Europas Piloten sind müde

Wer sich in ein Flugzeug setzt, vertraut auf den Piloten im Cockpit. Übermüdung, Sekundenschlaf und Fehleranfälligkeit gefährden die Sicherheit

Wer sich in ein Flugzeug setzt, legt sein Leben und seine Gesundheit in das Können von Piloten, Fluglotsen und Technikern. Aus einer Umfrage der European Cockpit Association geht nun hervor, dass das Vertrauen, welches Passagiere in die Sicherheit von Flugreisen legen, nicht uneingeschränkt berechtigt ist. Für die Untersuchung wurden zwischen 2010 und 2012 über 6.000 europäische Piloten über ihre Erfahrungen mit dem Thema Übermüdung im Cockpit befragt. Die Ergebnisse könnten für unruhige Nächte in der Passagierkabine sorgen.

Müdigkeit als Sicherheitsrisiko

Mehr als die Hälfte der befragten Piloten gab beispielsweise an, dass Müdigkeit ihre Leistung im Cockpit beeinträchtigt. Vier von fünf Piloten hatten bereits mit Müdigkeit im Cockpit zu kämpfen. Übermüdete Piloten neigen dazu, während des Fluges einzuschlafen oder erleben einen Sekundenschlaf im Cockpit. Laut Umfrage sind davon 85 Prozent der österreichischen, 89 Prozent der schwedischen, 92 Prozent der deutschen und 93 Prozent der dänischen Piloten betroffen. Ein Drittel der befragten Piloten aus Großbritannien berichtet, dass sie eingeschlafen seien und beim Aufwachen ihren Kollegen ebenfalls schlafend vorgefunden hätten. Andere Flugzeugführer klagen über schwere Augenlieder während des Fluges.

70 bis 80 Prozent der Befragten gaben an, aus Sorge vor disziplinären Konsequenzen oder vor einer Stigmatisierung von Seiten ihrer Arbeitgeber oder Kollegen auf einen Bericht über die auftretende Übermüdung zu verzichten. Aus denselben Gründen würden sie nicht zugeben, dass sie für einen Flug zu müde und nicht in der Lage seien, ein Flugzeug zu fliegen. Nur 20 bis 30 Prozent würden eine Übermüdung melden oder nicht fliegen.

Fehlerquelle Übermüdung

Drei von fünf befragten Piloten aus Schweden, Norwegen und Dänemark gaben an, aufgrund von Müdigkeit bereits Fehler begangen zu haben. Bei den deutschen Piloten sind es sogar vier von fünf.

Die Untersuchung soll dabei helfen, die Flugsicherheit zu erhöhen und die Schere zwischen operativer Wirklichkeit und offiziellen Statistiken zu schließen. Im Oktober 2007 etwa kam eine Boeing 737-800 der JetX bei der Landung auf dem Flughafen Keflavik mit 188 Passagieren von der Landebahn ab. Der Grund dafür war die Übermüdung des Piloten, dessen Gesamtarbeitszeit wegen Verzögerungen beim Abflug über 17 Stunden betrug. Untersuchungen zeigen, dass Müdigkeit ein wesentlicher Faktor bei zahlreichen Pannen und Unfällen ist.

Längere Arbeitszeiten geplant

Laut Studien steigt das Risiko eines Piloten, in einen Unfall verwickelt zu sein, nach zwölf Dienststunden massiv an. Die Europäische Flugsicherheitsbehörde EASA plant, die Flugdienstzeiten für Piloten zu verlängern und stößt damit auf heftige Kritik vonseiten der Pilotenvereinigung. Zurzeit dürfen Piloten maximal 14 Stunden im Cockpit sitzen, sofern die Flüge tagsüber stattfinden. In den Nachtstunden ist die Arbeitszeit auf zehn Stunden beschränkt. Die EASA will die Arbeitszeit in der Nacht auf elf Stunden ausdehnen, die teilweise auf zwölf und in Ausnahmefällen sogar auf dreizehn Stunden verlängert werden könnten. Die Vereiningung Cockpit aus Deutschland, die rund 8.500 Piloten vertritt, warnt vor derartigen Plänen, da dadurch die Sicherheit der Luftfahrt gefährdet sei. Im Sommer 2013 soll der neue Arbeitszeitentwurf der Behörde EASA in Kraft treten, sofern der Europäische Rat und das Parlament dem Papier zustimmen.

"Sollte der Vorschlag der EASA unkorrigiert umgesetzt werden, können wir Piloten für die Sicherheit nicht mehr garantieren. Wir werden nicht akzeptieren, dass man die Sicherheit der Passagiere und Besatzungen verkauft.", so Ilja Schulz, Präsident der Vereinigung Cockpit. (red, derStandard.at, 20.11.2012)

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