Negativrekord für Chelsea in Griffweite, Di Matteo gefeuert

20. November 2012, 23:06
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Juventus Turin putzt den Titelverteidiger daheim 3:0 weg - Londoner in Königsklasse vor dem Aus und auf Trainersuche - Donezk-Kantersieg von umstrittenem Treffer überschattet

Turin/Wien - Champions-League-Titelverteidiger Chelsea London hat es also endgültig vom Himmel in die tiefsten Klüfte geschafft. Nach einer 0:3-Niederlage bei Juventus Turin stehen die Blues vor dem Aus nach der Gruppenphase und müssen überdies Ausschau nach einem neuen Trainer halten, denn die Blues verkündeten am Mittwoch die Entlassung von Trainer Roberto di Matteo.

Der Fußball-Club reagierte damit auf eine anhaltende Talfahrt und das drohende Aus in der Gruppenphase der Königsklasse. Nie zuvor ist ein Titelverteidiger bereits in dieser Phase ausgeschieden, die Ausnahme bildet Marseille, das in der Saison 1993/94 gesperrt war und nicht antreten durfte. In der Liga wartet Chelsea bereits vier Spiele auf einen Sieg. "Die jüngsten Leistungen und Ergebnisse des Teams waren nicht gut genug, sodass der Besitzer und der Vorstand das Gefühl gehabt haben, dass eine Veränderung notwendig ist", erklärte der Club in einer Stellungnahme. Der frühere Assistent Di Matteo hatte sein Amt im März vom Portugiesen Andre Villas-Boas übernommen und Chelsea danach zum ersten CL-Titel geführt. Ein Nachfolger soll laut Clubangaben bald präsentiert werden. Großer Favorit ist Liverpool-Coach Rafael Benitez. Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch soll bereits am Dienstag vor dem Schlüsselspiel bei Juventus mit dem Spanier Kontakt aufgenommen haben.

Frühe Katastrophe zunächst verhindert

Das Spiel in Turin offenbarte bald die Schwächen der Gäste. Die Italiener schauten sich Chelsea nicht lange an, in der vierten Minute küsste ein Schussversuch vom Schweizer Lichtsteiner nur die Stange, weil Petr Cech im Weg stand und die frühe Katastrophe verhinderte. Kurz darauf legte sich Cahill fast ein Ei, eine Juve-Flanke lenkte er nur knapp nicht ins eigene Tor.

Weil in der Chelsea-Offensive oftmals Spieler mit überschaubaren defensiven Ambitionen wirken (Mata, Hazard, Oscar), sind die Blues gegen Mannschaften die gut umschalten, in der eigenen Platzhälfte immer wieder in Unterzahl. Abhilfe sollte diesmal eine Fünferkette in der Abwehr schaffen, die war aber so angsteinflößend wie ein schlafender Hund. Chelsea weckte sich in der Anfangsphase aber immerhin im Angriff selbst auf: Oscar düpierte mit einem ausgedehnten Dribbling die Turiner Defensive von der Mittellinie weg und servierte dem Belgier Hazard den Ball im Strafraum wunderbar, dieser scheiterte knapp an den Beinen Buffons.

Italienische Kontrolle

Danach in Halbzeit eins nur mehr Juventus: Auf der linken Seite war der quirlige Kwadwo Asamoah immer anspielbar und das mit Dampf nach vorne. Pirlo gab selbstverständlich den abgeklärten Gestalter, der das Tempo variierte. Ein Schuss von Marchisio im 16er war ideal auf das kurze Eck bemessen, allein der Mann mit dem Helm weckte erneut den Teufelskerl in sich. Nach 15 Minuten und fünf Juve-Ecken stand es noch immer nicht 1:0.

Der genese Vucinic und sein Sturmkollege Fabio Quagliarella schossen Cech in der Folge weiter warm, Zwingendes war aber nicht zu beobachten. Pardauz: Juventus hätte sich dafür fast in den Allerwertesten beißen können. Chelseas Stärkster namens Oscar tauchte nämlich in der 36. Minute alleine vor Buffon auf, das Auswärtstor in Reichweite verdiente sich aber Bonucci in höchster Not als Ausputzer.

