"Das bedeutet den Tod von Etmißl"

Reportage |

Mit Gemeindefusionen will die steirische Landesregierung politischen Reformwillen demonstrieren. Kleine Orte haben Angst, in den neuen Großgemeinden unterzugehen - so etwa in der Obersteiermark

Etmißl - "So, das war's dann auch schon", sagt der Bürgermeister. Es benötigt nur wenige Minuten, um das Bergdörfl am Eingang zur obersteirischen Hochschwabregion zu durchmessen. Hans Jobstmann, der stattlich runde Ortschef, schreitet erhobenen Hauptes durch seine lauschige Ortschaft Etmißl in Richtung Gemeindeamt: Besonders stolz macht ihn, was er neben seinem Büro im Parterre und oben im ersten Stock eingerichtet hat.

Wenn er die Sitzungstür zum Gemeinderatszimmer aufmacht, kichern ihm Kinder entgegen, Jobstmann residiert Tür an Tür mit dem Kindergarten, im ersten Stock ist die Volksschule untergebracht. "Bitte, wir haben hier einen altersübergreifenden Unterricht und beste Erfolge. Wir machen das, was die Wiener Privatschulen seit langem machen und man in Graz jetzt in Schulversuchen probiert", sagt Jobstmann. Der SPÖ-Bürgermeister zieht die Augenbrauen hoch: "Aber eines kann ich ihnen sagen, dieses Schulsystem lassen wir uns sicher nicht zerstören."

Denn das, was sein Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ) und ÖVP-Stellvertreter Hermann Schützenhöfer von ihm verlangen, laufe nämlich auf Zerstörung hinaus und bedeute letztlich den "Tod von Etmißl" .

Graz wolle Etmißl eine Gemeindefusion mit sechs, sieben anderen, zum Teil weit entfernten Ortschaften verordnen, die allesamt womöglich an den geplanten Moloch einer obersteirischen Superstadt "Kapfenberg-Bruck" angeschlossen werden, sagt Jobstmann. Die Vision der Grazer Politiker: Bruck plus Kapfenberg plus mehr als ein Dutzend weitere Gemeinden, fusioniert zu einer Großstadt, ergeben 50.000 Einwohner und somit einen kräftigen Brocken an Ertragsanteilen.

Dies hätte aber in jedem Falle die Schließung des Kindergartens mit den 15 Kindern und der Volksschule mit den 25 Kindern im kleinen 500-Einwohner-Ort Etmißl zur Folge, befürchtet Jobstmann, "die Leute werden in die Stadt abwandern, und bei uns wird sicher kein einziger Cent ankommen. Es wird im ganzen Graben herinnen keine Schule mehr geben, und in Kapfenberg dafür ein großes Schulzentrum."

Die Gemeinde habe vor einiger Zeit das Gasthaus Etmißlhof zu Mietwohnungen umgebaut, weil "viele Familien hergezogen sind, weil's einfach schön ist. Die sind von heute auf morgen wieder weg, wenn wir den Kindergarten und die Schule nicht mehr haben", sagt Jobstmann.

Die Farben der Gemeinden

Etmißl sei ein funktionierendes Dorf: die Müllabfuhr, die Schneeräumung, die eigene Abwasserentsorgung - alles paletti. Die Kosten sind im Griff. Da geht sich sogar eine Unterstützung für den Theaterverein, die Feuerwehr oder die Musikkapelle aus, die zu mehr als der Hälfte aus Frauen und Mädchen besteht. "Was wird sein, wenn wir unser Dorfleben nicht mehr unterstützen können?", fragt der Ortschef.

Nicht dass er grundsätzlich gegen Gemeindefusionen sei, für manche Orte mache es "total einen Sinn". Auch er würde gern mit der kleinen Nachbargemeinde St. Ilgen fusionieren, aber das habe man ihm in Graz nicht erlaubt. Auch Etmißl müsse in den größeren Verbund. "Ganz ehrlich, das mit den Gemeindefusionierungen ist ja eigentlich nicht ernst zu nehmen." Denn niemand aus der Landesregierung oder Verwaltung habe die kurze Fahrt ins Oberland gemacht, um sich vor Ort bei ihm zu informieren, was die geplanten Fusionen für Etmißl bedeuten. "Also ich glaub, diese beiden Herrn in Graz, Voves und Schützenhöfer, haben sich ein bissl weit aus dem Fenster gelehnt, und jetzt kommen sie nicht mehr z'ruck hinein. Wahrscheinlich geht's auch gar nicht um Einsparungen, sondern um eine neue parteipolitische Landkarte. Es geht halt nur um die Farben der künftigen Großgemeinden."

