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Sein Name stehe für Eleganz und Gediegenheit, sagt Architekt Peter Marino. So etwas wie eine eigene Handschrift habe er aber nicht.

Ein Zegna-Geschäft in Peking.

Das Chanel-Interieur in Los Angeles.

Das neue Louis-Vuitton-Schmuckgeschäft in Paris.
STANDARD: Sind Sie heute auf der Harley Davidson ins Büro gekommen?
Peter Marino: Nein, in die Arbeit fahre ich mit einer Triumph Speed Triple. Die Harley ist gerade in Colorado.
STANDARD: Wie viel Hubraum?
Marino: 1150 Kubikzentimeter. Genau das Richtige für New York City.
STANDARD: Wie viele Motorräder haben Sie?
Marino: Sechs Stück.
STANDARD: Was bedeutet Motorradfahren für Sie?
Marino: Freiheit auf Rädern. Fahrtwind im Gesicht. Körperlicher Genuss.
STANDARD: Ihre Kleidung ist sehr auffällig.
Marino: Eine Frage des Standpunkts.
STANDARD: Wann haben Sie beschlossen, schwarze Lederklamotten zu tragen?
Marino: Das war 2000 - mit dem Wechsel des Jahrtausends. Kennen Sie alte Fotos von mir? Da schaue ich aus wie ein alter, langweiliger Geschäftsmann mit Armani-Sakko, Krawatte, braver Kurzhaarfrisur und so weiter. Eine Katastrophe. Wissen Sie, in jungen Jahren kleidet man sich so, wie man glaubt, dass die Kunden einen gerne sehen würden. Im Alter ändert sich das. Heute muss ich keine Rücksicht nehmen auf Erwartungshaltungen und Etiketten der feinen Gesellschaft. Ich bin jetzt endlich frei.
STANDARD: Warum gerade Leder?
Marino: Das ist der Kleidungsstil, den ich schon mit 18 hatte. Heute bin ich 60. Ich wollte wieder Jugend in mir spüren. Konkret ist es dazu gekommen, weil ich regelmäßig mit dem Motorrad in die Arbeit gekommen bin und mich im Büro dann umziehen musste. Einmal in der Früh, einmal am Abend und gelegentlich sogar untertags, wenn ich einen Auswärtstermin hatte. Und das alles jeden Tag aufs Neue, das wird fad mit der Zeit. Und so habe ich eines Tages beschlossen, mich nicht mehr umzuziehen.
STANDARD: Wie viel von Ihrem Auftritt ist persönlicher Geschmack - und wie viel Marketing?
Marino: Ich mache keine PR für mich. Auch ohne Journalisten und ohne Zeitschriften würde ich mich so kleiden.
STANDARD: Würden Sie sich als eitel bezeichnen?
Marino: Ach, kommen Sie! Ich habe nicht einmal einen Spiegel im Bad.
STANDARD: Aber Sie haben eine Menge Porträts von sich im Büro hängen.
Marino: Ja, aber das hat nichts mit Eitelkeit zu tun. Die Fotos haben einen einzigen Zweck. Sie sollen das Image der Marke Peter Marino stärken.
STANDARD: Also doch Marketing. Und? Funktioniert's?
Marino: Sind Sie immer so penibel? Ja, es funktioniert. Selbst Menschen, die mit Architektur nichts am Hut haben, denken an den Namen Peter Marino und sagen dann: "Ach, das ist doch der Biker-Boy mit den schwarzen Lederklamotten, oder?"
STANDARD: Bringt Ihnen die Lederkluft mehr Aufträge als früher?
Marino: Ich habe so viele Aufträge, dass ich mich kaum erwehren kann. Ich habe derzeit 165 Mitarbeiter im Büro, und für mich ist damit eine kritische Größe erreicht. Das reicht. Noch größer, und ich würde den Bezug zu den Projekten und den Kontakt zu den Kunden verlieren.
STANDARD: Wie kommt es, dass Sie heute so viele Projekte im Modebereich abwickeln?
Marino: Ich habe mit Privatbauten für Privatkunden begonnen. Das ist ein klassischer Einstieg ins Berufsleben. Viele meiner Kunden waren und sind erfolgreiche Unternehmer. Ein Teil davon stammt aus der Modebranche. Heute besteht unser Portfolio zu einem Drittel aus Privatwohnbauten, zu einem Drittel aus Hotels und Wohnbau und zu einem Drittel aus Fashion-Boutiquen.
STANDARD: Man kennt Sie fast ausschließlich für Ihre Boutiquen.
