Kammerflimmern ist wie Herzstillstand

Blog21. November 2012, 12:40
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Der Radetzkymarsch als Taktgeber für eine nicht enden wollende Reanimation

Es kann jedem passieren und oft geht es verdammt schnell. Das Herz flimmert in einer Frequenz, so rasant als würde es stehen. Man kippt um. Keine Zeit für eine ordentliche Kontraktion, Kammerflimmern ist wie Herzstillstand.

Ein Mann liegt in Weißenkirchen vor der Raiffeisenbank auf der Straße. Ein Feuerwehrmann sieht das, läuft hin, stellt fest, dass der Mann ohne Bewusstsein ist, nicht atmet und beginnt ohne zu zögern mit der Herzdruckmassage. Er drückt, kräftig und tief, in der Mitte des Brustbeines. Ein Rotkreuz-Sanitäter, der zufällig vorbeikommt, läuft in die Bank und holt den Defibrillator. Elektroschock. Einmal, zweimal, dreimal. Dazwischen immer Herzdruckmassage. Die Rettung trifft ein und mit ihr professionelle Hilfe durch weitere Sanis. Es wird massiert, die Sanis wechseln im Zwei-Minuten-Takt, ohne Unterbrechung. Die Rippen-Brustbeingelenke knacken. Das ist so. Die Sanis kennen das. Dazwischen Beatmung, professioneller Reanimationsaufbau entsprechend der Guidelines.

Dann kommen wir, zehn Minuten nach Alarmierung, aus der Luft. Der gelbe Hubschrauber landet auf einer Brücke zwischen Bach und Eisenbahngleis. Wir sind rasch beim Patienten. Intubation, Schlauch in die Luftröhre, Zugang in die Vene, Luft in die Lungen, Adrenalin ins Gefäß - für das Herz und den Kreislauf. Und währenddessen ununterbrochenes Drücken, regelmäßige, tiefe Herzdruckmassage. Alle zwei Minuten Check am Monitor. Das Herz flimmert weiter, trotz Medikamente keine Kontraktion, kein Auswurf, also weiter massieren, mit dem Defi schocken, das Herz weiter so zusammendrücken - bis das Blut in die lebenswichtigen Organe kommt, vor allem ins Gehirn. Das ist am empfindlichsten.

Das Herz hört nicht auf zu flimmern

Dann plötzlich im EKG eine Kurve, ein Puls ist zu tasten. Wir haben es geschafft. Kurze Freude, doch dann ein schnelles Umschlagen in weiteres Kammerflimmern. Elektroschock, wieder drauf auf den Mann - mit durchgestreckten Armen, Herzdruckmassage, die Haut auf der Brust ist schon wund nach inzwischen fast einer Stunde Kampf ums Leben. Das Herz hört nicht auf zu flimmern.

Ich entschließe mich das Blut mit einem Medikament so zu verdünnen, dass sich das ursächliche Gerinnsel im Herzkranzgefäß auflöst. Ich riskiere eine Hirnblutung dabei, denn das Blut wird überall ganz dünn, auch im Kopf. Ich sehe die "Rescue-Lyse" als letzte Chance. Und immer wieder - während der ganzen Prozedur - tiefes Drücken, 100 mal in der Minute, der Radetzky-Marsch dient als Taktgeber, oder "We all live in the Yellow Submarine". Klingt absurd, ist aber so: Die Frequenz ist wichtig. Zu rasches Drücken ist schlecht.

Und dann, ganz plötzlich, kommt ein ordentlicher Herzschlag, mit sattem Puls, klar und kräftig. Anhaltend. Nach über einer Stunde Reanimation, mitten auf der Straße. Kein Flimmern mehr. Ab jetzt ist alles Routine. Wir lagern, bergen, achten darauf, dass der Tubus drinnen, die Kanüle in der Vene und das Monitoring drauf bleiben. Wir tragen "unser Herz", das jetzt wieder ordentlich schlägt, zum Hubi, heben ab Richtung Herzintensivstation.

14 Tage später verlässt unser Patient das Spital. Normal, ohne neurologische Defizite. Für ihn geht es heimwärts nach Weißenkirchen. (Robert Mosser, derStandard.at, 21.11.2012)

Robert Mosser ist Facharzt für Anästhesie sowie Flugrettungsarzt. In seinem Blog gibt er komische, tragische und bewegende Einblicke in seine Tätigkeit.

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    Der Kampf um das Leben eines Menschen kann ziemlich anstrengend sein.

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