Ein sturer Teufel

Dreißig Schritte weiter ortsabwärts lädt das Haubenwirtshaus Hubinger zur Wildwoche. "Wir haben auch Gäste aus Graz und Wien", sagt die Chefin Paula Wöls, ist doch auch der Pogusch gleich in der Nähe. Der Bürgermeister nimmt heute einen Fitnessteller und den ersten Junker des Jahres. Die resolute Chefin, die aus Tirol zugewandert ist, hält den Bürgermeister für einen sturen Teufel. "Es bringt doch viel mehr, wenn alle im Tal zusammenhalten. Aber seit die Sache mit den Fusionen aufgekommen ist, ist mit den Bürgermeistern nichts mehr anzufangen. Da ist richtig schlechte Stimmung", klagt Frau Wöls.

Kritik, dass hinter seinem "Abwehrkampf" auch eine Portion Kirchturmdenken stecken könnte, schiebt der Bürgermeister weg: "Jetzt werd ich ihnen einmal was sagen: I bin kein sturer Hund. Ich bin 69 Jahre alt, und ich rauf sicher nicht mehr um meinen Sessel. Wenn nicht das mit der Fusion gekommen wäre, hätte ich schon längst was anderes gemacht. Aber ich hab Angst, das jetzt alles den Bach runtergeht."

Draußen vorm Hubinger pfeift der Novemberwind, der in die Knochen fährt und die Füchse, die sich hier gute Nacht sagen, in den Bau treibt. Der Bürgermeister stapft zurück zum Gemeindeamt: "So wie's ausschaut, wird Etmißl allein bleiben. Dafür kämpfen wir bis zum Verfassungsgerichtshof." (Walter Müller, DER STANDARD, 21.11.2012)

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vernünftige Lösung

durch kooperationen (wie unter anderem) gemeindezusammenlegungen kann sicher viel geld eingespart werden. dabei sollte man jedoch so vorsichtig agieren, dass die liebgewonnenen eigenheiten kleiner gemeinden nicht verloren gehen.
klar ist, dass durch synergieeffekte viel eingespart werden kann und das wurde auch schon in einigen gemeinden gezeigt.
vielleicht gibt es auch eine möglichkeit, den bürgermeister trotz zusammenlegung in irgendeiner form zu behalten? gibt ja in graz auch bezirksvorsteher.

Das ganze Tal dort sollte EINE Gemeinde sein

Von Veitsch über Turnau, Aflenz bis Etmißl

Das wäre eine vernünftige Größe einer Gemeinde.

Ja, ein paar überflüssige Verwaltungsposten würden entfallen (die würden ja nicht gekündigt sondern nur nicht nachbesetzt), aber was mit dem Geld alles sinnvolleres angestellt werden könnte.

Ein interessantes Tal,

welches Sie hier anführen. Als ich das letzte Mal (vor ca. 18 Monaten) diese Gegend besucht habe, lag Veitsch noch in einem völlig anderen Tal als Aflenz. Dass sich das so rasch ändern kann, hätte ich nicht gedacht...
:-)

ja wenn der weana ...

... was net kennt, dann schlagt er fest ind hend.

i-Tipfl Reiter

Kann schon sein, aber bei meinem Auto spür ich die Steigung über diesen Minisattel da dazwischen einfach nicht;-)

Aber das ist EINE Gegend. Wenn wir aufhören wollen unnötig Geld zu verschwenden, dann müssen wir endlich ANNFANGEN.

Wenn man sich "im Graben" ned auskennt, soll man ned den Mund so weit aufmachen.

Deine Idee wäre sicher auch noch Tragöss, Eisenerz, Leoben,.. zu dieser Geminde dazu zu nehmen. Ist ja alles "EIN Tal bzw. EINE Gegend!

tja

braunschlag ist wohl überall..... vielleicht brauchts in etmissl auch ein wunder. wie wärs mit einer kleinen marienerscheinung?....

