Estibaliz C. bekennt sich zu den zwei Tötungen schuldig

  • Angeklagte und Gutachterin: Estibaliz C. und Adelheid Kastner (re.) vor dem Prozessstart im vollen Gerichtssaal.
    foto: standard/newald

    Angeklagte und Gutachterin: Estibaliz C. und Adelheid Kastner (re.) vor dem Prozessstart im vollen Gerichtssaal.

Sie habe ein psychisches Problem, gesteht Estibaliz C. - Aber die Morde an ihren Partnern seien im Affekt passiert, auch wenn sie Mordfantasien gehabt habe

Wien - "Puff, puff, diese Schüsse, und dann diese Leere." Eine Mineralwasserflasche und eine Packung Taschentücher hat Estibaliz C. auf der Brüstung vor dem Anklagestuhl. In den ersten Stunden ihres Prozesses wegen Doppelmordes braucht sie beides nicht. Bedrückt, aber nüchtern und luzide schildert sie dem Geschworenengericht unter Vorsitz von Susanne Lehr, wie und warum sie ihren Ex-Mann Holger H. und ihren Lebensgefährten Manfred H. ermordet hat.

Zu den Tötungen bekennt sie sich ohne zu zögern schuldig. Wobei: Schuld sind eigentlich die Männer, beginnend mit ihrem Vater, versucht sie eine Erklärung zu liefern. Eine Erklärung, warum sie nicht so sei, wie Staatsanwältin Petra Freh sie in ihrem Anklagevortrag skizziert hat: " Eine Angeklagte mit zwei Gesichtern. Die nette und liebe Nachbarin und die eiskalte und brandgefährliche Frau." Die beide Männer ohne Anlass und ohne Vorwarnung aus nächster Nähe mit Pistolenschüssen getötet hat.

Vorsitzende Lehr führt das Verfahren gründlich. Sie lässt C. ganz vorne beginnen. Wie sie 1978 in Mexiko geboren wurde, die Familie nach Spanien emigrierte, der Vater "ein Tyrann" war. Ihre erste Beziehung dauerte fünf Jahre. Hochzeit und Kinder wollte der Freund aber nicht. Damals hatte sie erstmals "Überlegungen", wie sie es nennt - die Bremsschläuche beim Auto des Freundes zu manipulieren, nämlich.

Stattdessen trennte sie sich und zog nach Deutschland, wo sie im November 2001 Holger H. kennenlernte und im Juni 2002 heiratete. Holger H. habe sich rasch verändert, sie ständig kritisiert und verspottet. Auch ihr Chef habe sich so verhalten, sie dachte daran, sein Geschäft anzuzünden.

Auch das tat sie nicht, sie zog hingegen 2005 mit ihrem Mann nach Wien, um einen Eissalon in Wien-Meidling zu betreiben. Der ging schlechter als erhofft, das Paar musste in ein notdürftig adaptiertes Lager ohne Fenster umziehen.

In jene Unterkunft, in der der große, massige Mann im April 2008 starb. Das Paar war schon geschieden, wohnte aber noch zusammen. Wenn C. bei ihrem neuen Freund schlief, wurde H. wütend, schildern die Angeklagte und ihr Verteidiger Rudolf Mayer, der sie gemeinsam mit Werner Tomanek vertritt. Auch am Tatabend habe es einen Streit gegeben. Und als Holger H. vor dem Computer saß, "habe ich seine Waffe gesehen, sie genommen und von hinten auf ihn geschossen", sagt sie.

Ob sie vorher schon daran gedacht habe, fragt Lehr. "Ich habe mir gedacht, jeder hat diese Fantasien, aber ich habe mir nie, nie gedacht, dass ich das tatsächlich mache." Der Tote liegt Tage herum, sie geht arbeiten, trifft den neuen Freund. "Ich habe mir eine Maske aufgesetzt." Am Ende zerstückelt sie die Leiche und betoniert sie in der Tiefkühltruhe ein.

Hausfrau und Mutter

So endete im November 2010 dann auch Manfred H., mit dem sie seit Mai 2009 zusammen war. Er versprach ihr ein Leben als Hausfrau und Mutter, angeblich ihr Lebensziel. Und er half ihr mit dem Eissalon, investierte 150.000 Euro. "Für mich war er wie Gott", sagt sie. Auch wenn er ihr vor anderen ihren "wabbeligen Hintern" vorwarf, Affären hatte. "Was für einen Schluss haben Sie aus den Beziehungen gezogen?", fragt Lehr. "Ich dachte, ich bin schuld."

Eine Woche vor der Tat lernte C. via Internet einen neuen Mann kennen. " Der überlebende Lebensgefährte", wie Staatsanwältin Freh ihn nennt. Nach einem Streit habe sie H. im Schlaf erschossen, behauptet C. Die Anklage sieht einen kaltblütigen Mord. Denn die 34-Jährige habe sich schon im Vorfeld die Utensilien zur Leichenbeseitigung verschafft.

Am Dienstag wird fortgesetzt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 20.11.2012)

Share if you care