gleich hinter der Zweierlinie, im 7. Bezirk, hat man aber nur einen Lagezuschlag von knapp zwei Euro. Da kann mir niemand erzählen, dass eine Wohnung auf der rechten Seite der Zweierlinie um so viel mehr wert ist als auf der linken Seite der Zweierlinie. Zur U-Bahn hat man von beiden Seiten gleich weit.

derStandard.at: Müsste also die Lagezuschlagskarte der MA 25 viel punktueller, detaillierter sein?

Niedermühlbichler: Viel detaillierter, ja. Man kann im Zentrum des ersten Bezirks sicher mehr verlangen als an den Randlagen, etwa am Schwedenplatz. Zum Kohlmarkt, der Top-Lage schlechthin, wollen einfach viele Leute hin. Der Lagezuschlag ist also antiquiert, man könnte das mit einem normalen Zuschlag abbilden.

Prunbauer: Man muss dabei bedenken, dass die MA 25 nach den veröffentlichten Zuschlägen rechnet. Ich glaube, das ist einfach eine administrative Vereinfachung. Die Berechnungen der Gerichtssachverständigen weichen teilweise ganz erheblich davon ab, weil die das viel punktueller machen.

Niedermühlbichler: Dass es viel Arbeit von Sachverständigen und damit viel Geld kostet, um festzustellen, wie viel Miete in einer bestimmten Wohnung gerechtfertigt ist, ist ein Argument dafür, das Ganze stark zu vereinfachen, und eben auch für den Mieter nachvollziehbarer zu machen.

Prunbauer: Ja, nur wird man das nicht schaffen, weil man sich die Sache dann wirklich von Block zu Block und von Haus zu Haus ansehen muss, wenn man wirklich gerecht sein will. Deshalb muss man es sich im Detail nur dann ansehen, wenn der Mieter unzufrieden ist mit dem, was er zahlt. Und es werden nur sehr wenige Mietverträge angefochten, da kann die Unzufriedenheit nicht so groß sein.

Niedermühlbichler: Viele wissen einfach nicht darüber Bescheid, dass sie eine zu hohe Miete anfechten können.

Prunbauer: Aber gehn'S, die Mietervereinigung macht doch immer Aussendungen, schreibt immer alle Mieter an, hat also eine gewisse Publizität! Da stellen Sie Ihr Licht jetzt unter den Scheffel! (schmunzelt)

derStandard.at: Ein einfacher Vorschlag: Den Wiener Richtwert auf das Vorarlberger Niveau anheben, und den Lagezuschlag abschaffen. Was halten Sie davon?

Prunbauer: Ich bin für ein Maximum an Flexibilität. Je mehr starre Grenzen man einzieht, umso mehr schadet man jeder Investitionstätigkeit, erschwert damit das Funktionieren des Mietenmarktes. Wir haben übrigens noch gar nicht über die Altverträge geredet, nur über die Neuabschlüsse und vom Richtwert. Die Diskussion zeigt aber auch, dass mit den Altverträgen, jenen vor 1994, etwas nicht stimmt. Die werden wir langfristig auf ein angemessenes Maß anheben müssen. In der ehemaligen DDR hat man das geschafft, und auch in Tschechien. Dort sinken die Mieten angeblich bereits wieder, seit sie freigegeben sind. Ich gebe zu: Nicht für jene, die im untersten bzw. im besonders geschützten Bereich waren. Aber im Schnitt. Das lässt sich sozial verträglich über längere Fristen machen, die Vermieter sind ja eh Leute, die wie die katholische Kirche in Jahrhunderten denken.

derStandard.at: Ließe sich dieses "Problem" nicht ohnehin mit einer Änderung bei den Eintrittsrechten langfristig lösen?

Prunbauer: Nein, denn es bleibt ja weiterhin voll begrenzt, wie hoch man eine Altmiete im Fall eines Eintritts in den Mietvertrag anheben kann.