Marino: Tatsache ist: Man baut eine Louis-Vuitton-Boutique, und man wird in 60 oder 70 Magazinen publiziert. Man baut ein Hotel, und man wird vielleicht in zwei oder drei Magazinen veröffentlicht. Und man baut ein Wohnhaus, und darüber schreibt kein Mensch.
STANDARD: Sie arbeiten für viele unterschiedliche Kunden, die in Konkurrenz zueinander stehen. Und niemand davon hat je Exklusivitätsansprüche gestellt?
Marino: Doch, das passiert immer wieder. Aber da mache ich nicht mit. Ich will mich nicht von einer einzigen Fashion-Brand kaufen lassen. Ich will nicht für ewige Zeiten der Chanel- oder der Dior- oder der Armani-Architekt sein.
STANDARD: Was sagen Ihre Kunden dazu?
Marino: Manche sind nicht ganz so glücklich darüber, andere akzeptieren das als eine ganz normale Selbstverständlichkeit. Für mich ist das der Beweis, dass meine Kunden mehr an meiner Architektur interessiert sind als an meinem Namen. Und das macht mich glücklich.
STANDARD: Sie bauen unter anderem für Chanel, Louis Vuitton, Zegna, Armani, Dior, Lagerfeld und Fendi. Kommt man da nicht durcheinander?
Marino: Ich entwerfe doch auch Einfamilienhäuser für Mister Smith und für Mister Miller, und die werden auch nicht gleich ausschauen. Jeder Kunde hat ein bestimmtes Image, einen bestimmten Stil und bestimmte Werte, für die er steht. Diese Eigenschaften gilt es, in die Architektur zu übersetzen. Der Punkt ist: Ich entwerfe keine Peter-Marino-Handschrift, sondern unterschiedliche Handschriften für unterschiedliche Kunden. Architekten, die auf der ganzen Welt ein und das gleiche Konzept realisieren, sind mir suspekt.
STANDARD: Aber einen gewissen Stil haben Sie doch.
Marino: Mein Name steht für Eleganz, Gediegenheit und einen gewissen Umgang mit Farben und Materialien. Doch im Vordergrund steht immer der Name des jeweiligen Kunden.
STANDARD: Beispiel Louis Vuitton. Wie sieht so eine Konzeptfindung im Detail aus?
Marino: Als Erstes schaue ich mir an, wofür Louis Vuitton steht und welches Image die Marke transportiert. Dann schaue ich mir an, welche Stoffe und welche Schnitte für die Marke typisch sind und welche Besonderheiten es gibt. Ganz typisch für Louis Vuitton sind Texturen, Strukturen und ganz bestimmte Farben. Wie kann man diese zurückhaltende, modulare Ornamentik in die Architektur übersetzen? Zum Beispiel mit einem subtilen Spiel zwischen Raum und Fläche, mit einer Abwechslung zwischen glänzenden und matten Materialien, mit der Zusammenführung von Licht, Transparenz und Tiefe.
STANDARD: Was ist das wichtigste Element Ihrer Architektur?
Marino: Das Material.
STANDARD: Gibt es ein Lieblingsmaterial?
Marino: Nein, eigentlich nicht.
STANDARD: Wie würde denn ein Peter-Marino-Geschäft aussehen?
Marino: Überall schwarzes Leder. Dazu ein bisschen Silber und ein bisschen Edelstahl. Aber ganz im Ernst: Ich glaube nicht, dass sich schwarzes Leder für Innenräume eignet. Ich finde, das passt besser auf ein Motorrad.
STANDARD: Haben Sie jemals daran gedacht, selbst eine Modelinie zu kreieren?
Marino: Ich wurde in den letzten zwei Jahren von zwei Marken unabhängig voneinander gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, eine eigene Modekollektion zu entwerfen, also so zehn bis zwölf Stücke. Aber wozu? Damit dann alle anderen so aussehen wie ich? Das will ich nicht! Ich will doch niemanden dazu zwingen, Leder-Chaps und Boots bis zu den Knien zu tragen.
STANDARD: Hier ein Biker-Boy mit Chaps, dort elegante Luxusboutiquen in gedämpften Tönen und Farben. Wie passt das zusammen?
Marino: Ich bin Zwilling im Horoskop. Ich bin eine gespaltene Persönlichkeit.
STANDARD: Mit wem habe ich gerade die Ehre?
Marino: Keine Ahnung, da muss ich Peter fragen.
STANDARD: Frage an Peter: Worum geht's bei der Planung einer Luxusboutique? Um die Errichtung eines adäquaten Verkaufsraumes oder um die Schaffung einer emotionalen Illusion für den Konsumenten?
