"Es ist höchste Zeit, weniger bescheiden zu sein"

Interview | Klaus Taschwer
20. November 2012, 17:59
  • Würde genetisch veränderte Lebensmittel essen, wenn sie in Europa zugelassen 
wären: Molekularbiologin Anne Glover.
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    Würde genetisch veränderte Lebensmittel essen, wenn sie in Europa zugelassen wären: Molekularbiologin Anne Glover.

Anne Glover ist oberste Wissenschaftsberaterin von EU-Kommissionspräsident Barroso - Die schottische Molekularbiologin erklärt im Gespräch mit Klaus Taschwer, wie toll Europas Forschung ist, woran es mangelt und warum sie für grüne Gentechnik ist

STANDARD: Sie sind seit Beginn dieses Jahres erste wissenschaftliche Chefberaterin von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Bis dahin kam die EU ohne diesen Posten aus. Warum denken Sie, dass dieser Job geschaffen wurde?

Glover: Ich denke, dass einfach immer stärker bewusst wurde, wie entscheidend Forschung und Entwicklung künftig für ein erfolgreiches Europa sein werden. Es ist nicht so, dass man das nicht auch schon vorher gewusst hätte. Aber es gab in der Europäischen Kommission einfach keine entsprechenden Strukturen, um dem Präsidenten eine unabhängige wissenschaftliche Stimme zur Seite zu stellen.

STANDARD: Was sind Ihre wichtigsten Anliegen?

Glover: Was ich wirklich möchte, ist eine deutliche Verbesserung der Sichtbarkeit für Wissenschaft in Europa. Man spricht hier über alle möglichen Dinge, aber nur sehr selten über unsere exzellente Forschung. Wir sind wirklich extrem gut, aber angesichts dieser Leistungen zugleich allzu bescheiden. Es ist höchste Zeit, weniger bescheiden zu sein. Ein zweiter wichtiger Punkt für mich ist, dass ich für mehr Evidenz in politischen Entscheidungsprozessen eintrete.

STANDARD: Was meinen Sie damit?

Glover: Heute wenden sich Politiker fast ausschließlich an die Ökonomen, um sie um ihre Meinungen zu fragen. Ich möchte in meiner dreijährigen Amtszeit erreichen, dass sich die Politiker auch an die Wissenschafter wenden, um zu einer wirklich klugen, innovativen Politik für das 21. Jahrhundert zu kommen.

STANDARD: Wie schaut Ihre typische Arbeitswoche aus - wenn es so etwas gibt?

Glover: Nein, eine typische Arbeitswoche gibt es nicht wirklich. Ich reise sehr viel, spreche mit möglichst vielen Personen, um zu verstehen, was die Anliegen der Bürger und auch der Wissenschafter sind. Daneben bin ja immer noch ein wenig Forscherin und habe auch noch ein kleines Labor, weil das meine absolute Leidenschaft ist. Außerdem will ich aktives Mitglied jener Welt zu sein, die ich repräsentiere.

STANDARD: Wer sind Ihre wichtigsten Gesprächspartner?

Glover: Zum einen Wissenschafter, also vor allem die Leiter von Forschungsinstituten oder Forschungsprogrammen. Ich spreche auch viel mit Forschungspolitikern und Leuten in der Bürokratie, weil die Teil der Maschinerie sind, um Innovationen in Gang zu bringen. Ich spreche aber auch sehr oft mit Politikern, um die Hürden zu verstehen, warum nicht mehr Wissenschaft umgesetzt wird. Da es nicht überall einen Wissenschaftsberater der Regierung gibt, versuche ich herauszufinden, wen ich im jeweiligen Land anrufen kann, um mit dieser Person über wichtige Fragen zu diskutieren.

STANDARD: Wen würden Sie in Österreich anrufen?