Niedermühlbichler: In bestehende Mietverträge einzugreifen kommt für mich nicht in Frage. In Tschechien und der DDR war das eine ganz andere Situation, wir hatten ja Gottseidank keinen Kommunismus. Insofern hat sich bei uns das Mietrecht seit dem Friedenskronenzins 1917 schon auch weiterentwickelt. Natürlich hatte das Kategoriesystem Sinn, auch wenn man 1994 gesagt hat, da muss man ein bisschen was tun. Denn mit den damals umgerechnet zwei Euro an Mietzins wär's wirklich schwierig gewesen, ein Haus zu erhalten. Der Fehler war, dass man die Zuschläge nicht klar festgelegt hat.
Sie haben gesagt, dass Sie wie die katholische Kirche in langen Zeiträumen denken. Ich sehe das nicht so. Am Immobilienmarkt der letzten Jahre stört mich, dass Investoren nur noch interessiert, was der Markt hergibt. Früher hat man sich, wenn man an einer Immobilie interessiert war, noch die Mietzinsliste angeschaut. Heute interessiert keinen mehr, ob man die Investition jemals über die Miete wieder hereinholen kann, weil alle davon ausgehen, dass man die Immobilie in zwei oder drei Jahren sowieso viel teurer weiterverkaufen kann. Oder man begründet Eigentum und schöpft so in kurzer Zeit den Gewinn ab. Wer so handelt und argumentiert, braucht Mieten, die nicht gebunden und deshalb so hoch wie möglich sind, damit er die Investitionen halbwegs hereinkriegt. Ich nenne das schon Spekulation und nicht Investition. Auf der anderen Seite wirken sich die massiv steigenden Preise auch auf den Genossenschaftsbau negativ aus. In einigen Bezirken kann man gar nicht mehr gemeinnützig bauen, weil die Grundstückspreise schon so hoch sind dass sie ein gemeinnütziger Bauträger von Gesetz wegen gar nicht mehr kaufen darf.

derStandard.at: Dagegen kann die Stadt aber etwas tun, und das hat sie mit der Widmungskategorie "förderbarer Wohnbau" nun offenbar auch vor. Daran sind also nicht unbedingt die Hausbesitzer schuld.

Prunbauer: Wie die aktuelle Wifo-Studie zeigt, die die Arbeiterkammer kürzlich vorgelegt hat, haben die Grundstückspreise nicht unbedingt etwas mit den Mietpreisen zu tun. Es gibt da eben eine Fluchtbewegung. Die Investoren nehmen eine niedrigere Rendite in Kauf, weil die Finanzmärkte unsicher geworden sind. Ich glaube deshalb, dass man da auf den falschen Knopf drückt, wenn man das über die Mietpreise ausdrücken würde. Ich darf dazu eine unverdächtige Quelle zitieren: "Mietobergrenzen lähmen die Investitionen und reduzieren die Bautätigkeit" - das ist nicht von mir, sondern von der Gewerkschaft Bau-Holz, eine aktuelle Aussendung vom 15. November. Wenn man also über den Tellerrand hinausblickt, sieht man, dass der private Sektor wirtschaftlich extrem wichtig ist. Für den Anstieg der Bautätigkeit im Jahr 2011 war nur der freifinanzierte Bereich zuständig. Es braucht also einen Anreiz, um viel Geld in die Hand zu nehmen, um etwas zu bauen. Die Begrenzung der Mieten wäre völlig kontraproduktiv.

derStandard.at: Die Mietzinsobergrenzen im Altbau haben aber jetzt nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass zuwenig neu gebaut wird.

Prunbauer: Aber man verhindert damit die Investitionen im Altbau; die notwendige Verdichtung der Stadt, man braucht andere Wohnungen in anderen Größen. Auch da ist natürlich das Problem mit den Altmietern, dass manche eine möglicherweise zu große Wohnung nicht aufgeben wollen und können, weil eine neuere kleinere Wohnung unter Umständen teurer wäre als die, die sie unter besonders geschützten Bedingungen angemietet haben.

