Warum es zuckt und zappelt

20. November 2012, 18:35
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Das RLS gewinnt zunehmend an Aufmerksamkeit in der medizinischen Forschung

Es kribbelt in den Beinen. Ein Jucken, Ziehen breitet sich aus, unangenehm und etwas schmerzhaft. Man bewegt die Glieder oder fängt gar an, unwillkürlich zu zucken. Linderung tritt ein, doch schon kurz nachdem man sich wieder ruhig auf das Sofa gesetzt hat, sind die lästigen Reizungen wieder da. Ein Fall für den Arzt?

Die oben beschriebenen Empfindungen gelten als wichtige Symptome des sogenannten Restless-Legs-Syndroms - kurz RLS. In schweren Fällen kann diese Nervenkrankheit eine ernsthafte Beeinträchtigungen der Lebensqualität bewirken und wird sogar als mögliche Ursache von Depressionen betrachtet. Da die Symptome vor allem nachts auftreten, kommt es häufig zu Schlafstörungen.

Mehrere Ursachen

Über die Häufigkeit von RLS selbst herrscht indes keine Klarheit. In der medizinischen Fachliteratur reichen die Angaben von circa vier bis mehr als 30 Prozent der Bevölkerung. Zum Teil wird bei den Erhebungen mit unterschiedlichen Diagnoseverfahren und Krankheitskriterien gearbeitet. Hinzu kommen falsche Selbstdiagnosen anscheinend Betroffener. Muskelkrämpfe im Bein zum Beispiel sind nicht mit RLS zu verwechseln.

Wissenschaftliche Studien deuten auf mehrere potenzielle Ursachen von RLS hin. Zum einen kann das Syndrom sekundär infolge von Nierenschäden, Operationen oder Behandlungen mit Psychopharmaka entstehen. Die größte Anzahl der Fälle muss jedoch andere Auslöser haben. Ältere Menschen und Frauen trifft es besonders oft. Es gibt Hinweise auf eine mögliche genetische Veranlagung. Des Weiteren scheint das Auftreten der Symptome mit Störungen im Dopaminsystem des Gehirns zusammenzuhängen. Deshalb wird RLS häufig mit Ropinirol, einem Medikament zur Anregung von Dopaminrezeptoren, behandelt.

Defizite im Eisenstoffwechsel stehen ebenfalls im dringenden Verdacht, das Restless-Legs-Syndrom verursachen zu können. Eine Arbeitsgruppe der Med-Uni Innsbruck geht in einem vom Land Tirol finanzierten Translational-Research-Projekt dieser Spur intensiv nach.

Die Fachärztin Birgit Högl und ihre Kollegen haben 300 RLS-Patienten für eine umfassende physiologische Studie betreffs der möglichen Ursachen der Krankheit ausgewählt. Die Mediziner erstellen detaillierte biochemische Profile des Blutes der Betroffenen und führen zudem mittels Magnetresonanztomografie (MRT) Beobachtungen von Stoffwechselprozessen in den Gehirnen der Probanden durch.

Ziel ist es, Abweichungen im Eisenhaushalt präzise zu erkennen und eventuelle Verbindungen zwischen diesen und den RLS-Symptomen aufzudecken. 300 gesunde Menschen dienen dabei als Vergleichsgruppe. Die Innsbrucker Forscher hoffen, nicht nur einen besseren Einblick in die Rolle von Eisen bei der Entstehung des Restless-Legs-Syndroms zu erlangen, sondern auch neue Ansätze zur Behandlung der Störung zu finden.

Das Ursachenspektrum von RLS scheint allerdings noch komplexer zu sein, als so mancher Mediziner bislang dachte. Besonders interessant ist diesbezüglich eine deutsche Untersuchung, deren Ergebnisse vor wenigen Wochen im Fachmagazin Journal of Sleep Research veröffentlicht wurden.

Ein Expertenteam der Universitäten Münster, Greifswald und Göttingen hat zum ersten Mal eine großangelegte vergleichende Studie über den möglichen Zusammenhang zwischen RLS und diversen anderen gesundheitsrelevanten Faktoren durchgeführt. Bei den Teilnehmern handelte es sich um nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Personen, 1312 Einwohner der westdeutschen Großstadt Dortmund sowie 4308 Bewohner der Region Vorpommern.

Sozioökonomische Faktoren

Die Studienresultate zeigen mehrere bemerkenswerte Trends. Zum einen bestätigt sich auch hier, dass Frauen und Senioren statistisch gesehen häufiger unter Restless Legs leiden als Männer und jüngere Menschen. Doch es gibt noch andere Korrelationen. Gewisse sozioökonomische Faktoren scheinen das Auftreten von RLS begünstigen zu können.

Den Analysen nach tritt das Syndrom gehäuft bei Arbeitslosen und Rentnern auf, und zwar unabhängig vom Alter. Veränderte Lebensgewohnheiten und geringere Aktivität, meinen die Wissenschafter, könnten hierbei eine Rolle spielen. Vielleicht werden dadurch wichtige neuronale Systeme nicht genug stimuliert. Auch Migranten und vor allem Schichtarbeiter sind überdurchschnittlich oft von RLS betroffen. Bei Letzteren kämen Schlafdefizite und Müdigkeit als Auslöser infrage, schreiben die Forscher.

Die Auswertungen deuten zusätzlich auf Zusammenhänge zwischen Bildungsgrad, Einkommen und Restless Legs hin: je höher diese Faktoren, desto geringer das Krankheitsrisiko. Erstaunlicherweise jedoch zeigte sich dieser Effekt nur in Dortmund. Das Team sieht kulturelle Unterschiede als mögliche Ursache. Vorpommern war Teil der DDR. Dort gab es höhere Bildungsstandards und eine andere Einstellung zum finanziellen Status als in Westdeutschland, und diese prägenden Faktoren würden bis heute nachwirken - anscheinend sogar in der Epidemiologie neurologischer Erkrankungen.

Es gibt gleichwohl auch Fachleute, die RLS weitgehend für einen künstlich geschürten Hype halten. In seiner pathologischen Ausprägung ist das Syndrom nur eine seltene Störung, meinen sie. Von Volksleiden keine Spur.

Dass RLS trotzdem quasi in aller Munde ist, führen diese Skeptiker auf ein gezieltes Vermarkten der Krankheit durch die Pharmaindustrie zurück. Mit tatkräftiger Unterstützung seitens der Medien dränge man ein Krankheitsbild in die öffentliche Wahrnehmung. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 21.11.2012)

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    Eine mögliche Ursache des Restless-Legs-Syndroms - kurz RLS - könnte in einer Störung des Eisenstoffwechsels liegen. Es könnte aber noch komplexer sein, denn es gibt Hinweise darauf, dass auch sozioökonomische Faktoren wie Arbeitslosigkeit eine Rolle spielen könnten. High Heels dürften mit RLS nicht in Zusammenhang stehen.

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