Glover: Diese Person fehlt noch. Ich muss mich mit den Ministerien in Österreich noch absprechen, was für sie am besten wäre. Ich habe sehr gute Kollegen in Österreich, und eine Person, die für mich sehr wichtig ist und hohes Ansehen in der Wissenschaft genießt, ist Helga Nowotny. Als Präsidentin des Europäischen Forschungsrats weiß sie ganz genau, was exzellente Forschung ausmacht. Und sie weiß auch, wie Österreich funktioniert.

STANDARD: Dieser Tage wird das EU-Budget für die Jahre 2014 bis 2020 verhandelt. Das Forschungsprogramm für diese sieben Jahre nennt sich Horizon 2020, für das 80 Milliarden Euro vorgeschlagen wurden. Wie sichtig ist es für Sie, dass dem zugestimmt wird?

Glover: Für mich hat das oberste Priorität. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Budgetposten ist das ganz klar einer für die Zukunft Europas. Wenn wir ein Budget für Wachstum und Arbeitsplätze in Europa haben wollen und auf einen Bereich setzen wollen, in dem wir wirklich exzellent sind, dann müssen wir in Wissenschaft investieren.

STANDARD: Wie soll ich das viele Geld ausgegeben werden?

Glover: Ein absolutes Grundprinzip muss sein, dass wir nur exzellente Forschung und Entwicklung finanzieren. Es kann nicht angehen, dass wir mit dem Budget auch noch andere Zwecke verfolgen wollen wie etwa den sozialen Zusammenhalt. Sehr wichtig ist aber auch, dass mit dem Programm etwas geleistet wird, in dem wir bisher noch nicht sehr gut waren: nämlich der Übersetzung der gewonnenen Erkenntnisse in Innovationen, von denen unsere Bürgerinnen und Bürger etwas haben.

STANDARD: Wie wichtig ist Ihnen der Europäische Forschungsrat (ERC), der seit nun bald sechs Jahren exzellente Grundlagenforschung fördert?

Glover: Der ERC war im noch laufenden siebenten Rahmenprogramm ein Riesenerfolg. Der Grund dafür ist, dass er Forschung auf sehr kluge Art und Weise fördert. Es ist völlig gleichgültig, woher die Idee oder der Antragsteller kommt - entscheidend ist die Exzellenz. Ich war bei der Feier zum fünfjährigen Bestehen des ERC dabei, bei der einige beispielhafte Projekte vorgestellt wurden. Am Ende jeder Präsentation gab es konkrete Hinweise darauf, dass man dieses Wissen für ganz konkrete Zwecke nützen kann: Blinde zu heilen oder durch Robotik die Sicherheit von Arbeitern zu erhöhen. Diese Forscherinnen und Forscher war es ein großes Anliegen, dass ihre neuen Erkenntnisse umgesetzt werden. Es ist also eine ganz falsche Vorstellung, dass Wissenschafter neue Erkenntnisse bloß für sich schaffen. Sie wollen auch, dass dieses Wissen umgesetzt wird.

STANDARD: Passiert das nicht schon in ausreichendem Maße in den jeweiligen Mitgliedsländern?

Glover: Das stimmt schon. Andererseits: Österreich kann nicht in allen Bereichen der Wissenschaft Weltspitze sein, aber Europa ist dazu in der Lage, und Österreich ist Teil Europas. Wir dürfen natürlich auch nicht vergessen, dass Brüssel im Vergleich zu den Mitgliedsstaaten nur sehr wenig Geld für Wissenschaft in die Hand nimmt und es das Prinzip der Europäischen Union ist, nur jene Dinge zu fördern, die über das hinausgehen, was in den Mitgliedsländern passiert, also etwa hochqualitative Infrastruktur.

STANDARD: Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Glover: Das beste Beispiel ist wohl der Large Hadron Collider des Cern in Genf, der nur als europäische Initiative finanzierbar ist. Jetzt kann man natürlich einwenden, dass das nur Teilchenphysik ist. Aber man sollte auch nicht vergessen, dass auch das World Wide Web am Cern erfunden wurde. Ein anderes Beispiel sind PET-Scanner im Krankenhaus, also die Positronen-Emissions-Tomografie, die es ohne Cern nicht gäbe. Gute Wissenschaft, wo auch immer sie in Europa stattfindet, wirkt sich überall positiv aus.

