Antike Buddhistenstadt in Afghanistan muss Kupfermine weichen

20. November 2012, 11:58
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Dilemma: Siedlung aus viertem Jahrhundert beherbergt tausende Artefakte, doch chinesische Mine bringt verarmtem Land Geld und Arbeitsplätze

Kabul - In Mes Ainak, etwa 50 Kilometer südlich von Kabul in der afghanischen Provinz Logar, legen Archäologen ein weitläufiges buddhistisches Siedlungsgebiet aus dem vierten Jahrhundert frei, mit tausenden Häusern, Tempeln und Statuen. Die archäologische Schätze bringen nicht nur Wissenschafter zum Staunen, doch es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Bald will ein chinesisches Unternehmen in dem afghanischen Ort mit dem Abbau von Kupfer beginnen. Die Kulturstätte wird dabei völlig zerstört werden.

2007 erhielt das chinesische Unternehmen MCC eine Konzession für 30 Jahre. 11,5 Millionen Tonnen Metall sollen an dem Ort in der Unruheprovinz Logar im Boden liegen. Vorbedingung für den Vertrag war die Finanzierung archäologischer Ausgrabungen, denn  im vierten Jahrhundert hatte sich hier eine religiöse buddhistische Gemeinde niedergelassen - schon damals, um von dem Kupfervorkommen zu profitieren.Besiedelt war die Region bereits davor. Ausgrabungen weisen auf eine über 2.300 Jährige Geschichte hin. Entdeckte Inschriften sollen sogar die Präsenz von Truppen Alexander des Großen belegen.

Rund 50 Archäologen und 550 Arbeiter sind mit den Arbeiten betraut, die von der französischen archäologischen Mission in Afghanistan (DAFA) überwacht werden. Nach Angaben ihres Direktors Philippe Marquis stellt das chinesische Bergbauunternehmen insgesamt umgerechnet rund 23,5 Millionen Euro für die Ausgrabungen bereit.

Was die Experten bisher zutage gefördert haben, ist beeindruckend. Mes Ainak, das als eine der wichtigsten  Stationen an der Seidenstraße gilt, ist auf einer Fläche von vier Quadratkilometern voll von kleinen Dörfern, die nach und nach hervorgeholt werden. Überall wurden Wohnhäuser, Buddhastatuen, Tempel und andere Gebäude freigelegt, deren weitläufige Mauern noch in gutem Zustand sind. Bis zum Horizont zeichnen sich tausende weitere Hügel ab.

"Bedeutender als Pompeji"

"Das ist noch bedeutender als Pompeji, noch umfangreicher", schwärmt die italienische Archäologin Roberta Marziani. "Mehr als tausend Statuen wurden gefunden", betont Marquis, wenngleich diese Zahl für Afghanistan mit seinem besonders reichen, aber vernachlässigten Kulturerbe "nicht außergewöhnlich" sei.

Ende 2013 sollen die archäologischen Arbeiten abgeschlossen sein. Dann soll die Stadt aus dem vierten Jahrhundert in Computeranimationen wieder auferstehen, während der Großteil ihrer Überbleibsel nach und nach vom Bergbau zerstört werden wird. Vizekulturminister Mossadek Chalili sieht das Dilemma: "Wir tun unser Bestes, um die Vergangenheit zu erhalten und die Kupferminen zu nutzen", sagt er. Aber: "Wir müssen die Wirtschaft des Landes entwickeln. Wir haben keine Wahl."

Mes Ainak wird dem afghanischen Staat nach Berechnungen des Projektdirektors im Bergbauministerium, Abdul Asis Arjab, umgerechnet zwischen 250 und 275 Millionen Euro an jährlichen Einnahmen bringen. Dazu kommen mehr als 780 Millionen Euro indirekte Einkünfte durch die 2000 bis 3000 Arbeitsplätze der Mine sowie 20.000 bis 25.000 Menschen, die indirekt davon profitieren werden.

Unverhoffter Geldsegen

Für ein ausgeblutetes Land, das seit mehr als 30 Jahren von Kriegen und Unruhen erschüttert wird und nun den wirtschaftlichen und politischen Wandel mithilfe seiner Rohstoffvorkommen bewältigen will, ist das ein unverhoffter Geldsegen. Eine US-Studie schätzt den Wert der Bodenschätze, die in afghanischer Erde liegen, auf rund 780 Milliarden Euro.

Doch um Investoren anzulocken und zu halten, muss die Sicherheitslage stabil sein. Zwei Jahre vor dem geplanten Abzug des Großteils der NATO-Truppen ist dies noch lange nicht der Fall. Jeden Tag sind Dutzende Minenräumer im Einsatz, um den rund zehn Kilometer langen Feldweg nach Mes Ainak zu sichern. Rund 2000 Polizisten sind auf dem eingezäunten Gelände stationiert. Trotzdem wurde das Lager von MCC-Angestellten im vergangenen Sommer mit Raketen beschossen. Die meisten der 300 chinesischen Arbeiter sind nach Einschätzung eines Beobachters danach abgezogen worden.

Zwischen Krieg, Gewalt, Entwicklungspolitik und der Förderung wertvoller Bodenvorkommen ist es schwer, eine Lanze für die schönen Buddhas zu brechen. Philippe Marquis weiß um seinen einsamen Kampf: "Wir sind inmitten von etwas, das weit über uns hinausreicht." (APA/red, derstandard.at, 20.11.2012)

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