Qualitätsjournalismus in Gefahr

Kolumne | Paul Lendvai
19. November 2012, 18:33

Das erwartete Aus für die Printausgabe der "Financial Times Deutschland" würde vor allem eine Verarmung der deutschen Wirtschaftspresse bedeuten

Die Existenz unabhängiger Zeitungen und Medien ist bekanntlich eine unbestrittene Vorbedingung der Demokratie. Die Pleite von bedeutenden Zeitungen und die Schrumpfung der Vielfalt der Medien wecken oft mehr Angst und finden stärkere Beachtung als der Zusammenbruch von Unternehmen und Investoren. Deshalb werden die jüngsten Hiobsbotschaften aus Frankfurt, London und Madrid zu Recht als eine Bedrohung der Pressefreiheit betrachtet. Die angekündigte Einstellung der traditionsreichen linken Tageszeitung, der "Frankfurter Rundschau" war sogar bei dem alten und mächtigen Rivalen, der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Anlass für einen traurigen Nachruf gewesen. Die "Rundschau" hatte zwar immer eine treue, wenn auch immer kleiner werdende Leserschaft; doch dürften wohl die Zwistigkeiten innerhalb der Verlegerfamilie Du Mont das Nein zur erforderlichen, freilich kostspieligen Modernisierung und Sanierung auch mitgeprägt haben.

Was das langsame Sterben oder der plötzliche Tod von Tageszeitungen für die Mitarbeiter bedeutet, habe ich selbst in den späten Siebzigerjahren als Osteuropakorrespondent mit Sitz in Wien in beiden Varianten bei den angesehenen Schweizer Zeitungen "Die Tat" und "Basler Nachrichten" hautnah erlebt.

Bei meinem anderen langjährigen Arbeitgeber, dem Londoner Wirtschaftsblatt " Financial Times", war ich wiederum während zwei Jahrzehnten Zeuge des Aufstiegs zu einem Weltblatt und der Erfolge der Investitionen in Qualitätsjournalismus. Die Gründung einer europäischen und später einer USA-Ausgabe haben den internationalen Ruf der rosaroten Zeitung gefestigt. Im Jahr 2000 entstand dann eine eigenständige deutschsprachige Ausgabe, die "Financial Times Deutschland". Inzwischen, unter der Obhut des Hamburger Verlags Gruner+Jahr (Mehrheitseigner ist der Bertelsmann-Konzern) droht nun dem chronisch verlustbringenden Blatt (mehr als zehn Millionen Euro Jahres Defizit) auch die Einstellung. Das erwartete Aus für die Printausgabe würde einen Rückschlag auch für das Ansehen des Londoner Mutterblattes und vor allem eine Verarmung der deutschen Wirtschaftspresse bedeuten.

Sinkende Erlöse und die Konkurrenz durch die neuen Medien gefährden auch die Zukunft des international renommierten Flaggschiffes der spanischen Medienwelt, "El País" in Madrid. Die angekündigte Entlassung eines Drittels der Redaktion führte zu einem offenen und dramatischen Konflikt zwischen den Journalisten und dem Chef des Mutterkonzerns, Juan Luis Cebrián. Man vermutet nicht ohne Grund einen Anschlag gegen den kritischen Journalismus im Interesse der Großaktionäre.

Unabhängig von den Formen und der Intensität der jeweiligen Konflikte um die Zukunft internationaler Traditionsblätter muss man an die Feststellung des dritten Präsidenten der USA und Schöpfers der Unabhängigkeitserklärung Thomas Jefferson (1743-1826) erinnern: "Wenn ich entscheiden könnte, ob wir eine Regierung ohne Zeitungen oder Zeitungen ohne eine Regierung haben sollten, dann würde ich keine Sekunde zögern, um die Zeitungen zu bevorzugen." Der Bildungsauftrag und die Kontrollfunktion der Qualitätszeitungen sind trotz der Konkurrenz im Netz auch heute unersetzlich für das Überleben unserer Demokratie. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 20.11.2012)

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man muss bei sich selbst beginnen!

