Willkommen in der Zwei-Klassen-Medizin!

Kommentar der anderen | Thomas Szekeres
20. November 2012, 18:46

Warum der Vorwurf an die Ärztekammer, in der Debatte um die Gesundheitsreform als "Betonierer" und "Blockierer"zu agieren und Patienteninteressen für machtpolitische Zwecke zu instrumentalisieren, ins Leere geht: eine Erwiderung auf Sigrid Pilz

Es ist nicht immer leicht, Patienten durch das komplexe und bürokratische Dickicht unseres Gesundheitssystems zu lotsen. Hilfen von außen gibt es dabei nicht viele. Und meist ist es die Ärzteschaft, die hier als erster Ansprechpartner dient - nicht nur bei rein medizinischen Fragen, sondern allzu oft auch hinsichtlich familiärer, beruflicher und sozialer Probleme. Wenn man sich die Sorgen der Menschen anhört, egal, ob im Spital oder in der Ordination, dann ist es auch legitim, auf Schwachstellen im System hinzuweisen - vor allem aufgrund der Tatsache, dass kranke Menschen ihre Anliegen nicht immer leicht artikulieren können.

Die Ärzteschaft und ihre Standesvertretung haben diese Aufgaben in den letzten Jahren vermehrt übernehmen müssen, weil Gesundheitsbürokraten (und leider auch in zunehmendem Maße ideologisierende Patientenanwälte) diese nicht mehr wahrnehmen. Das ist bedenklich, denn eigentlich sollte die Politik ihr Ohr am Bürger haben (und nicht nur Machtinteressen verfolgen), und auch Patientenanwälte sollten sich eigentlich für Verbesserungen im Gesundheitssystem einsetzen (und nicht den verlängerten Arm der Politik spielen).

"Auch an niedergelassenen Ärzten fehlt es hierzulande nicht", schrieb etwa die Wiener Pflege- und Patientenanwältin Sigrid Pilz gestern an dieser Stelle. Weiß sie denn nichts von überfüllten Wartezimmern, weil es zu wenige Ärzteplanstellen gibt? Weiß sie denn nicht, dass es in Wien beispielsweise keine einzige kinderpsychiatrische Kassenordination gibt?

Und auch die Schwierigkeiten, in bestimmten ländlichen Regionen überhaupt noch Ärztinnen und Ärzte zu finden, die bereit sind, unter den in Österreich vorherrschenden Rahmenbedingungen überhaupt eine Ordination zu übernehmen, scheinen ihr unbekannt zu sein. Wo und bitte wie vertritt dann die Anwältin der Patienten deren Interessen? Indem sie in politischem Gehorsam alles schönredet und sich zufrieden zurücklehnt?

Auf Kosten der Patienten

Heutzutage wird eine Organisation wie die Ärztekammer, wenn sie Mitsprache der Betroffenen und eine Bürgerbeteiligung verlangt und davor warnt, dass eine Reform, die am Patienten spart, so nicht in Ordnung ist, als "Betonierer" dargestellt. Und manche Lokalpolitiker fordern gleich die Abschaffung dieser Einrichtung, die es wagt, öffentlich Reformen zu hinterfragen.

Ja, wir hinterfragen Sinn und Zweck einer Reform, die nur darauf abzielt, auf Kosten unserer Patienten Einsparungspotenziale - sprich Rationierungen im medizinischen Bereich - auszuloten. Und diese Einsparungen werden beide Bereiche treffen, sowohl den Spitalsbereich als auch den niedergelassenen Bereich.

In Wien wird zwar kein Spital ersatzlos zugesperrt, und die geplanten Bettenverlagerungen in bevölkerungsreiche Bezirke machen Sinn - weswegen die Ärztekammer diesen Plänen der Gemeinde auch zugestimmt hat. Trotzdem kommt es auch in der Bundeshauptstadt zu einer Minimierung des Angebots für Patienten, da einige Ambulanzen geschlossen werden sollen, ohne dass man parallel dazu das Leistungsangebot im niedergelassenen Bereich erweitert.

Weniger ist mehr?

