Syrien-Intervention der Türkei wird denkbar

Außenminister: Patriot-Raketen "vor allem" defensiv - London erkennt Opposition an

Gefechte unter Assad-Gegnern an der türkisch-syrischen Grenze haben die Gleichung im Syrienkrieg noch einmal kompliziert und eine militärische Intervention der Türkei im Nachbarland wahrscheinlicher gemacht. Die kurdische Nachrichtenagentur Firat meldete, die türkische Armee habe am Montagnachmittag mit Artilleriegeschoßen in die Kämpfe in Ras al-Ain (Serekani) eingegriffen, wo sich Milizen der Freien Syrischen Armee (FSA) und der Kurdenpartei PYD gegenüberstanden.

Ankara nahm dazu nicht Stellung. Die Gefechte machten gleichzeitig das Risiko für die Nato deutlich, bei einer Stationierung von Patriot-Raketen im Grenzgebiet durch die Türkei in einen Krieg gegen Syrien hineingezogen zu werden.

Der britische Außenminister William Hague gab am Dienstag die Anerkennung des oppositionellen Sammelbündnisses der Nationalen Koalition der syrischen Oppositions- und Revolutionskräfte als alleinige Vertretung des syrischen Volkes an. Zuvor hatte Frankreich diesen Schritt getan.

Demonstration

Die bewaffnete syrische Kurdenpartei PYD gehört dieser Koalition nicht an. Die türkische Regierung hatte in den vergangenen Monaten mehrfach klargemacht, dass sie keine Kontrolle der PYD über mehrheitlich kurdische Teile im Norden Syriens dulden werde. Die Partei der Demokratischen Union (PYD) gilt als Ableger der als Terrororganisation eingestuften Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

Auslöser der Kämpfe in der syrischen Grenzstadt Ras al-Ain zu Wochenbeginn soll eine Demonstration von PYD-Anhängern gegen die Besetzung der Stadt durch islamistische Verbände der Freien Syrischen Armee gewesen sein. Dabei wurden kurdischen Berichten zufolge der örtliche Führer der PYD und ein Jugendlicher erschossen. Bei den anschließenden Kämpfen soll die türkische Armee angeblich Positionen der PYD unter Beschuss genommen haben.

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu gab derweil die prinzipielle Einigung mit der Nato über die Aufstellung von Patriot-Raketen bekannt. Das Abwehrsystem sei "vor allem" defensiv.

Der gewöhnlich gut informierte Kommentator der Tageszeitung Zaman, Abdullah Bozkurt, plädiert bereits für ein militärisches Eingreifen der Türkei: "Wenn wir keine Koalition der Willigen aufstellen können, um diese Bedrohung vor unserer Tür rasch auszuschalten, müssen wir es allein tun." Bozkurt zitierte einen Geheimdienstbericht, der türkischen Parlamentsabgeordneten übergeben wurde und demzufolge die PYD 30 von 35 Stützpunkten übernommen haben soll, die von syrischen Regierungstruppen geräumt wurden. Unter den Waffen, die dabei ihre Besitzer wechselten, seien nicht weniger als 50 Flugabwehrkanonen. (Markus Bernath, DER STANDARD, 21.11.2012)

 

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