STANDARD: Was sind Ihrer Ansicht die Stärken und die Schwächen der europäischen Wissenschaft in einer globalen Perspektive?

Glover: Wie ich schon sagte: Europas Wissenschaft ist wirklich gut und wird vielfach unterschätzt. Wir gewinnen zum Beispiel mehr wissenschaftliche Nobelpreise als die USA. Und wenn ich mich frage, welche die beste Raumfahrtagentur der Welt ist, dann würde ich sagen: Das ist die Esa und nicht die Nasa. Unser Problem ist, dass wir etwa im Vergleich zu den USA extrem zögerlich sind, unser Wissen in Innovationen umzumünzen.

STANDARD: Woran liegt das konkret?

Glover: Das liegt zum einen daran, dass es dort unter den Forschern viele Entrepreneure gibt, zum anderen gibt es in den USA mehr privates Risikokapital. Daran müssen wir dringend arbeiten. Dazu kommt, dass auch die Bürgerinnen und Bürger Europas sehr zögerlich sind, was den Umgang mit Innovationen angeht. Es scheint die Mentalität vorzuherrschen, dass wir das Neue immer zuerst einmal die anderen testen lassen wollen. Wenn es hingegen in den USA etwas Neues gibt, dann wollen das alle sofort haben. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es geht nicht darum, das Neue einfach hinzunehmen, nein, wir müssen dem Neuen gegenüber aufgeschlossen sein und es auch vorurteilsfrei prüfen. Einen solchen Zugang würde ich für einen großen Fortschritt halten.

Stndard: Wie entscheidend ist der Mangel an Entrepreneurship in Europa?

Glover: Es ist nicht so, dass wir in Europa keine Entrepreneure hätten. Aber ihre Ambitionen sind womöglich nicht ganz so groß wie in den USA. Ich gebe Ihnen ein ganz persönliches Beispiel: Ende der 1990er-Jahre dachte ich mir, dass meine Forschungen zu innovativen Anwendungen führen könnten. Also tat ich mich mit einigen Kollegen zusammen, und wir beantragten eine Förderung, um eine Firma zu gründen. Das waren 250.000 Euro, die wirklich die geringste Summe, mit der es klappen konnte. Wie ich nachher mit Kollegen in den USA darüber sprach, sagten die mir „Du bist verrückt. Das war eine tolle Idee. Warum hast Du nicht ¬10 Millionen Euro beantragt?" Die Firma gibt es zwar noch heute. Aber es lief alles nur sehr langsam und blieb lange eine eher bescheidene Angelegenheit, obwohl das Wissen da gewesen wäre. Wir hätten die 10 Millionen in Europa auch wahrscheinlich nicht gekriegt. Das hat mit Risikoaversion zu tun, aber auch mit mangelnder Zuversicht. Und in den Bereichen müssen wir uns verbessern.¬

STANDARD: Warum halten Sie das für so wichtig?

Glover: Ich denke, dass es ein großes Risiko gibt, dass sich Europa dadurch die Führungsrolle in vielen enorm zukunftsträchtigen Bereichen vergibt. Wenn wir die in Europa geschaffenen Erkenntnisse nicht umsetzen, dann tut es jemand anders - und wir sind Zweiter. Das liegt auch am Mangel an politischer und öffentlicher Akzeptanz. Die wissenschaftlichen Fakten sprechen für grüne Gentechnik und zeigen ihr enormes Potenzial. Zugleich sind so viele Menschen dagegen. Ich will verstehen, warum das so ist. Ich möchte, dass man darüber diskutiert, was die guten Aspekte einer neuen Technologie, aber auch, was man darüber noch nicht weiß.

STANDARD: In Österreich sind große Teile der Bevölkerung strikt gegen grüne Gentechnik. Wie würden Sie einen solchen Dialog von Ihrer Seite beginnen?

