Pendel der Zusammenarbeit

Wiener Lesefestwoche mit einer Diskussion eröffnet

Wien - Als eine der bedeutendsten kulturellen Fertigkeiten gehört Lesen zur Grundlage gesellschaftlichen Zusammenseins. In Wien ist dem Erfassen von Zeichen, die in Sprache umgesetzt werden, eine Lesefestwoche im Rahmen der Messe Buch Wien gewidmet.

Zur Eröffnung durch Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) im Großen Kassensaal der Postsparkasse fehlte der Eröffnungsredner. Der US-Soziologe Richard Sennett musste krankheitsbedingt absagen. Doch sein neues Buch Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält sorgt auch ohne ihn für Gesprächsstoff. Statt einer Rede gab es also eine Diskussion, an der sich Exbundeskanzler Alfred Gusenbauer, Biologe Kurt Kotrschal, Philosoph Konrad Paul Liessmann und die Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler beteiligten.

Sennett fragt, wie Zusammenarbeit und -leben in einer Gesellschaft mit vielen verschiedenen Akteuren funktioniert. Zentral sind die Begriffe Kooperation und Wettbewerb. Wettbewerb wird heute oft mit Verdrängung und Ausnutzung des anderen verbunden. Es müsse ein Paradigmenwechsel stattfinden, der das Pendel wieder mehr in Richtung Kooperation schlage. Ist der Mensch von Natur aus für ein Mit- oder ein Gegeneinander geschaffen? Mei-Pochtler: "Zu beidem. Aber heutzutage überwiegen die konkurrierenden Muster." Wettbewerb ist extrem produktiv, sagt sie. Für Gusenbauer gibt es ohne Wettbewerb keinen Fortschritt und ohne Zusammenarbeit keinen Frieden. Die Balance sei verlorengegangen, ein Umdenken notwendig.

Liessmann sieht keine Anzeichen für eine Veränderung und hebt eine Stelle bei Sennett hervor: Ein falsch verstandener Wettbewerbsgedanke wurde so sehr zum alleinigen Paradigma erhoben, dass "wir andere Bereiche des politischen, gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Handelns gar nicht mehr imstande waren wahrzunehmen".

Und der Verhaltensforscher Kotrschal weiß, "dass die Menschen als Kooperationstiere geboren werden". Aber die Bedingungen des Aufwachsens geben die Richtung vor: Misstrauens- oder Vertrauensgesellschaft. (gil, DER STANDARD, 21.11.2012)

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