Das spezifische Gewicht von heißer Luft

  • Kitsch und Ergriffenheit. Scheinbar ist das auch eine Kunst. Die Band 
Muse  tut zumindest so. Eine volle Wiener Stadthalle kauft  es ihr ab.
    foto: robert newald

    Kitsch und Ergriffenheit. Scheinbar ist das auch eine Kunst. Die Band Muse tut zumindest so. Eine volle Wiener Stadthalle kauft es ihr ab.

Pathos und Synthesizer: Die Band Muse verliert sich in der Wiener Stadthalle

Wien - Muse, Schmus. Das liegt einem nach einer Stunde im Konzert bleiern auf der Zunge. Zwar spielt sich die britische Band Muse am Montag in der vollen Wiener Stadthalle routiniert bis beherzt durch ihren Katalog, doch so etwas wie Originalität sucht man auch in der Live-Darbietung vergeblich.

Für die Mitte der 1990er gegründete Formation rund um Matthew Bellamy gilt die alte Einschätzung: noch nie eine eigene Idee von innen gesehen. Gut, um Erfolg zu haben, ist das nicht hinderlich. Muse klingen live zwar weniger nach den bis heute überschätzten Queen und deren Bombast- und Pathos-Donnerwetter, dafür erinnern die vier mitunter an Supertramp auf hart.

Aber was ist schon hart bei diesen Riffs für die ganze Familie? Wenig. Schließlich sitzt da ja einer am Synthesizer, mit dem er die letzten Ecken und Kanten dieser Mucke abschmirgelt und die wild ausdruckrockenden Gitarristen vorn an der Bühnenkante konterkariert. Und dann ist da noch der falsettierende Gesang von Bellamy, der nach Phimose im Endstadium klingt und dessen spezifisches Gewicht jenem von heißer Luft nahekommt. Das ergibt eine Kitschpackung, in der Muse Gesellschaftskritik mit der selben Überzeugung wie gute Laune kredenzen. Und es sind Merkmale, die während der ganzen Show immer wieder auftauchen wie der Einserschmäh.

Dazwischen gibt es zwar kleine Ausreißer, die vom optisch ansprechenden Bühnenbau unterstrichen werden. Etwa der Song Supermassive Black Hole, der ganz gut anschiebt. Aber wie selbstverliebte Gockel verlieren sich Muse immer wieder in ihren Kraftlackelballaden, die gern als hymnisch beschrieben werden und zu denen der Saal herzerweichend in die Hände pascht.

Aufregend wird es nur noch außermusikalisch, als sich die auf dem Kopf stehende Pyramide über der Bühne morphologisch verwandelt und die Band ummantelt. Das dazu besungene Stockholm Syndrome mag sich dennoch nicht einstellen. (Karl Fluch, DER STANDARD, 21.11.2012)

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