Die englischsten aller Künstler

  • Dante Gabriel Rossetti Lady Lilith 1866-8
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    foto: delaware art museum, samuel and mary r. bancroft memorial, 1935

    Dante Gabriel Rossetti Lady Lilith 1866-8

  • Dante Gabriel Rossetti, The Blue Bower 1865
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    foto: the trustees of the barber institute of fine arts, university of birmingham

    Dante Gabriel Rossetti, The Blue Bower 1865

  • William Holman Hunt, Isabella and the Pot of Basil 1866-8, retouched 1886
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    foto: laing art gallery, newcastle upon tyne

    William Holman Hunt, Isabella and the Pot of Basil 1866-8, retouched 1886

Die Tate Gallery in London zeigt eine Gesamtschau der Präraffaeliten

Die Künstlergruppe, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts in England formierte, war fasziniert von der Strenge und Klarheit der spätmittelalterlichen italienischen Kunst des Trecento und Quattrocento.

Als John Everett Millais das Bild, das heute als Christ in the Carpenter' s Shop firmiert, im Jahre 1850 erstmals in der Londoner Royal Academy ausstellte, trug es noch keinen Titel. Dafür war die Leinwand in der Salon-Broschüre von einem Bibelauszug begleitet.

Die verbale Begleitung lieferte die unmissverständliche Bezugnahme auf einen Zusammenhang, dem man allein dem Augenschein nach nicht recht traut. Ist der Kontext aber hergestellt, so traut man eher seinen Augen nicht. In einer Aufdringlichkeit trotzt Millais der Alltagsrealität biblische Verweise ab, die verständlich macht, dass die Königin, die dem Viktorianischen Zeitalter den Namen gab, das Werk aus der Ausstellung entfernen ließ.

Ein kleiner Unfall ist passiert auf Millais' exzentrischem Genrebild, ein Kind hat sich an einem Nagel verletzt und wird von einer Frau getröstet, offenbar seiner Mutter. Und so kommt zur traulichen Geschichte die frohe Botschaft. Das Kind blutet nämlich an jener Stelle der Hand, die später ein Stigma tragen wird, und auch der Tropfen auf dem Fuß markiert vorab die ominöse Wunde.

Die Werkzeuge im Hintergrund, Nägel, Leiter, Hammer werden zu den Waffen Christi, der Lehrling, der Wasser bringt, kommt als Johannes der Täufer ins Spiel, und es gibt die einschlägige Taube in Frontalansicht. Die ältere Frau entpuppt sich als Anna, die junge als Maria und der Meister mit dem schütteren Haar und der britischen Physiognomie ist Josef. Das hehre Zeichen wird nicht wie in den moralisierenden Grafikzyklen von Millais' Vorgänger William Hogarth parodiert in seiner Herabminderung in den Kontext der Liederlichkeit; im Gegenteil, das mindere Zeichen wird aufgeladen mit sakraler Symbolik.

So waren sie, die Präraffaeliten, denen die Tate Britain jetzt wieder eine Gesamtschau angedeihen lässt. Und es ist wirklich alles da von diesen englischsten aller Künstler. Man verbindet mit ihnen zumeist die erotisierten Frauengestalten, die Dante Gabriel Rossetti seit den 60er-Jahren malte.

Diese allerdings entsprechen am allerwenigsten der Programmatik, der man sich verschrieb, als Rossetti, Millais, William Holman Hunt und vier weitere Künstler, die allesamt kaum 20 Jahre alt waren, sich im September 1848 zur Gründung ihrer Bruderschaft zusammenfanden. Man wollte zurück in die Zeit vor Raffael, in jene Gefilde für authentisch gehaltene Religiosität, als die Bilder noch nicht von der Prätention überschattet waren, ästhetisch zu sein. Das Programm einer Kunst ohne Künstlichkeit war verbunden mit einem Zurück zur Natur, mit jenem Satz, den John Ruskin, ihr wichtigster Gewährsmann, verordnet hatte: "Nichts zurückweisen, nichts auswählen, nichts verachten."

Die jungen Künstler nahmen diese Verordnung nach der dezidiertesten Wortwörtlichkeit: Motiv für Motiv buchstabierten sie die Natur nach, begaben sich mit ihren Leinwänden ins Pleinair, gruben sich mit ihren Staffeleien in die Erde, um nur den Grashalmen nahe zu sein, die sie minutiös abkonterfeiten; sie ließen ein Jahr vergehen, um die gleiche Kornreife oder den gleichen Blütenstand wieder vorzufinden, mit deren Porträtieren sie nicht zu Ende gekommen waren. Fast jedes ihrer beckmessernden, kläubelnden Werke hat deswegen eine lange Entstehungszeit.

1984 hatte an gleicher Stelle eine Retrospektive stattgefunden, mit damals exorbitanten 220.000 Besuchern. So ziemlich dieselben Gemälde sind jetzt wieder zu sehen. Diesmal werden es mehr Besucher sein. (Rainer Metzger, DER STANDARD, 20.11.2012)

Bis 13. Jänner 2013, anschließend National Gallery Washington und Puschkin-Museum Moskau.

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