Niedermühlbichler: Die Frage ist: Wie viele Mieteinnahmen braucht ein Hausbesitzer, um das Haus erhalten und verbessern zu können? Dazu kommt von der Immobilienwirtschaft leider nicht viel. Preismäßig wird kein so großer Unterschied sein, ob man jetzt das Dach eines Zinshauses im 15. Bezirk neu machen lässt, oder von einem Zinshaus im ersten Bezirk. Kein Dachdecker wird sagen: Im ersten Bezirk kostet es das Doppelte, weil dort ja auch der Grund doppelt so viel wert ist. Bei den Mieten ist es aber so.
Das, was der Hausbesitzer braucht, dazu noch ein kleiner Aufschlag, eine kleine Rendite, das sollte dann im Wesentlichen die Miete sein. Das wäre ein gerechter Umgang für beide Seiten. Der Immo-Wirtschaft geht es leider immer nur darum, eine fette Rendite zu haben. Für die Leute, die sich nicht mehr leisten können, soll es die Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen geben, und sie selbst will sich nur um die Leute kümmern, wo es Gewinne abzuschöpfen gibt. Und der Staat soll dann auch noch Wohnbeihilfe zuschießen, das ist für mich die Spitze.

derStandard.at: Weil damit nur die Vermieter subventioniert werden?

Niedermühlbichler: Genau. Und das ist der Punkt.

Prunbauer: Das Argument ist unfair!

Niedermühlbichler: Wir als Mietervereinigung sehen also durchaus die Möglichkeit, bei den Eintrittsrechten etwas zu tun, ...

Prunbauer: Das habe ich mir schon aufgeschrieben!

Niedermühlbichler: ... aber im Gegenzug müssen wir gemeinsam dafür sorgen, dass es auch am privaten Wohnungsmarkt für Menschen, die eine Wohnung suchen und sich eben nur am privaten Markt versorgen können - denn solche Leute gibt es! -, entsprechend leistbare Mieten gibt. Es muss nicht im ersten Bezirk sein, aber es soll für junge Familien leistbar sein.

Prunbauer: Das Argument mit der Wohnbeihilfe ist deshalb unfair, weil ich andererseits auch noch nie gehört habe, dass irgendjemand in der Sozialbeihilfe oder der Notstandshilfe eine Förderung des Lebensmittelhandels sieht. Aber bei Mieten soll das so sein? Ich bin der Ansicht, dass es für Leute, die sich besonders teure und luxuriöse Wohnungen leisten wollen, auch dieses Segment geben muss. Daher soll man in den entsprechenden Gegenden investieren können, um solche Mieter zu bekommen. Wir brauchen den Pluralismus am Markt, die großen genauso wie die kleinen Anbieter, die Luxuswohnungen und die günstigen Wohnungen. Insofern ist das Argument, es seien ja überall die gleichen Kosten mit allfälligen Adaptierungen oder Renovierungen verbunden, nicht fair, weil ich ja auch nach dem Markt anbieten darf. Ansonsten hätten wir die totale Regulierung, die nicht gut sein kann.
Was in der Diskussion stark untergeht ist, dass man bei uns über die hohen Mieten Beschwerde führt, aber wir in Wahrheit mit den Preisen im unteren Drittel sind. Das sagt nicht nur die aktuelle Wifo-Studie, sondern auch die kurz zuvor erschienene Studie der Bank Austria. Es gibt bei uns eine hohe Zufriedenheit der Mieter. Es gibt nach wie vor Leute, die Unterstützung brauchen, aber deswegen kann man nicht über alles eine Decke legen und alles mit einer allgemeinen Grenze zudecken.

Niedermühlbichler: Der Mensch lebt nicht im Vergleich. Dem Einzelnen ist es wichtig, wie es hier ist, und nicht in Paris oder London.

