Den Rätseln der Langlebigkeit auf der Spur

21. November 2012, 15:10
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Mittwoch bis Freitag fachsimpeln Experten über tatsächliche und vermeintliche Langlebigkeitsinseln und warum "Zugereiste" meist länger leben als Einheimische

Wien - Warum Frauen im Schnitt länger leben als Männer, ob es sogenannte Langlebigkeitsinseln gibt, deren Bewohnern ein besonders langes Leben nachgesagt wird, und aus welchen Gründen "Zugereiste" meist länger leben als Einheimische, darüber werden rund 75 Bevölkerungswissenschafter von Mittwoch bis Freitag bei der Konferenz "Faktoren ungewöhnlicher und unterschiedlicher Langlebigkeit" ("Determinants of Unusual and Differential Longevity") in Wien fachsimpeln. Sie wird vom "Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital" veranstaltet.

Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt in Ländern wie Österreich seit etwa 150 Jahren in einem fort; geht es wie erwartet so weiter, erreicht sie in der Mitte oder der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die magische Grenze von 100 Jahren, erklärte Marc Luy vom Institut für Demographie (VID) der Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Gespräch mit der APA. Um herauszufinden, ob dies überhaupt möglich ist, wollen er und seine Kollegen möglichst viel über die Faktoren lernen, die die Lebenserwartung beeinflussen. Dazu sehen sie sich etwa die Unterschiede in der Sterblichkeit und Lebenserwartung verschiedener Gruppen an: Gebildete und Ungebildete, Migranten und Einheimische, Männer und Frauen, Sportler und Couch-Potatoes. Außerdem erforschen sie, ob die Menschen an bestimmten Orten tatsächlich alt werden wie Methusalem.

"Tal der Hundertjährigen"

Solche "Langlebigkeitsinseln" seien etwa Okinawa in Japan und Vilcabamba, das "Tal der Hundertjährigen", in Ecuador. Während die durchschnittliche Lebenserwartung in Okinawa laut Statistik tatsächlich höher liegt als im übrigen Japan (wo die Lebenserwartung ohnehin schon sehr hoch ist), würde es sich in anderen Fällen eher um Mythen handeln. Beim "Tal der Hundertjährigen" etwa hätten Luys Kollegen festgestellt, dass Geburtsurkunden Seltenheitswert haben. Die wenigen vorhandenen Exemplare würden darauf deuten, dass ihre Besitzer eher 80 seien und nicht über 100, sagte Luy. Auch in einem Tal im Kaukasus, wo die Menschen angeblich zwischen 200 und 300 Jahre alt werden, könnte dies niemand urkundlich belegen.

Auf den ersten Blick widersprüchlich sei etwa auch, dass Zuwanderer in fast jedem Land länger leben als die Einheimischen, obwohl sie in der Regel sozial niedriger gestellt sind und auch gesundheitlich größere Probleme hätten, sagte Luy. Eine mögliche Erklärung sei, dass tendenziell die gesünderen Bevölkerungsgruppen umziehen: "Niemand, der mit dem Tod ringt, wird sich von der Türkei nach Österreich aufmachen", erklärte er. Außerdem hätten Studien gezeigt, dass Zuwanderer relativ schnell in die vertraute Heimat zur Familie und den ihnen bekannten Ärzten flüchten, wenn sie am Anfang im fremden Land schwer krank werden. "So hätte man bei den Zuwanderern am Anfang eine doppelte Gesundheitsselektion", meinte Luy.

Von solchen Paradoxen wolle man lernen, wie stark sich Selektionseffekte auf die Lebenserwartung auswirken. "Man erwartet immer in erster Linie, dass das Gesundheitsverhalten und genetische Unterschiede diese Dinge erklären, aber es kann zum Beispiel auch die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Risikogruppen sein", so Luy.

Nonnen und Klosterbrüder

Er selbst untersucht seit fünfzehn Jahren die Lebenserwartung von Nonnen und Klosterbrüdern. Damit hat er zwei Gruppen mit beinahe identen Umweltbedingungen, die sich nur um einen biologischen Risikofaktor unterscheiden: dem Geschlecht. Luy fand heraus, dass das Klosterleben vor allem den Männern gut tut, hier leben sie im Schnitt nur ein Jahr kürzer als die Frauen, während es außerhalb der Klostermauern sechs Jahre sind.

Bei Männern und Frauen gäbe es das sogenannte Lebenserwartungs-Gesundheits-Paradox. Einerseits leben Frauen deutlich länger als Männer, andererseits bescheinigen ihnen fast alle einschlägigen Studien eine schlechtere Gesundheit. Um diesem Umstand auf die Schlichte zu kommen, erhebt Luy mit seinen Kollegen nun in den Klöstern Deutschlands und Österreichs nicht nur die Lebenserwartung, sondern auch die Gesundheitsdaten der Schwestern und Brüder.

Schließlich verrät Luy die klassischen Risikofaktoren, um das Leben zumindest nach der Statistik zu verkürzen oder zu verlängern: Auf der einen Seite stehen Rauchen, Alkoholkonsum und Verkehrsunfälle, auf der anderen Sport und eine gesunde Ernährung. Doch das Beste, was man für eine hohe Lebenserwartung tun kann, sei, sich die richtigen Eltern "auszusuchen", zitiert er einen Kollegen. Neben der Genetik der Herkunftsfamilie wären vor allem die Umweltbedingungen in der jungen Kindheit wichtig, wie die Ernährung, Bildung und der Sozialstatus der Eltern. Diesen Faktor könne man freilich nicht selbst beeinflussen. (APA, 21.11.2012)

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