Die gemeinsame Reise ins Ungewisse

Roman David-Freihsl
19. November 2012, 17:26

Erinnerungen an zwei höchst unterschiedliche "Papamonate"

Nach der Geburt waren wir ohnehin auf Wolke Nummer sieben. Sich einen Monat lang Zeit zu nehmen und daheimzubleiben war da wie selbstverständlich - auch wenn der Ausdruck "Papamonat" damals noch nicht einmal fürs politische Vokabular erfunden war und eben Urlaub genommen werden musste.

Gleichzeitig waren wir von der 7. Wolke aber auch schnell wieder herunten, als die Kleine das erste "Quääää" von sich gab und die Erkenntnis reifte: "Ooops, das ist jetzt ernst!" Und es wurde immer ernster, als das "Quääää" zu bestimmten Zeiten nimmer aufhörte und wir abends bereits im Schichtbetrieb das Abendessen einnahmen, damit je einer mit dem Baby auf dem Pezziball hoppeln konnte. Das war das Einzige, was half. Stundenlang.

Und die Mutter, was war für sie das Wichtigste am Papamonat? "Na, dass du da warst", antwortet sie staubtrocken. Da sein - zu einem Zeitpunkt, als sich ja auch die ganzen wunderbaren Glückshormone der Schwangerschaft auf einen Schlag aus dem Körper verabschiedet hatten. Und aber auch: "dass man gemeinsam in einen Rhythmus hineinfindet, dass die Alltagssachen abgenommen wurden, dass ich mich ganz auf unser Kind konzentrieren konnte."

Zeit und Muße

Aber es ging eben nicht nur ums Haushaltschupfen, das Kochen, Einkaufen, Waschen - sondern eben auch darum, selbst Zeit und Muße zu haben, unser neues Familienmitglied kennenzulernen. Und man hat vorher ja keine Ahnung, wie man so überhaupt keine Ahnung hat, was passieren würde. Alle Handgriffe mussten entdeckt wer- den: Windelnwechseln, Popschputzen, Eincremen, Bodyknöpfeln - später dann auch das Entdecken versteckter Rillen, in denen sich heimlich Grind angesammelt hatte. Und die Speckfalten wuchsen schnell - da die Kleine einen Zug hatte, wie ein neuer Mellerofen. Herrlich!

Wir begaben uns gemeinsam auf diese Reise ins Ungewisse, begleitet von der genialen Hebamme, die uns mit ihrer großen Erfahrung wieder ein bisschen Ruhe und Gelassenheit zurückgeben konnte, die wir über Nacht verloren hatten.

Die Alternative? Dieses "Ich kann eh nicht stillen - und einer muss ja das Geld nach Hause bringen", dieses So-wie-es-immer-War? Eigentlich unvorstellbar. Natürlich hätten die Omis einrücken können, mit all ihrer Erfahrung - aber die wollten wir schon selbst machen, die Erfahrungen.

Und dann der erste Spaziergang mit dem Freund, der damals ebenfalls Vater geworden war. Stolz wie die Spanier schoben wir unsere Kinderwägen durch Hietzing, als uns eine Hietzinger Familie begegnete, deren Oma im Vorbeigehen raunte: "Schau dir des an: Da müssen die Väter mit den Kindern spazieren gehen!"

Zurück auf Wolke sieben

Bei der Geburt des zweiten Kindes wussten wir dann schon eher, was uns erwarten würde. Der Pezziball stand schon wieder prall aufgeblasen bereit. Aber erstens kam es wieder einmal anders, und zweitens als wir dachten: Waren wir bereits entspannter? Der Bub war es jedenfalls. Vor allem als wir herausgefunden hatten: Wenn ihm am Abend die Augen schwer wurden, musste man ihn einfach nur auf den Bauch drehen, eine Hand auf den Windelpopsch legen - und schon war er weg. Zurück auf Wolke sieben, gemeinsam mit der auf einmal großen Schwester.