Wen interessiert....

das Kaff eigentlich wirklich? Schon allein dieser umfassende Artikel im Standard ist für diese Rotte eigentlich zu viel der Ehre.

Möglicherweise interessiert das Kaff

diejenigen, welche dort ansässig sind, und viele andere Menschen, welche in Orten mit vergleichbaren Gegebenheiten wohnen und daher jederzeit mit solchen Entwicklungen rechnen müssen.

das denke ich mir bei wien parkpickerlartikeln auch immern.

ist für 80% der österreicher wohnen nicht in dieser stadt,werden von diesem theater aber schon überhaupt nicht tangiert, aber trotzdem wurde man von sicher 30+ artikeln belästigt

Ein schlechter Vergleich, unter der Parkpickerlpolitik leiden sehr viele Menschen - im Großraum leben rund 2,5 Mio Menschen.
Etmißl hat ein paar hundert Einwoner...

:-), du willst mir sagen 2,5 mio leiden an diesem pickerl !!
na dann müsste man schon noch ein paar sonderausgaben des standards nachschiessen

Diese Politiker lügen ihre Bevölkerung schamlos an. Unnötige Verwaltung einzusparen hat ja null Einfluss auf das Leben in der Gemeinde!

Der Knackpunkt ist hier wohl unnötig

und das scheint für einige Poster hier alles zu sein, das sie nicht selbst beanspruchen - eine bequeme Einstellung. Für mich wären dann nach diesem Denkmuster all die 22 Wiener Bezirke, in denen ich nicht wohne, unnötige und überflüssige Verwaltungsstrukturen, also weg damit...

etmißl muß eigenständig bleiben

sonst kehr' ich nie mehr dorthin zurück.

(dort, wo ich schöne stunden schon verbracht')

Sie auch ;-)?

Ich hatte das Kaff mittlerweile schon vergessen und die Wöls Paula gibt es auch noch - hätte ich nicht gedacht (ihre Schwiegermutter war ja eine ziemliche ......)

Erzähl keinen Schmäh, Bürgermeister

Weder die Schule noch der Kindergarten sind in Gefahr.

Einzig und allein eine sinnfreie Verwaltungsebene für 500 Leute soll reduziert werden.
Er möcht halt gern den bequemen Posten behalten, darum lügt er in der Zeitung herum.

PS: Etmißl ist übrigens sehr nett, war heuer 2 Mal dort beim Hubinger essen, phantastisch!

m.W. ist

Buergermeister in so einem Kaff ein Nebenjob

Auch wenn nur ein Nebenjob, bekommt der Bürgermeister in so einem Kaff min. 1795,20€ pro Monat plus zusätzlich im Alter dann eine Bürgermeisterpension.

Es ist schon sehr interessant wie sich hier in einem Teil der Kommentare das intellektuelle Prekariat fernab von Interesse fürs Gemeinwohl ohne jegliche Sachkenntnis und in einer "Geiz ist geil"-Mentalität an einer Diskussion auf Kronenzeitungsniveau beteiligt.
Übrigens: Bürgermeisterpensionen gibt es in der Steiermark schon mindestens 15 Jahre (wahrscheinlich sogar schon etwas länger) nicht mehr.

Bürgermeisterpensionen gibt es in der Steiermark schon mindestens 15 Jahre (wahrscheinlich sogar schon etwas länger) nicht mehr.

Wieso stehen dann die Pensionen für Bürgermeister, Stellvertreter etc. noch immer im entsprechenden Landesgesetz drinnen und wie diese geregelt sind?

Gerade jetzt soll er weg,

wo eine Erhöhung der Bezüge im Raum steht.- Meine Familie machte häufig Urlaub im Etmissler Hof. Weil es 'somewhere from nowhere' ist;-)

Man könnte

das Für und Wider abwägen, man kann aber auch polarisieren: das ist der gebräuchliche österreichische Weg.

Weg damit

Alleine wenn ich höre, dass die Gemeinde ein Gasthaus hergerichtet hat, damit Familien in den Graben ziehen, wird mir schlecht. Das ist ja geradezu fahrlässige Verkehrsverursachung.

Gemeinden mit weniger als 1000 Einwohner haben keine Existenzberechtigung!

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