Prunbauer: Irgendwie muss man's aber objektivieren!

Niedermühlbichler: Und dass wir auch im privaten Bereich leistbare Mieten haben, stimmt nur bei den Bestandsmieten. Bei den Neuvermietungen ging's im privaten Bereich zuletzt steil nach oben - plus 40, teilweise sogar plus 50 Prozent. Das Richtwertmietengesetz gibt's ja schon, es muss aus meiner Sicht nur treffsicher werden. Auch Sie sagen ja, dass das derzeitige System nicht mehr passt und dass es novelliert werden muss.

Prunbauer: Stimmt, da sind wir einer Meinung - nur der Ansatz ist ein anderer: Ich bin für mehr Markt, Sie für mehr Regulierung.

Niedermühlbichler: Daher sage ich: Setzen wir uns zusammen, schauen wir, dass wir als Interessenvertreter Lösungen finden, mit denen beide Seiten leben können. Da ist mein Vorschlag, bei den Eintrittsrechten was zu machen. Dann hätten wir schon was erreicht.

derStandard.at: Können wir festhalten, dass Sie bei der Neuregelung der Eintrittsrechte grundsätzlich d'accord sind?

Prunbauer: Ja, die Frage ist noch der Preis dafür! (lacht)

Niedermühlbichler: Naja, wir brauchen ja auch noch etwas zum Verhandeln. Allerdings darf das nicht so enden wie die Diskussion über die Thermen, die wir in den vergangenen Jahren geführt haben. Wir machten den Vorschlag, die Sache aus den Kategoriemietverträgen rauszunehmen, dass sich diese Leute also ihre kaputten Thermen selber zahlen sollen. Ich denke, wir haben wirklich faire Vorschläge gemacht. Mieter, die bis zu neun Euro pro Quadratmeter zahlen, sollten die Therme vom Vermieter ersetzt bekommen. Einige aus der Immo-Wirtschaft haben das auch unterstützt. Andere haben gesagt, das kommt gar nicht in Frage, wenn die Therme kaputt ist soll sie sich der Mieter selbst zahlen. Obwohl diese Mieter die Wohnung mit funktionierender Heizung angemietet haben!

Prunbauer: Nicht böse sein, aber diese Argumentation hat der Oberste Gerichtshof seit Jahren geführt, und die werden wir hier jetzt nicht ausdiskutieren können.

Niedermühlbichler: Nein, aber sie zeigt, dass es auch da keinen Spielraum bei der Immobilienwirtschaft gibt - also bei denen, die wirklich hohe Mieten zahlen. Dann ist die Therme kaputt, und man muss erst wieder mit dem Vermieter streiten. Das kann's ja nicht sein.

Prunbauer: Wir beiden wissen aber auch, dass in so einem Fall dann natürlich nicht mehr der ordentliche Mietzins bezahlt werden muss, sondern dass es dann durchaus einen Mietzinsminderungsanspruch gibt.

Niedermühlbichler: Ja, wenn man in der kalten Wohnung sitzt! Ich hätte mir einfach gewünscht, dass der Vermieter sagt: Klar, du zahlst mir ja eine ordentliche Miete, und wenn deine Therme kaputt ist, musst du nicht zwei Monate lang in der kalten Wohnung sitzen, sondern dann zahle ich dir selbstverständlich eine neue Therme!

derStandard.at: Um abschließend nochmals die eingangs zitierten Verhandlungspunkte abzuklopfen: Mietzinsobergrenzen sind für Sie ein No-Go?

Prunbauer: Ja.

derStandard.at: Die Aufzählung der Zu- und Abschläge im Mietvertrag?

Prunbauer: Gerade das wären für mich Mietzinsobergrenzen, weil das wieder eine Kategorisierung wäre.

derStandard.at: Gebäude-Versicherungen raus aus dem Betriebskostenkatalog?