Marino: Generell würde ich sagen, dass es darum geht, das Produkt entsprechend zu präsentieren. Das ist das Um und Auf. Allerdings beobachte ich immer häufiger, dass man bei Marken im Premium-Segment von dieser Prämisse Abstand nimmt. Oft geht es nicht mehr um das Produkt, sondern nur noch um den Image-Wert einer Marke. Sie müssen wissen, dass die Luxusboutiquen an den besten Adressen der Welt - sei es nun Prada, Gucci oder Louis Vuitton - nicht dazu da sind, große Umsätze zu machen, sondern in erster Linie als Werbemittel und Visitenkarten fungieren. Das Geschäft wird woanders gemacht.
STANDARD: Was bedeutet das für den Architekten?
Marino: Das heißt: Der Besucher muss das Geschäft mit einem höherwertigen Bild verlassen, als er es betreten hat. Wenn das der Fall ist, dann ist das Konzept geglückt.
STANDARD: Damit ist der Architekt ein Handlanger für Werterhalt und Wertversteigerung. Ist das nicht frustrierend?
Marino: Nein, gar nicht. Tatsache ist: Nur jede dritte Person, die ein solches Geschäft betritt, wird auch etwas kaufen. Und meistens wird es ein Schlüsselanhänger, ein Parfum oder eine Sonnenbrille sein. Das ist markttechnisch erhoben und erwiesen. Im Klartext heißt das: Als Architekt darf ich mich nicht nur auf die 33 Prozent der Kundschaft konzentrieren - ich muss auch die übrigen 66 Prozent in Betracht ziehen.
STANDARD: Ist das schwierig?
Marino: Der Konsument ist unerbärmlich und brutal - vor allem im Bereich Mode. Jeder kleinste Fehler in der Modebranche ist unverzeihlich, und sobald eine Marke einmal einen Abwärtstrend begonnen hat, ist das Schiff fast nicht mehr auf Kurs zu bringen. Wer eine Marke in diesem Premium-Segment nicht sorgfältig, behutsam und mit einer Kontinuität über viele Jahre und Jahrzehnte pflegt, der hat verloren.
STANDARD: Was sind Ihre Tricks?
Marino: Ich habe keine Tricks. Man braucht keine Tricks, um eine Handtasche von Chanel zu verkaufen. Man muss sie einfach nur ehrlich und angemessen präsentieren. Die Konsumenten sind nicht blöd. Sie sind durchaus in der Lage, den Unterschied zwischen einem hochwertigen Produkt und einem 08/15-Zeug aus dem Sweat-Shop zu erkennen. Tricks brauchen Sie nur, wenn Sie Klamotten von H&M verkaufen wollen. Da müssen Sie tief in die Trickkiste greifen!
STANDARD: Gibt es ein Unternehmen, für das Sie eines Tages gerne einmal arbeiten würden?
Marino: Nein, ich bin mit meinen realen Kunden sehr zufrieden. Erst kürzlich habe ich einen Auftrag von Bulgari bekommen. Schmuck ist neu für mich. Ich freue mich schon auf das Projekt.
STANDARD: Gibt es einen Wunsch für die Zukunft?
Marino: Oh ja! Ich führe ein großartiges, glückliches, glamouröses und wirklich lustiges Leben. Doch das Einzige, das ich nicht mehr aushalte, ist das permanente Reisen. Wenn man 30 ist, dann ist es wundervoll. Wenn man 40 ist, dann ist es anregend. Wenn man 50 ist, dann wird es ermüdend. Und wenn man 60 ist, dann fragt man sich eines Tages ernsthaft, wozu man das alles noch mitmacht.
STANDARD: Wie viel reisen Sie denn?
Marino: Ich bin zwei bis drei Wochen pro Monat auf Achse. Mehr als 50 Prozent meiner Zeit bin ich unterwegs - in Europa, im Mittleren Osten, in Fernost.
STANDARD: Wohin geht die nächste Reise?
Marino: Daran will ich gar nicht denken. Können Sie sich an den Ausbruch des Eyjafjallajökull im Frühjahr 2010 erinnern? Ich war gerade zu Hause in New York. Und als der Flugverkehr durch die Aschenwolke lahmgelegt wurde, musste ich meine ganzen Reisen absagen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie glücklich ich war! Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann einen Vulkanausbruch! (Wojciech Czaja, Rondo, DER STANDARD, 23.11.2012)
In der Tuchlauben in Wien hat Peter Marino soeben den neuen Global Store von Louis Vuitton entworfen.
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schön wärs wenn sie 1150ccm hätte, aber geht auch mit 1050 ausreichend gut.
http://de.wikipedia.org/wiki/Speed_Triple
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