Der Tänzer, der Designer, der Wurm und das Tennis

19. November 2012, 17:15
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Der fast 34-jährige Radek Stepanek bescherte Tschechien den Daviscup. Seine Karriere war und ist durchaus interessant

Prag - Radek Stepanek schrie die Schüssel an, die als ziemlich hässlich und total verbaut gilt. Dann griff er sie doch an, stemmte sie in die Höhe, weinte, lachte und hörte am Sonntagabend den 14.000 Menschen in der Prag-Arena zu. Sie sangen "Meister, Meister". In einer Woche wird Stepanek 34 Jahre alt, er galt vor dem Daviscupfinale gegen Titelverteidiger Spanien als vermeintlicher Schwachpunkt. Um Tomas Berdych machten sich die Tschechen kaum Sorgen, obwohl er gegen David Ferrer, wie auch Stepanek, chancenlos sein sollte. "Wird er unter der Last des Augenblicks zusammenbrechen? Wird sein Alter nicht zu Last werden?", schrieben nicht nur die Boulevardblätter.

Und dann schlug Stepanek den weit höher eingeschätzten Nicolas Almagro 6:4, 7:6, 3:6, 6:3. Fast vier Stunden hat diese nahezu epische Tennispartie gedauert, die der Sieger "zur besten meines Lebens" erklärte. Das war irgendwie logisch, so groß war die Auswahl nicht. Denn Stepanek hat maximal eine sehr gute, aber keine außergewöhnliche Karriere hinter sich. In der Provinzstadt Karvina geboren und von den Eltern gefördert, wurde er 1996 Profi. Fünf Turniere hat er gewonnen, 2006 ist er kurz Achter der Rangliste gewesen, allemal, das war Jürgen Melzer Jahre später aber auch. Zuletzt konzentrierte sich der Tscheche eher aufs Doppel. Betreut wird er vom fast legendären Petr Korda.

Stepanek war als Lebensabschnittspartner der Martina Hingis prominent, 2010 hat er Landsfrau Nicole Vaidisova geheiratet. Sie stoppte ihre Tenniskarriere aufgrund von Verletzungen und akuter Unlust im Alter von nur 20 Jahren. Sie hatte es bis zu Nummer sieben geschafft.

Der Ehemann erreichte nun im 100. Daviscupfinale Historisches. Er ist der älteste Spieler, der für den entscheidenden dritten Punkt gesorgt hat. "Ich glaube, das ganze Land lebt jetzt einen Traum. Auch ich habe mein Leben lang davon geträumt. Jetzt stehen wir hier. Das ist verrückt" , sagte er.

Sogar dem stets mieselsüchtig dreinblickenden Ivan Lendl hoch droben auf der Tribüne zauberte "Steps" nach dem Matchball ein Lächeln ins Gesicht. Lendl stand vor 32 Jahren im Siegerteam der Gastgeber (damals CSSR). 2012 gewann Tschechien als erste Nation in einer Saison den Hopmancup, den Fedcup und den Daviscup. Mehr ist in diesem Einzelsport als Mannschaft unmöglich.

Als wahrer Glücksbringer hatte sich Tschechiens Fußball-Nationaltorhüter Petr Cech erwiesen. Der Keeper vom FC Chelsea hatte seinen Tennisfreunden eine Videobotschaft gesendet: Cech spielte am Schlagzeug den Hit Eye of the Tiger der Gruppe Survivor, und er trug dabei ein Tennisshirt von Stepanek. Die selbstentworfenen Leiberln dürften zum Verkaufsschlager werden. Im Match gegen Almagro war auf dem Hemd ein großer Löwe mit Krone und goldener Zunge abgebildet.

In Spanien war nach der verpassten Titelverteidigung Katzenjammer angesagt, der verletzte Rafael Nadal wurde vermisst. Doch auch die iberischen Medien huldigten Stepanek, der wegen seiner Tanzeinlagen auf dem Court auch "Wurm" (worm) genannt wird. "Stepanek schenkt Tschechien den Daviscup. Es war ein ideales Szenario für sein Tennis und für seinen Charakter", schrieb El Mundo Deportivo. (red - DER STANDARD, 20.11. 2012)

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    Radek Stepanek greift nach der berühmten Schüssel. Er steuerte zwei Punkte zum 3:2-Sieg gegen Spanien bei. Im Doppel mit Berdych, ohne Berdych gegen Almagro. Jetzt lebt er mit seinem Land den Traum.

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