Und dann die Rückkehr in die Arbeitswelt nach dem wieder allzu rasch verflogenen Monat. Da drängte sich in den ersten Tagen die Frage auf: " Was wollen die eigentlich alle von mir? Warum nehmen die das alles hier so wichtig?" Was wirklich wichtig ist, hatte man(n) in den vier Wochen zuvor zu erahnen begonnen. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 20.11.2012)

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Meine Erfahrungen... Teil 2

Wichtig wäre es aber, dass sich die Gesellschaft und das Arbeitsleben so ändern, dass es eben kein Luxus mehr sein muss, wenn Väter sich mehr in die Kinderbetreuung einbringen wollen.

Auch wenn das momentan noch eine Utopie ist, hoffe ich das solche Artikel helfen etwas zu verändern. Und zwar indem sie mehr Väter dazu animieren Ihre Kinder gegen alle Widerstände zu betreuen. Denn nur nur so wird sich die Sichtweise der Gesellschaft ändern.

Fazit: Danke also für diesen Artikel.

Meine Erfahrungen gehen in die gleiche Richtung...

Auch wenn es bei der Geburt meiner Kinder (2 und 4) noch keine Papamonate gab, war ich jeweils 4 Monate trotz massiver Widerstände in meinem Arbeitsumfeldes in Karenz. Und auch ich habe Stolz den Kinderwagen durch Schönbrunn geschoben und verschwörerisch gelächelt, wenn ich einen anderen Papa gesehen habe...;-)

Ich habe es nicht bereut, denn es waren definitiv die lehrreichsten Monate meines Lebens und sie haben vor allem Lust auf mehr gemacht...

Daher arbeite ich seitdem auch nur Teilzeit um mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen zu können. Wohlgemerkt, ich weiß, dass das ein Luxus ist den ich mir gönne. Dafür verzichte ich aber auch auf viele andere (materielle) Dinge.

Fortsetzung folgt...

So ein schöner Artikel über so eine schöne Zeit

Sehr hut beobachtet und mit Liebe reproduziert. danke für diesen Artikel!

Mein Freund ist jetzt mit unserem 14-Monate alten Sohn 4 Monate lang zu Hause und ich hab in aller Ruhe in den Arbeitsalltag zurueckkehren können.
Still und heimlich kichere ich manchmal in mich hinein, wenn ich sehe, wie es anscheinend doch nicht ganz so einfach ist, alles unter einen Hut zu bringen; ganz selten muss ich mich auch ein bisschen ärgern, weil manche Sachen doch die Mama am besten können muss.

Insgesamt kann ich aus meiner Sicht nur sagen: ALLE Väter sollten in Karenz gehen, diese Zeit erleben! Das ist auch fuer die Beziehung der Eltern ganz ganz wichtig!

weil manche Sachen doch die Mama am besten können muss.

weil?

Na ja, die morgendliche Kleiderauswahl fällt manchmal etwas seltsam aus z.B.

Eigentlich war die Aussage aber mit einem Augenzwinkern versehen ;-)

Nur, weil er einen anderen Geschmack hat als du? ;)

hat oft nichts mit geschmack sondern mit "zu warm" bzw "zu kalt" angezogen zu tun. passiert mir tante auch noch hin und wieder.

ein bißchen viel wind

um ein paar wochen mit seinem kind :-)

Haben sie Kinder und wenn ja

erkennen sie diese als deren Vater?

dito. sind zwar schön und anstrengend diese 4 wochen papamonat. aber bis sich man/frau so richtig einleben kann dauerts vermutlich im schnitt 6-12 Monate. Wenn die postnatale Depression äußerst schwer ist, dann auch bis zu 2 Jahre.
aus diesem grund bin ich nach 3,5 Wochen Geburtsurlaub für 1,5 jahre nur mehr halbtags arbeiten gegangen, damit zumindest eine kleine Entlastung gegeben ist.

tja, aber immerhin nicht selbstverständlich.