lieber herr lendvai, als kritischer arzt erlebe ich seit vielen monaten, wie ihre kollegin andrea heigl billigsten kampagnenjournalismus betreibt, mit dem sie die einführung der elektronischen gesundheitsakte herbeibetet und die kritischen stimmen der ärzte zum gläsernen bürger als pekuniär motivierte geheimnistuerei verhöhnt. sie muss nicht meine freundin sein, aber mit objektivem journalismus hat das alles nichts zu tun. im wissen um die klamme finanzielle situation ihres blattes überlegt man natürlich, was die motivation für ihr ärztebashing sein kann. zuwendung von seiten der IT-industrie vielleicht. so oder so, meine geduld ist am ende, und mein print-abo wird jetzt gekündigt. ich zahl doch nicht dafür, dass ihr mir ohrfeigen austeilt.

Ach ja, der Qualitätsjournalismus, Herr Lendvai....

Jeder behauptet es , ganz wenige haben ihn.
Und was soll das sein? Für mich würde die BILD zu dieser Kategorie zählen (auch wenn der Boulevard nach Standard-Rauscher-Verständnis etwas ganz Schlimmes ist).

Um die FR ist definitiv nicht schade, um die ZEIT wäre es das aus meiner Sicht auch nicht (kommt auch noch dran). FT? Wars die "Qualität"? Warens die Leserstruktur oder die Anzeigenkunden oder der Wichtigtuer von Gründer - Enkel mit frischgebackenem Diplom(wie es dem Dhimmi mal ging)?
"Qualität" hat im medialen Gebrauch unendlich viele Facetten.

Dafür werden erfreulicherweise internationale und fremdsprachige Zeitungen mit

dem Internet immer verfügbarer. Habe früher viel deutsche Zeitungen gelesen, wie FAZ, den Spiegel und die Zeit. Mit der leichten Verfügbarkeit internationaler Zeitungen durch das Internet hab ich mich dann ZUg um Zug einfach von den deutschsprachigen Zeitschriften im wesentlichen verabschiedet, weshalb ich den erwähnten Schwund kaum spüre.

Qualität im Allgemeinen

scheint heutzutage in Gefahr.

Finde ich nicht, denn mithlife des Internets

kann man heute Qulitätvolles viel einfacher finden als früher. Die Qualität der Produkte die ich heute konsumiere ist viel besser als früher, einfach deswegen weil heute aufgrund des Internets eine ganz enorm große Vielfalt an Produkten zur Verfügung steht und ich genau jene qualitätsvollen Produkte leicht finde die ich suche. Für jedes noch so ausgefallene Interesse kann man heute Produkte in jeder Qualität finden und auch Gleichgesinnte die ähnliche Dinge schätzen, mit denen man sich dann Austauschen kann. Noch nie vorher war die Freiheit so groß, weshalb die Dinge von gestern hoffnungslos veraltet wirken und enorm kärglich anmuten, und das mit zunehmender Geschwindigkeit.

Zur Information

Die Financial Times (englische Version) ist ein straight-forward Pro-Israel Organ.

jahhhwollll! Detttleffff! mein Fürrrrerrrr!

eigenartig

eigenartig, immer dann, wenn journalisten über verlust journalistischer qualität schreiben, schreiben sie am liebsten über sich selbst

Um die FTD wäre es wirklich schade.

Sie bietet schon einiges an guten Kommentaren und Analysen. Nicht selten gegen den mainstream. Das ist wohl das Problem der Anzeigenabteilung. Und dazu die Gratisleser im Internet, die auf jene Artikel, für die man zahlen muss, dann doch verzichten.

Sorry,grün von mir,aber irrtümlich,weil bei Bezahlung /gelesenem Artikel die Lektüre zu teuer wird(2-3X).

Die postings bei ZEIT und STANDARD wurden

angesprochen.
Der STANDARD läßt die Diskussion weitgehend unzensiert laufen-Gott sei Dank
Die ZEIT hat mit ihrer politisch wie auch immer angehauchten ,selbstauferlegten Zensur,als Kodex
des deutschen Presserates bezeichnet,eine sehr unfreie Forenlandschaft.
"Zu einer Qualitätszeitung gehört auch ,nicht zu glauben, Leser durch politisch korrekte Zensur vor sich selber schützen zu müssen,weil die Unmündigen
sonst Fremdenfeindlichkeit oder rechter Positionen
verfallen könnten.
Beispiel gefällig ?
Weshalb wird in den Qualitätsmedien nicht die Identität des Entführers der 15-jährigen Französin erwähnt.
I.Bachmann :die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.

