"Konrad Lorenz war auf seine Au geprägt"

20. November 2012, 18:49
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Josef Reichholf, streitbarer Ökologe, sprach beim Science-Talk in Wien über Natur und Wunschbilder

Es kommt immer auf die Sichtweise an. Betrachtet man die Entwicklung der Wasserqualität von Inn und Salzach an der bayrisch-oberösterreichischen Grenze seit den 1970ern, kann man nur von einem vollen Erfolg sprechen. " Wenn wir die Tiere fragen, würde das Urteil anders ausfallen", sagt Josef Reichholf. "Mit dem Anstieg der Wasserqualität ging spiegelbildlich der Fischbestand zurück."

Organische Reste in den vormals ungeklärten Abwässern hatten die Flüsse jahrhundertelang gedüngt und das Fischwachstum angekurbelt. Wurde also mit der Abwasserreinigung und der folgenden Fischarmut wieder ein " natürlicher Zustand" hergestellt? Und was versteht der Mensch eigentlich unter "Natur"? Gehört auch eine Großstadt dazu, in der eine Vielzahl von Arten leben? Kann es überhaupt so etwas wie ein "natürliches Gleichgewicht" geben?

Fragen wie diese beschäftigen den deutschen Ökologen, Zoologen und Evolutionsbiologen Josef Reichholf schon sein gesamtes Forscherleben lang. Am Montagabend sprach der als Querdenker bekannte Naturforscher beim dritten Science-Talk des Wissenschaftsministeriums in der Aula der Wissenschaften in Wien. Aus dem episch breit angelegten Thema "Mensch und Natur: Teil eines großen Ganzen" griff er den Lebensraum Au heraus - auch in Österreich ein ewig sensibles Thema. Seit der Besetzung der Hainburger Auen rangeln Naturschützer, Nationalparkverantwortliche und Schifffahrt um die optimale Behandlung der Donauauen.

Die Innauen, ebenso reich an Flora und Fauna, entstanden erst durch den Bau von Wasserkraftwerken und Stauseen, konterkariert Reichholf das Bild von der unberührten Natur. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, aktiv gegen den Kraftwerksbau in Hainburg, sei selbst der von ihm erforschten Prägung erlegen: "Er war auf seine Au geprägt. Er wollte keine Bildstörung", konstatiert Reichholf.

Kritik an statischer Sicht der Naturschützer

In mehr als 40 Büchern und 1100 Publikationen hat der vielfältige Wissenschafter immer wieder die statische Sicht der Naturschützer kritisiert und sich mit Klimaforschern angelegt. So sieht er weniger im Klimawandel ein Problem für die Biodiversität als in der Überdüngung der Böden durch die Landwirtschaft.

"Wir verursachen permanent Veränderungen und wollen sie dann nicht akzeptieren", sagte Reichholf und appelliert, mehr Rücksicht auf das Urteil der Tiere und Pflanzen zu nehmen als auf idealisierte Wunschbilder des Menschen. Reichholfs Lösungsvorschlag: Private Naturschutzverbände sollten ihr Geld zusammenlegen und Flächen kaufen, um zu vergleichen, was passiert, wenn gar nicht bzw. gezielt eingegriffen wird. (kri, DER STANDARD, 21.11.2012)


Der nächste Science-Talk findet am 17. 12. statt. Zum Thema "Welt und Untergang: Vom Mythos zur Angst" sprechen u. a. der Maya-Experte Nikolai Grube und Christian Köberl, Direktor des Naturhistorischen Museums Wien.

Link
www.aula-wien.at

  • Josef Reichholf lässt lieber Pflanzen und Tiere urteilen.
    foto: haase/wikimedia

    Josef Reichholf lässt lieber Pflanzen und Tiere urteilen.

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