"Gnädige Frau..." sagen

22. November 2012, 17:00
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"Nicht Gnädige Frau! Fürstin!" oder ein Gnä macht sie alle gleich

Pro: Schatzis Schicksal
Von Sigi Lützow

"Die Zeiten, gnädige Frau, sind längst vorüber, da Liebe noch des raschen Mutes Lohn", legt Anton Wildgans einem in den Mund, der gerne Casanova wär und nicht bloß Womanizer. Doch will eine Frau heute ebenso wenig als Gnädige angesprochen werden, wie dass um sie gefochten wird mit blankem Stahl. Die Zeiten ändern sich. Das ist einerseits - etwa was den Stahl betrifft - gut so, aber andererseits schade, weil oft vorschnell Herablassung hinter Höflichkeit vermutet wird. Freilich hat vielfacher Missbrauch die schöne Wendung desavouiert, ganz zu schweigen von falscher Verwendung wie im Fall von Frau Marianne Sayn-Wittgenstein-Sayn. Die hat sich nach inkorrekter Ansprache durch einen tumben Reporter "Nicht Gnädige Frau! Fürstin!" empört. Ganz so, wie oft und oft Empörung erntet, wer das entzückende "Schatzi" verwendet. Das macht langsam sprachlos.

Wildgans: "Sie lächeln, gnädige Frau? Mag sein, ich bin ein Schwärmer. Und doch, ist man bei kluger Nüchternheit nicht auch um manches heiße Prickeln ärmer?"

Kontra: Alarmglocken
Von Verena Kainrath

Keine Frau ist davor gefeit. Ein näselndes Gnä, und ihre Alarmglocken schrillen. Wer damit schon einmal erquickliche Erfahrungen gemacht hat, bitte vortreten. Von wegen Respekt und Romantik: Hinter dem Gnä blitzt bestenfalls der Schalk hervor, weit öfter Mitleid, noch lieber die üble Nachricht. Der Liebhaber der vorsintflutlichen Anrede lässt sich grob in drei Kategorien unterteilen: Nummer eins würde die Gnädigste eigentlich gern Depperte nennen, um sie hernach auf ihre Irrtümer hinzuweisen und ihr jovial die Welt zu erklären. Allein die gute Erziehung hält ihn davon ab. Nummer zwei leidet unter massiver Sehschwäche. Was glaubt der Kerl eigentlich, wie alt ich bin? Nicht einmal der betagten Tante mutet man sein Gequake zu. Nummer drei ist Kellner in Wien und hat es einfach nicht anders gelernt. Da wollen wir Gnade walten lassen. Zumal er sich ja nicht laufend aller Titel, von der Frau Hofrat bis zur Frau Oberstudienrat, entsinnen kann. Ein Gnä macht sie alle gleich. So gesehen wird es schon fast wieder sympathisch. (Rondo, DER STANDARD, 23.11.2012)

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    Der Liebhaber der vorsintflutlichen Anrede lässt sich grob in drei Kategorien unterteilen: Nummer drei ist Kellner in Wien und hat es einfach nicht anders gelernt.

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