Glover: Ich weiß, dass ich das den Leuten nicht einfach erklären kann und sie dann überzeugt sind. Zumindest bei mir würde diese Methode nicht klappen. Zugleich bin ich überzeugt, dass genetisch veränderte Pflanzen viele sehr positive Aspekte haben können: die Ernährung der Weltbevölkerung sicherstellen, den Gebrauch von giftigen Spitzmitteln verringern oder einen wichtigen Beitrag zur Verhinderung des Klimawandel leisten, da weniger Dünger verwendet werden muss. Ich finde, dass wir über diese Dinge viel zu wenig diskutieren, und das macht mich sehr traurig.

STANDARD: Sie haben kürzlich behauptet, dass der Verzehr von genetisch veränderten Lebensmitteln keinesfalls gefährlicher sei als der von gewöhnlichen Nahrungsmitteln. Essen Sie genetisch veränderte Lebensmittel?

Glover: Ich würde sie essen, wenn sie in Europa zugelassen wären. Wissenschaftlich betrachtet gibt es keinen Grund, warum sie weniger gesund sein sollten. Nachdem ich das gesagt habe, gab es heftige und zum Teil auch sehr aggressive Reaktionen. Leider waren bei den Reaktionen keine wissenschaftlichen Tatsachen dabei. Ich verstehe auf der anderen Seite, dass viele Menschen gegen grüne Gentechnik sind, weil sie gegen die Praktiken der großen Multis sind, die heute hinter vielen dieser Produkte stehen. Ich habe großes Verständnis für diese Haltung und würde diesbezüglich gerne mit den Menschen reden, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

STANDARD: Faktum ist, dass grüne Gentechnik ohne die Multis kaum zu haben ist, weil die Zulassungsverfahren so aufwendig und teuer sind.

Glover: Richtig, und damit haben uns beinahe selbst ins Bein geschossen. Wir haben so strikte Regulierungen - egal ob das jetzt Zulassungen im Gesundheits-, Pharma- oder den Nahrungsmittelsektor betrifft -, dass es fast nur noch die Multis sich solche Verfahren leisten können. Dabei liegt ein so großes Potenzial in Klein- und Mittelbetrieben, wo man oft großartige Ideen hat. Aber sie haben durch die aufwändigen Regulierungen keine Chance. Was wir brauchen, sind wirklich smarte Zulassungsbestimmungen, die zum einen die Sicherheit garantieren, aber auch Innovationen.

STANDARD: Sie stellten in dem Zusammenhang auch bestimmte Anwendungen des Vorsorgeprinzips auf europäischer Ebene in Frage. Warum?

Glover: Auch darauf gab es sehr aggressive Reaktionen. Richtig angewendet ist das ein sehr wichtiges Prinzip, das ich als solches auch nicht in Frage stelle. Meines Erachtens bedeutet das, langsam aber sicher voranzuschreiten und alle möglichen Informationen über eine neue Technologie einzuholen. Und wenn diese Informationen dafür sprechen, die Technologie anzuwenden, dann sollte man das auch tun. Heute hingegen scheint man das Prinzip anders zu interpretieren: Man geht davon aus, dass es vielleicht ein künftiges Risiko geben könnte und stoppt den möglichen Fortschritt. Ich allein kann das natürlich nicht ändern. Aber ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, dass vielleicht auch die Bürger Europa ähnlich denken und aufgeschlossener gegenüber Innovationen sind. Denn allein so kann und wird sich auch die Politik ändern. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 21.11.2012)

 


Anne Glover ist Professorin für Molekularbiologie an der Uni Aberdeen, war von 2006 bis 2011 oberste schottische Wissenschaftsberaterin und ist seit 2012 oberste Wissenschaftsberaterin der EU.

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also die ESA als die bessere Raumfahrtagentur zu bezeichnen ist schon etwas Wunschdenken... so ein flagship wie Curiosity hat Europa noch nicht zusammengebracht.

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