...war das Zitat nicht von Max Frisch?

ist ein ingeborg bachmann zitat

das ist der markt, den Sie jahrelang herbeigefaselt haben.
jetzt leben Sie damit. zig millionen indviduen in europa müssen das auch tun. und um die sollte man sich bedeutend mehr sorgen als um Eure medienkonzerne.

Soll und sein

Deutschlehrer fragt die Schueler: Was sind die Aufgaben einer Zeitung?
Antworten der (noch gutglaeubigen) Schueler: Kontrolle der Maechtigen, objektive Berichterstattung, Informationsaufbereitung, ...
Lehrer: Alles falsch! Alleinige Aufgabe einer Zeitung ist es, Gewinn fuer ihren Herausgeber zu machen.

Kommentar des inzwischen gealterten Schuelers: Recht hat er gehabt!

"Die Existenz unabhängiger Zeitungen und Medien ist bekanntlich eine unbestrittene Vorbedingung der Demokratie. "

Dann gibt es bei uns wohl keine Demokratie, da alle Zeitungen mindestens von den Werbekunden abhängig sind. Gegen die wird man natürlich nichts böses schreiben.

Die guten Leute ,
die auch ein wenig den Horizont im Blick haben
und Kritik üben , die keine Pseudokritik ist ,
werden in den Mainstreammedien gefeuert .

Man soll zwar Bolivien und Venezuela
nicht verwechseln ,
trotzdem ein notwendiges und treffendes Interview mit Ken Jebsen :

http://nuoviso.tv/vortraege... t-tacheles

Seh das weniger kritisch

eine Litfaßsäule weniger die von der Wirtschaft bedruckt werden kann....nicht jede Zeitung ist wirklich als Aufdeckermedium zu verstehen - im Gegenteil die meisten vor allem "Wirtschaftsmedien" sind nichts anderes als pure Meinungswiedergeber.

Denn wo sind die großen Aufdeckerqualitäten der Wirtschaftsjournalisten wenn es um die Entstehung der Finanzkrise geht? Warum schreiben die Medien alle brav von der angeblichen Schuldenkrise?

naja. wenn eine zeitung

offenbar über jahre hinweg beträchtliche defizite anhäuft (10 mio/jahr!), dann muss man halt schon die frage stellen dürfen ob sie noch jemand braucht. die leser offenbar nicht.

demokratieromantik kann die existenz eines printprodukts auf die dauer nicht rechtfertigen.

Die Wirtschaft braucht jedenfalls nicht zu jammern.

Sie hat durch ständige Kürzung ihrer Inseratenbudgets zum wirtschaftlichen Niedergang der FTD beigetragen.

keine sorge - der qualitätsjournalismus ist lebendiger als je zuvor - allerdings spielt er sich weit abseits der apa/reuters/murdoch abschreibbuden und verblödungsmedien ab - und natürlich wird es auch schwer werden den konsumenten die existenz von 8 tageszeitungen, und deren erhalt als für den qualitätsjournalismus entscheident zu verkaufen, wenn die ganzen käseblätter immer exakt den gleichen agenturmüll verbreiten - das ist infaltionäre ware, die braucht kein mensch, und wird daher auch bald nicht mehr gewinnbringen unters volk zu bringen sein.

echter, investigativer journalismus kommt von finanziell unabhängigen, und meist aus dem internet selbst - baba, informationsmonopol, war nett, aber es ist zeit sich zu trennen...

Höre ich da den Wunsch nach höheren Subventionen?

Das wird doch in allen anderen Bereichen vom Verfasser abgelehnt! Qualitätsjournalismus pur!!

diese forderung nach deutlicher ausweitung der presseförderung existiert.

erst vor wenigen tagen wurde sie von vertretern der 'qualitäts'zeitungen erhoben.
seltsam, dass ausgerechnet in den 'qualitäts'zeitungen so gut wie nichts darüber zu lesen ist.
that's 'qualität'!

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