Wenn Sigrid Pilz nun meint, es gäbe sowieso genug niedergelassene Ärztinnen und Ärzte in Wien, dann kann man das nur der Unerfahrenheit in ihrem neuen Amt zuschreiben. Ich habe jedenfalls noch nie gehört, dass sich Patientenvertreter gegen die Ausweitung eines Angebots stellen und so für die Patienten noch längere Wartezeiten in Ambulanzen und Ordinationen provozieren.

Wenn Pilz bewusst in Kauf nimmt, dass sowohl Spitalsärzte als auch die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen oft bis zum persönlichen Burn-out arbeiten, nur um einigermaßen den Patientenströmen Herr zu werden, dann hilft sie zwar den Funktionären in der Wiener Gebietskrankenkasse, deren Finanzziele zu erreichen, die medizinische Versorgung wird dadurch aber schlechter. Weniger Ärztinnen und Ärzte können nun einmal keine bessere Versorgung anbieten.

Die Konsequenz ist klar: Patienten, die es sich leisten können, werden andere Versorgungsformen, zum Beispiel Wahlärzte oder Privatkrankenanstalten, wählen. Willkommen in der Zwei-Klassen-Medizin! Scheinbar ist die Ärztekammer die einzige Institution in diesem Lande, die eine soziale Position beibehält und eine konjunkturunabhängige Finanzierung des Gesundheitswesens verlangt. Die anderen haben längst das Finanzziel zum bestimmenden Element ihrer Gesundheitspolitik gemacht.

Vor zwei Jahren hat die Ärztekammer ein Reformkonzept für das Gesundheitswesen vorgelegt, das bisher kein einziger Politiker oder Krankenkassenboss auch nur ansatzweise mit uns diskutiert hat. Stattdessen sagen uns gelernte Handwerker, Juristen, Lehrer, was gut für unsere Patienten ist und was sie brauchen.

Es ist absurd: Bei einer Justizreform käme niemand auf die Idee, uns Ärztinnen und Ärzte zu befragen, sondern man würde Juristen einbeziehen. Bei einer Gesundheitsreform hingegen heißt es: "Ärztinnen und Ärzte unerwünscht!" (Thomas Szekeres, DER STANDARD, 21.11.2012)

Thomas Szekeres ist Präsident der Ärztekammer für Wien.

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Die Zwei-Klassen-Medizin

entsteht ja nicht deswegen, weil der eine einen Fernseher hat und der andere nicht, sondern auch weil der, dessen Zusatzversicherung den Herrn Primar oder Oberarzt sonderzahlt, auch im Krankenhaus als erster drannkommt und der andere - DESWEGEN - so lange auf seine Spiegelung wartet, bis es leider zu spät war. Die Spitalsärzteschaft und die Privatärzte sind natürlich der Hauptnutznießer und der Hauptträger einer Zwei-Klassen-Medizin, so wie sie natürlich schon besteht. Daher eigentlich absurd, dass diese Argumente - die teilweise richtig sind - ausgerechnet von der ÄK kommen.

Wir wissen es ja eh, Ärzte und Lehrer opfern sich

uneigennützig zum Wohle der Allgemeinheit.

Orps, warum muss ich schon wieder kotzen ...

Die allmächtige Ärztekammer hat angeblich zu wenig Mitspracherecht?

Die Ärztekammer nützt ihre absolute Monopolstellung im Gesundheitssystem in 1. Linie für die finanziellen Interessen der Ärzte und ist dafür verantwortlich, dass im Gesundheitssystem die Kosten latent enorm steigen, weil die Ärzteschaft dieses System als ihren Selbstbedienungsladen betrachtet. Sie ist für sowohl für die Fehlentwicklungen im medizin. Bereich als auch für die Kostenexplosion des Systems hauptverantwortlich. Eine Reform dieses Geldverschwendungssystems kann erst gelingen, wenn die Machtansprüche der Ärztekammer reduziert werden. - Ein "Mitspracherecht" der Ärzte in diesem Punkt klingt wie eine Fabel, wo der Fuchs den Gänsen sagt, er möchte mitreden können, wie viel Gänse er täglich fressen kann.

