Dschingis Khans blutrünstiger Wiedergänger

  • Im Galopp über die Steppen der Mongolei: Baron Ungern-Sternberg kannte auch beim Reiten keine Gnade.
    foto: epa/how hwee young

    Im Galopp über die Steppen der Mongolei: Baron Ungern-Sternberg kannte auch beim Reiten keine Gnade.

  • Rotblonde Haare, stahlblaue Augen: Roman Ungern-Sternberg.

    Rotblonde Haare, stahlblaue Augen: Roman Ungern-Sternberg.

Weißer Baron, schwarzer Reiter: Roman von Ungern-Sternberg war der letzte Khan der Mongolei. Dort errichtete er 1921 eine 130 Tage währende Schreckensherrschaft und erhielt nebenbei die Souveränität des Landes.

Wien - Es ist eine groteske, eine grausame Geschichte: Ihre Hauptfigur ist Baron Nikolai Roman Maximilian von Ungern-Sternberg. Der Spross aus deutschbaltischem Adel, aus Zufall 1885 in Graz geboren und in Reval (Tallinn) aufgewachsen, schaffte es mit Mühe in das Offizierskorps der zaristischen Armee. In den 1920er-Jahren griff der aufbrausende Schläger, Monarchist, Antisemit und ausgewiesene Psychopath kurz in den Weltenlauf ein. Mit einer zerlumpten Soldateska aus Mongolen, Burjaten, Russen, Tibetern, Tataren und Kosaken nahm er 1920/21 die gesamte Mongolei ein. Von dort aus wollte er ein neues eurasisches Riesenreich gründen, ganz so wie der von ihm verehrte Dschingis Khan zuvor.

Nach der Oktoberrevolution hielten die zarentreuen Weißgardisten nach dem Fall der Krim um 1920 nur noch Gebiete im Fernen Osten. Gleichzeitig geriet China nach dem Sturz des Kaisers immer stärker in die Wirren des sich ankündigenden Bürgerkrieges. Der "Weiße Baron" mit Faible für Buddhismus und Okkultismus stieß in dieses Vakuum - halb auf Einladung des Bogd Khan und halb auf Weisung des japanischen Geheimdienstes. Er warf die chinesische Besatzung aus Urga (Ulan-Bator) und der Mongolei. Der Bodg Khan, der so versoffene wie gefürchtete geistliche Führer der Mongolen, ernannte ihn zum "Khan" (Herrscher). Und Ungern gab sich alle Mühe, der Blutrunst Dschingis Khans nachzueifern.

In den 130 Tagen seiner Herrschaft errichtete er ein sadistisches Schreckensregime, das der Bogd Khan tolerierte. Kommunisten, Juden und Andersgesinnte durften auf keine Schonung hoffen. Nicht einmal Frauen und Kinder waren sicher. Auch sie wurden geprügelt, bis sie starben, hinter Autos hergeschleift, ausgeweidet, zu Tode gehetzt, nackt im Eis stehen gelassen, den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen, auf Bäume gesetzt, so lange, bis sie herunterfielen. Wenn Ungerns Männer sehr schlecht gelaunt waren, spannten sie Bäume zu Boden, hängten Menschen daran und kappten die Halteseile.

General Ungern lief während dieses Schlachtfestes in zerschlissener Uniform durch Urga, trug Amulette und beobachtete die Szenerie mit seinen stahlblauen Augen, die sich mit beängstigender Intensität auf jeden Gesprächspartner richteten "wie bei einem Tier, das aus einer Höhle schaut", schreibt James Palmer in einer Biografie über den letzten Khan der Mongolei.

Geschichte und Mythos

Obwohl viele Mongolen Ungern wie einen Gott und als Inkarnation Dschingis Khans verehrten, schwand ihre Unterstützung für ihn zusehends. Ein Angriff auf das Sowjet-Territorium misslang, die Rote Armee konnte den Baron im Sommer 1921 festnehmen. Wenige Wochen später wurde er zum Tode verurteilt und erschossen. Zuvor soll er noch seinen vom Zaren verliehenen Sankt-Georgs-Orden verschluckt haben, damit dieser den Bolschewiken nicht in die Hände fiel. "Mein Name ist so sehr mit Hass und Angst verbunden, dass niemand beurteilen kann, was wahr und was falsch ist, was Geschichte und was Mythos." Das merkte Ungern kurz vor seinem Tod selbst an.

Einige Historiker sagen, die Mongolen hätten ihre Souveränität zwischen Sowjets und Volksrepublik ihm zu verdanken. Die Ironie daran ist: Der Antikommunist hat auch geholfen, die Mongolei zum zweiten kommunistischen Staat der Welt zu machen. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 20.11.2012)


James Palmer: "Der blutige weiße Baron". Die Andere Bibliothek. Frankfurt am Main, 2010, 382 Seiten, 32,90 Euro

 

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