Prunbauer: Wir können über alle Betriebskosten reden, wenn wir angemessene Mieten bei Neuvermietungen und für Altmieten kriegen können. Aber so wär's in Wahrheit eine Kürzung von bereits geregelten Mieten. Das schützt die Falschen.

Niedermühlbichler: Wobei Sie zugeben müssen, dass durch die Versicherungen Aufgaben an den Mieter überwälzt werden, die eigentlich der Vermieter übernehmen müsste, etwa Sturmschäden im Außenbereich. Wenn der Vermieter eine Sturmschadenversicherung hat, kann er die Kosten an die Mieter abwälzen, denn die zahlen das dann letztlich über die Versicherungsprämien.

Prunbauer: Aber es ist doch auch der Mieter daran interessiert, dass das gerichtet wird.

derStandard.at: Da besteht also auch noch Diskussionsbedarf. Der Punkt "Streichung des Lagezuschlags" - für Sie, Herr Prunbauer, auch indiskutabel?

Prunbauer: Ja.

Niedermühlbichler: Auch wenn das Gespräch sehr kontrovers geworden ist, gibt es wohl doch mehr Punkte als wir jetzt auf den Tisch gelegt haben, wo wir uns einigen können. Und wenn wir uns zusammensetzen, werden wir vielleicht das zusammenbringen, was auf Bundesebene bisher noch nicht funktioniert hat.

Prunbauer: Man kann über alles reden. Aber nicht, wenn man die fixen Grenzen hat. Ich schreibe dem Anker ja auch nicht vor, dass er für eine Semmel nicht mehr verlangen darf. Und trotzdem hungern die Österreicher nicht.

Niedermühlbichler: Ich verlange nicht von Hauseigentümern, dass sie ganz selbstlos ihre Objekte vermieten müssen oder vielleicht sogar noch ein bisschen was dazuzahlen. Aber das passiert auch im regulierten Markt, wie wir ihn jetzt haben, nicht. Es gibt keine Armut unter den Vermietern. Und wenn wir das noch ein bisschen regulieren, klarer machen, einfacher machen für Mieter, da durchzublicken, wird das nicht die Investitionstätigkeit massiv senken. (Martin Putschögl, derStandard.at, 21.11.2012)

Martin Prunbauer (51), Rechtsanwalt mit Kanzlei in der Wiener Innenstadt, ist seit 2012 Präsident des Österreichischen Haus- und Grundbesitzerbunds (ÖHGB).

Georg Niedermühlbichler (46) ist seit 2008 Präsident der Mietervereinigung Österreichs (MVÖ) und Landtagsabgeordneter für die SPÖ in Wien.

Links

Österreichischer Haus- und Grundbesitzerbund

Mietervereinigung Österreichs

  • Martin Prunbauer, Präsident des Österreichischen Haus- und Grundbesitzerbunds (li.) und Georg Niedermühlbichler, Präsident der Mietervereinigung, im Schlagabtausch.
    foto: putschögl

    Martin Prunbauer, Präsident des Österreichischen Haus- und Grundbesitzerbunds (li.) und Georg Niedermühlbichler, Präsident der Mietervereinigung, im Schlagabtausch.

  • Prunbauer: "Ich schreibe dem Anker ja auch nicht vor, dass er für eine Semmel nicht mehr verlangen darf."
    foto: putschögl

    Prunbauer: "Ich schreibe dem Anker ja auch nicht vor, dass er für eine Semmel nicht mehr verlangen darf."

  • Niedermühlbichler: "Das, was der Hausbesitzer braucht, dazu noch ein kleiner Aufschlag, eine
 kleine Rendite, das sollte dann im Wesentlichen die Miete sein. Das 
wäre ein gerechter Umgang für beide Seiten."
    foto: putschögl

    Niedermühlbichler: "Das, was der Hausbesitzer braucht, dazu noch ein kleiner Aufschlag, eine kleine Rendite, das sollte dann im Wesentlichen die Miete sein. Das wäre ein gerechter Umgang für beide Seiten."

Share if you care.