"Und dann der erste Spaziergang mit dem Freund, der damals ebenfalls Vater geworden war. Stolz wie die Spanier schoben wir unsere Kinderwägen durch Hietzing"

schöne entwicklung!

Was bin ich froh, dass ich den Sprung in die Selbständigkeit gewagt habe und jetzt jeden Tag miterleben darf, wie unser Sohn (7 Monate) groß wird. Umsatz geht *natürlich* spürbar zurück, muss man halt einplanen – aber wenn man den Lebensstandard nicht auf Anschlag gesetzt hat, dann sollte sowas einfach drin sein.

Nachtrag:

Natürlich geht es in vielen Familien nicht ganz so locker, ist klar. Aber in meinem – ich sag mal 'durchschnittlich mittelständischen' Umfeld – heißt es schon recht oft: "Das geht sich finanziell halt nicht aus."

Gleichzeitig heißt es aber auch: "Einen Keller braucht man einfach, so ein Pool ist schon fein, den Neuwagen haben wir uns gegönnt und auf Bali war es sehr schön."

Es ist in den allermeisten Fällen eine Frage der Prioritäten.

kann ich unterschreiben was sie schreiben.

aber schaun's mal über die gutbürgerlichen, oder 'durchschnittlich-mittelständischen' hietzinger grenzen raus. da ist diese (nicht umsonst rosa eingefärbte) idylle schlichtweg nicht machbar.

drum ist die idee mit dem rechtsanspruch eine der besseren dieser legislaturperiode.

Ich weiß nicht, wie das in Hietzing und darüber hinaus so ist. Wir wohnen am Land (Stmk.) und ich beobachte, dass die "Machbarkeit" der Familienidylle (= Zeit füreinander) einfach mit den Vorstellungen vom benötigten Lebensstandard kollidiert – mehr oder weniger quer durch alle Gesellschaftsschichten.

"hietzing", weil es im artikel angesprochen wurde

und eben in w auch ein synonym für "gehobene bürgerlichkeit" ist.

Sie haben vollkommen Recht. Arbeitssuche (und Job-behalten) ist in der Stmk. - ausser in gewissen Ballungsgebieten und Tourismusregionen - wahrlich kein Honiglecken.

schön!

schön!

...und, was ist denn nun wirklich wichtig?

...und, was ist denn nun, nach Ihrer Erfahrung mit zwei Papamonaten, wirklich wichtig? Ev., daß sich mehr Väter auch länger als ein Monat Karenz gönnen? Oder doch die berufliche Herausforderung?

wer

sind sie, wenn sie nicht mehr arbeiten gehen?

für viele männer, die sich über arbeit/berufliche herausforderungen definieren, gibt es spätestens mit pensionsantritt ein böses erwachen.

ich denk, die familie ist wichtig.
menschen, die man liebt, sind wichtig.

nicht wichtig ist, dass ein bericht punktgenau akkurat termingerecht am tisch vom chef liegt, wo er dann drei wochen liegen bleibt, weil der chef eh ka zeit hat, den zu lesen.

Oh mann, ja, Liefertermine.
Völlig willkürlich gesetzt. Meist schlampen fünf andere Stellen vor einem zwei Jahre lang herum und man soll das dann in zwei Tagen ausbaden. Oder etwas ist "lebensnotwendig" bis 14.00 bereitzustellen - und zwei Tage später liegts immer noch da.

Kann mich an einige "Nachrufsessions" erinnern, wenn es mal ein fader Nachmittag war und man all die "total ur dringenden" Aufträge die seit Wochen oder Monaten herumlagen den Kunden zuführen wollte.

Ich kann seither keine Liefertermine mehr ernst nehmen. Sie sind einfach... weiß nicht... ein guter Sound vielleicht, ein paar Schnörkel auf Papier... aber sonst?

hab ich was nicht richtig verstanden?

..

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