Jenseitige Integrationsmaßnahmen

Glosse29. November 2012, 10:53
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Der gut gemeinte Religionsunterricht hat bei mir ein bleibendes Trauma hinterlassen. Von Gruselgeschichten, Tintenblut und hautfarbenen Buntstiften

Möglicherweise war ich einfach ein ungewöhnlich sensibles Kind. Mit sechs Jahren habe ich die Vorstellung davon, dass jemand einen Dornenkranz auf den Kopf bekommt und mit Nägeln an ein Holzkreuz gehängt wird, nicht einfach verkraftet. Eiserne Nägel? Wirklich? So durch die Hand einfach? Ich betrachtete meinen kleinen, tintenbeschmierten Handteller und versuche mir vorzustellen, wie sich das anfühlen würde: Jetzt meine Füllfeder, mit der ich erst sehr ungelenk umgehen kann, durch die Mitte rammen. Ach, durch die Füße auch. Und so ist Jesus dann gehangen? Und das Blut ist so seine Wange heruntergeronnen, so wie auf diesem Bild? Ich drücke einen großen schwarzblauen Tintenblutfleck auf das Papier und verschmiere ihn mit der dünnen, kratzigen Füllfederspitze in alle Richtungen, bis daraus ein großer, fasriger Stern wird. So sieht Schmerz vielleicht aus, denke ich mir. Am liebsten gefällt mir rückblickend die Erklärung, ich hätte einfach zu viel Vorstellungsvermögen gehabt.

Multimediale Unterrichtsmethoden

Das schmerzverzerrte Gesicht Jesu auf Bildern oder als Statue macht mir jedenfalls noch heute Angst. Ständig habe ich als Kind darüber nachgedacht, was für höllische Schmerzen das gewesen sein mussten, manchmal habe ich sogar geweint. Meine Religionslehrerin deutete das wohl als metaphysische Ekstase und war vielleicht ob ihrer erfolgreichen didaktischen Methoden erfreut. Neben Musik (das Vater-Unser-Singen - ohne Melodie kann ich es auch heute nicht rezitieren) und Literatur (brennende Büsche, Plagen, Pyramiden, Weltuntergänge - Action für alle Geschmäcker) hatte sie es nämlich auch auf die Malerei abgesehen.

Ausfahren und Hautfarben

Die Hausübungen in meinem Religionsunterricht bestanden nämlich daraus, Bilder von Szenen aus der Bibel (Kreuzigung, Auferstehung, letztes Abendmahl, Flucht aus Ägypten usw.) mit Buntstiften auszumalen. Aber nicht irgendwie! Für jedes "Ausfahren" mit dem Buntstift gab es ein Minus. Die Gesichter mussten mit einem bestimmten "hautfarbenen" Buntstift ausgemalt werden. Ich erinnere mich noch heute an diesen blassrosa Stift, er war irgendwie anders als die anderen Buntstifte, etwas rauer, die Mine war bröselig, das Papier bei zu viel Eifer schnell verwundet. Ich frage mich, ob die Religionslehrerin sich je überlegt hat, welche Hautfarbe die vielen Zuschauer und Protagonisten in den Bibelszenen wohl wirklich hatten. Ich glaube nicht, dass es "Hautfarbe" war.

Sisyphus-Malerei

Wer diese Mal-Aufgaben schlampig ausführte, musste das ganze Bild in all seiner Kleinteiligkeit noch einmal machen. Irgendwann wurde mir das alles zu viel - der Horror, der Terror und die malerische Fließbandarbeit. Und da erklärte ich meinen Eltern, dass ich diesen Unterricht nicht für sehr sinnvoll hielt und eigentlich von den ganzen Geschichten Angstzustände und Albträume bekam. Außerdem weigerte ich mich irgendwann, die "Hausübungen" doppelt und dreifach zu machen, machte Anstalten an den Schultagen, an denen Religion angesagt war. Also vereinbarten wir einen Deal: Ich musste zwar den Religionsunterricht weiter besuchen, doch die Sisyphus-Malereien übernahm meine Mutter. Wehe, sie machte das nicht ordentlich! Sonst musste ich mir ja die ganze Schimpferei anhören! Und so blieben meiner Mutter abends, nach den verschiedenen schlecht bezahlten Jobs, die sie damals machte, um uns durchzubringen, auch noch meine Religions-Hausübungen.

Organisatorische Versuchung

Lieber wäre mir damals gewesen, wenn meine Eltern mich ganz aus dem Religionsunterricht herausgenommen hätten. Oder überhaupt nicht erst angemeldet. Aber die Entscheidung war teilweise organisatorischer Natur: Ich wäre eines der wenigen, wenn nicht das einzige Kind gewesen, das nicht in Religion gegangen wäre, Freistunden gehabt hätte. Betreuung in dieser Stunde war nicht vorgesehen. Also gaben meine Eltern mich trotz fehlendem Bekenntnis in den Religionsunterricht.

Vorauseilende Frömmigkeit

So jedenfalls die offizielle Begründung. Heute, nach regelmäßigem Nachfragen und Beteuern, vermute ich, dass das eine bewusste (und übersinnliche?) Integrationsmaßnahme war: Österreich ist eben ein katholisches Land, dachten sich meine Eltern. Da kann es sicher nicht schaden, wenn unser Kind sich eben auskennt, sich eingliedert. Das niederösterreichische Ehepaar, das uns Kriegsflüchtlinge in Österreich aufgenommen hatte - meine dritten Großeltern, sozusagen - wünschte sich ebenfalls, dass ich religiös erzogen werde. Später erzählten mir meine Eltern, dass sie auch ein wenig befürchteten, ich würde mich ohne Oblaten-Menü, Erstkommunions-Kleid und Beichtgang vielleicht von Gleichaltrigen ausgeschlossen fühlen. Herausstechen, ausgegrenzt sein von den bewusstseinserweiternden Erfahrungen, die Kreuzigungs-Gruselgeschichten, Erbsünden-Schuldgefühle und Allgegenwärtigkeits-Paranoia bedeuten.

Religion vor Deutsch

Ich werde jedenfalls nie verstehen, warum es Altersfreigaben für Filme und -Empfehlungen für Bücher gibt, während die (teilweise) grausamen Geschichten von Mord und Totschlag aus der Bibel Kinder ab sechs Jahren sogar in der Schule begeistern dürfen. Später, während meines Lehramtsstudiums, würde mir auffallen, dass das Fach Religion im Lehrplan eine besondere Priorität genießt. Als allererstes steht es in der Liste der an Österreichs Schulen zu unterrichtenden Fächer - noch vor Deutsch. (Olja Alvir, 27.11.2012, daStandard.at)


  • Passionskrippen-Ausstellung im Jahr 2010 in der Marienkapelle in Forchheim, Oberfranken.
    foto: apa/david ebener

    Passionskrippen-Ausstellung im Jahr 2010 in der Marienkapelle in Forchheim, Oberfranken.

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