jeder weiss es, natürlich gibt es eine zwei-klassenmedizin in österreich

alleine durch eine private zusatzversicherung ergibt sich das schon automatisch, egal ob durch einbettzimmer oder zb. durch eigens bestimmte arztwahl als patient...

würde es eine abstimmung unter ärzten über die abschaffung der ärztekammer geben, wäre das ergebnis mehr als eindeutig, nämlich auflösung der kammer. die ärztekammer ist einer der größten abzocker-vereine die es in Österreich gibt, man sollte einmal veröffentlich, was ärzte pro Jahr an beiträgen abliefern, wohlfahrtsfond etc.... und was die funktionäre bekommen....

also diese bstimmung gab es ja, weiter Pflichtmitgliedschaft war das Ergebnis.

Und 2 Klassen, von wegen; schon mal einen Politiker in einem Gangbett gesehen? Also in einer selbstverantworteten Situation? Nein? Also da würde ich den Vorwurf der "feigen Ärzteschaft" akzeptieren.

das stimmt...

man hätte aber noch die wahlbeteiligung erwähnen sollen, die äußerst gering war, es haben hauptsächlich jene gewählt, die am erhalt des systems interessiert waren, in diesem punkt ist den unzufriedenen ärzte wirklich ein vorwurf zu machen, wenn ich was ändern will, muss ich auch aktiv werden, auch im sinne einer wahlbeteiligung...
dieses phänomen haben Sie übrigens auch bei vielen wahlen, desinteresse gepaart mit resignation....

man sollte einmal veröffentlich

erst nachschauen, dann schimpfen:
http://www.aekwien.at/index.php... r/finanzen

Zum Vergleich mit den Lehrern...

...oder den Steuerzahlern, oder..
im Prinzip kann man den Kommentar beinahe identisch auf die "Schuldiskussion" umlegen.
Politik und Verwaltung streiten theoretisch um Modelle, die besser funktionieren sollen, dabei weniger kosten sollen, obwohl gleichzeitig die Anforderungen an die Systeme ständig steigen.
Im Schulbereich dauert diese"Diskussion" bereits seit Jahrzehnten, weil "die Politik" bewußt keine Entscheidungen trifft, die in jedem Falle nicht nur unpopulär sondern schädlich sind, und zudem die Verlogenheit vieler Diskutanten in diesen Fragen entlarven würden. Die echten Experten, diejenigen, die die politischen Wünsche ans Christkind umsetzten sollen werden partout nicht gefragt und prinzipiell nur diskreditiert. "Manager" raus!!

Die Sorgen der Menschen...
Mir ist kein Arzt bekannt,der sich um die Sorgen seiner Kunden kümmert bzw sogar Zeit dafür hätte,sich diese anzuhöhren.
Der Hauptgrund warum die Ärztekammer so dagegen ist,den spricht keiner aus.
Unter anderen ist es nun möglich,den Krankheitsverlauf genau nachzuvollziehen und die Verschreibung von Medikamenten im nachhinein genau zu dokumentieren und falls diese nicht korrenspodieren den Arzt zu verantwortung zu ziehen.

bissl einseitig, oder?

gehns halt nicht hin, wenn das lauter so üble charaktere sind

Mir geht diese Erwähnung von 2 Klassen Medizin am Hammer

Warum das immer so erwähnt wird?

Die Leute sollen endlich aufhören, die Furcht vor etwas schon lange existierenden zu erwähnen!
Etliche Krankenhausbediensteten werden das bestätigen!

die wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. spitalsschließungen halte ich persönlich aber für den falschen weg.

der rote faden des ganzen ist zunächst einmal

eine gesunde desinformationspolitik.
weder gesundheitsministerium (nichts darüber auf dessen webseite) noch äk wollen uns mit konkreten mitteilungen über konkret geplante maßnahmen der reform belästigen.
schließlich sollen wir uns ja keine eigene meinung bilden können sondern uns nur auf die seite derer schlagen, deren geschrei einem sympathischer ist.
und da hat die äk nicht unbedingt die nase vorn.

Das Einzige wovor sich die Ärztekammer fürchtet

und warum sie so einen Theaterdonner inszeniert:

Transparenz!