Zwei Minuten später sorgte Juventus dann doch für Leistungsgerechtigkeit: Pirlo schoss aus 25 Metern direkt auf seinen Mitspieler Quagliarella, der daraufhin seinen linken Fuß glücklich in Stellung brachte und den Ball ins Goal verlängerte. Cech ist manchmal nur zu überwinden, wenn a) der Schuss abgefälscht ist und b) er am falschen Fuß weilt.

Die Entscheidung

Für die Gäste war der Pausentee noch nicht aufgegossen, auch wenn die Spieler sich vielleicht schon nach der Kabine sehnten. Ashley Cole musste nach einem Strafraum-Gewusel die Kugel sauber von der Line wegputzen. Im Konter verpasste Juan Matta kurz vor Ende der ersten Halbzeit den Ausgleich, er brachte im Anlauf auf Buffon keinen Druck mehr hinter den Ball.

Der Mann des Spiels war aber auch im zweiten Durchgang der Helmträger aus London: Quagliarella und Pirlo testeten den tschechischen Super-Goalie mit harten Krachern aus allerlei Distanzen, er konnte die ständigen Attacken parieren. Das Requiem für Chelsea erklang aber spätestens in der 61. Minute ganz laut. Arturo Vidal wurde mittig am 16er ideal von einem am Flügel durchbrechenden Asamoah bedient und heizte den Ball scharf und flach ins Tor. Cech war erneut geschlagen, der Ball war, nun ja, abgefälscht.

Auflösungserscheinungen

Daraufhin schaltete Juventus einen Gang zurück, Chelsea-Coach di Matteo wachte aus seiner Lethargie auf und brachte Victor Moses für Verteidiger Azpilicueta. In der 70. Minute tauchte auch Torres auf, er kam für John Obi Mikel. Dem Verderben von Chelsea konnten die Eingewechselten aber nichts entgegensetzen, der letzte Torschuss der Engländer datierte aus Minute 40. Gegenwehr gab es in der Schlussphase keine mehr, vor allem im zentralen Mittelfeld hatten sich die Blues aufgelöst. Govinco setzte mit dem 3:0 in der 90. Minute den feierlichen Schlusspunkt für eine überlegene alte Dame.

Ein Sieg am letzten Spieltag gegen FC Nordsjælland reicht für Chelsea nicht aus für ein Weiterkommen, wenn sich Juventus Turin und Schachtjor Donezk unentschieden trennen.

Aufregung in Dänemark

Schachtars Kantersieg in Dänemark war indes von einem umstrittenen Treffer überschattet. Stürmer Luiz Adriano traf nach einem Schiedsrichterball, den sein Kollege Willian eigentlich zum Gegner zurückspielen wollte, zum zwischenzeitlichen 1:1 (26.). Nach langen Diskussionen schien es, als ließen die Ukrainer den verdutzten Dänen im Gegenzug ein Kompensationstor schießen, um sich dann doch noch dagegen zu entscheiden.

Lorentzen gelang zwar wenig später bei auffallend wenig Gegenwehr die neuerliche Führung (29.), danach machte Donezk aber durch je zwei Tore von Willian (44., 50.) und Luiz Adriano (53., 81.) ernst. In Österreich war im Jahr 2000 nach einem ähnlichen Vorfall ein Ligaspiel der Wiener Austria bei SW Bregenz (4:1) neu ausgetragen worden. Austria-Stürmer Christian Mayrleb hatte getroffen, nachdem die Vorarlberger den Ball zur Spielunterbrechung absichtlich ins Out gespielt hatten. Das Wiederholungsspiel gewann Bregenz 2:1. (Florian Vetter/APA, derStandard.at, 20.11.2012)

Ergebnisse Champions League Gruppe E - 5. Runde: Dienstag

Juventus Turin - Chelsea 3:0 (1:0)

Tor: Quagliarella (38.), Vidal (61.), Giovinco (91.)

FC Nordsjälland - Schachtar Donezk 2:5 (2:2)

Tore: Nordstrand (24.), Lorentzen (29.) bzw. Luiz Adriano (26., 53., 81.), Willian (44., 50.)

  • War einmal Chelsea-Trainer: Roberto di Matteo.
    foto: epa/antonio cotrim

    War einmal Chelsea-Trainer: Roberto di Matteo.

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    Juventus zelebriert, Chelsea hat es akzeptiert.

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    Petr Cech braucht auf Gigi Buffons bisherige Saisonbilanz (Neun Gegentore in 13 Spielen) nicht neidig sein. Die Weltklasse des Tschechen ist Fakt.

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