Qualitätsjournalismus in Gefahr

Kolumne |

Das erwartete Aus für die Printausgabe der "Financial Times Deutschland" würde vor allem eine Verarmung der deutschen Wirtschaftspresse bedeuten

Die Existenz unabhängiger Zeitungen und Medien ist bekanntlich eine unbestrittene Vorbedingung der Demokratie. Die Pleite von bedeutenden Zeitungen und die Schrumpfung der Vielfalt der Medien wecken oft mehr Angst und finden stärkere Beachtung als der Zusammenbruch von Unternehmen und Investoren. Deshalb werden die jüngsten Hiobsbotschaften aus Frankfurt, London und Madrid zu Recht als eine Bedrohung der Pressefreiheit betrachtet. Die angekündigte Einstellung der traditionsreichen linken Tageszeitung, der "Frankfurter Rundschau" war sogar bei dem alten und mächtigen Rivalen, der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Anlass für einen traurigen Nachruf gewesen. Die "Rundschau" hatte zwar immer eine treue, wenn auch immer kleiner werdende Leserschaft; doch dürften wohl die Zwistigkeiten innerhalb der Verlegerfamilie Du Mont das Nein zur erforderlichen, freilich kostspieligen Modernisierung und Sanierung auch mitgeprägt haben.

Was das langsame Sterben oder der plötzliche Tod von Tageszeitungen für die Mitarbeiter bedeutet, habe ich selbst in den späten Siebzigerjahren als Osteuropakorrespondent mit Sitz in Wien in beiden Varianten bei den angesehenen Schweizer Zeitungen "Die Tat" und "Basler Nachrichten" hautnah erlebt.

Bei meinem anderen langjährigen Arbeitgeber, dem Londoner Wirtschaftsblatt " Financial Times", war ich wiederum während zwei Jahrzehnten Zeuge des Aufstiegs zu einem Weltblatt und der Erfolge der Investitionen in Qualitätsjournalismus. Die Gründung einer europäischen und später einer USA-Ausgabe haben den internationalen Ruf der rosaroten Zeitung gefestigt. Im Jahr 2000 entstand dann eine eigenständige deutschsprachige Ausgabe, die "Financial Times Deutschland". Inzwischen, unter der Obhut des Hamburger Verlags Gruner+Jahr (Mehrheitseigner ist der Bertelsmann-Konzern) droht nun dem chronisch verlustbringenden Blatt (mehr als zehn Millionen Euro Jahres Defizit) auch die Einstellung. Das erwartete Aus für die Printausgabe würde einen Rückschlag auch für das Ansehen des Londoner Mutterblattes und vor allem eine Verarmung der deutschen Wirtschaftspresse bedeuten.

Sinkende Erlöse und die Konkurrenz durch die neuen Medien gefährden auch die Zukunft des international renommierten Flaggschiffes der spanischen Medienwelt, "El País" in Madrid. Die angekündigte Entlassung eines Drittels der Redaktion führte zu einem offenen und dramatischen Konflikt zwischen den Journalisten und dem Chef des Mutterkonzerns, Juan Luis Cebrián. Man vermutet nicht ohne Grund einen Anschlag gegen den kritischen Journalismus im Interesse der Großaktionäre.

Unabhängig von den Formen und der Intensität der jeweiligen Konflikte um die Zukunft internationaler Traditionsblätter muss man an die Feststellung des dritten Präsidenten der USA und Schöpfers der Unabhängigkeitserklärung Thomas Jefferson (1743-1826) erinnern: "Wenn ich entscheiden könnte, ob wir eine Regierung ohne Zeitungen oder Zeitungen ohne eine Regierung haben sollten, dann würde ich keine Sekunde zögern, um die Zeitungen zu bevorzugen." Der Bildungsauftrag und die Kontrollfunktion der Qualitätszeitungen sind trotz der Konkurrenz im Netz auch heute unersetzlich für das Überleben unserer Demokratie. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 20.11.2012)

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