Nicht nur gegenüber den Patienten,

vor allem davor,

dass die "Kollegen" draufkommen wie "kollegial"
Einkommen und Belastung verteilt werden!

Ich sage nur "Gutachten", z.B. für die PVA!

Eine Frage der Sichtweise

Grundsätzlich hat der Herr Szekeres schon recht.
Aber das Fremdbild der Ä stimmt mit deren Eigenbild nicht überein - nicht einmal ansatzweise. Wann immer im Gesundheitswesen etwas verändert wird - die Ä sind immer dagegen.
Dazu kommt, dass man sich in Selbstmitleid übt ( burn out ), als ob nicht auch andere Berufsgruppen Probleme haben.
Aus der Sicht der Ä bedeutet es : auch wenn alle anderen reduzieren müssen - wir - wir Ä müssen Zugewinne verbuchen.
Daher die Bitte an die Politik - bitte scheren Sie sich nicht um die 37.000 Ärzte in Ö, es sind nur ein HALBES Prozent aller Österreicher.
Und wie kommen wir dazu, dass ein Arzt mehr wert ist als ein Österreicher der kein Arzt ist.
Die Äußerungen des Herrn Szekeres sind menschenverachtend.

Bitte keine falschen Informationen verbreiten

denn auch bei Justizreformen werden die betroffenen Juristen meist nicht einbezogen, oder nur pseudomäßig einbezogen, oder formell einbezogen und dann inhaltlich ignoriert.

Den Ärzten passiert hier keine schlechtere Behandlung als anderen Berufsgruppen auch in der aktuellen Politik mit autoritären Zügen. Die Ärzte sind vielmehr vergleichsweise bessergestellt: Sie können wochenlang gegen bestimmte Vorhaben Anzeigen in den Medien schalten - so finanzkräftig sind andere nicht eingebundene Berufsgruppen nicht.

Ärzte unerwünscht!?

Naja, die Meinung einholen und befragen ist schon sinnvoll - ENTSCHEIDEN sollten halt Ärzte nicht, wenn es um´s Geld geht.

Es ist in keinem Fall der Welt realistisch, dass sich Berufsgruppen selbst abschaffen oder Geld wegnehmen.

Das ist genauso "sinnvoll" wie die Lehrergewerkschaft über Bildungsreformen mitentscheiden zu lassen.

Sorry - Gewerkschaften (und die Ärztekammer ist vom Prinzip genau so etwas) haben eine wichtige Funktion, aber dürfen schlicht kein Veto-Recht haben.

In Firmen käme auch niemand auf die Idee, die Mitarbeiter entscheiden zu lassen, ob sie sich selbst "abbauen" (obwohl die vermutlich genauso gute Informationen hätten).

wenn die Ärzte schon so gut wissen was die Patienten benötigen, dann sollten sie sich auch den Kopf über die Finanzierung zerbrechen. Es ist immer populär Verbesserungen zu fordern und die Bezahlung derselben anderen zu überlassen.

Und bitte nicht dauernd den Kalauer von der Zweiklassen-Medizin hervorholen. Die gab es immer, so wie es eben auch keine Einklassengesellschaft gab, gibt und geben wird. Wer wie die Ärzte und der KAV von den Privaten Zusatzversicherungen profitiert, sollte auch dazu stehen.

Auch unsere sozialistischen Politiker, die gerne von der klassenlosen Gesellschaft träumen, haben alle eine private Zusatzversicherung, weil in einem Einbettzimmer träumt es sich besser von sozialer Gerechtigkeit.

also wie jetzt ?

einen grossen fernseher darf man sich kaufen und eine zusatzversicherung nicht ? solange die zusatzversicherung niemandem anderen schadet, braucht sich wohl keiner aufzuregen ?

Ärzte und Lehrer sollen bei Reformen gefragt werden und und ihre Vertretung dann ebenfalls eingebunden werden. Über die Finanzierung soll genauso mit allen beraten werden. Ein Diktat sowohl des Gesundheitsministers, der Krankenversicherungen,als auch der Ärztekammer ist abzulehnen.

Ok, danke für die Info - KUBA allein war mir ein bisserl zu lapidar ;-)

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