Ballett der Kühe, Duett der Abenteurer

Ein Kanonenfeuer an Folklore: "In 80 Tagen um die Welt" nach Jules Verne in einer Inszenierung von Annette Raffalt am Burgtheater

Wien - Theater für junges Publikum sieht am Burgtheater deutlich anders aus als jenes für die Älteren. Während sonst starke Regiehandschriften dominieren, versteht sich die Arbeit für Kinder und Jugendliche vorwiegend auf Entertainment. Regisseurin Annette Raffalt hat für In 80 Tagen um die Welt nach Jules Verne (Fassung: Peter Raffalt) die Musicalmaschine angeworfen. Knapp vierzig Schauspieler, Tänzer und Musiker (daraunter neun Teilnehmer/-innen aus dem Nachwuchsprojekt des Burg-Theaterjahres) bevölkern auf dieser bilderstarken Weltreise das Ringtheater. Vor einer Cinemascope-Leinwand, auf der später Städte und Länder, Wolken, Regen, Wüstenlandschaften usw. vorbeiziehen (Bühne: Bernhard Kleber, Video: Stephan Komitsch, Peer Engelbracht), hebt der Londoner Nobelmann Phileas Fogg mit seinem Diener Passepartout im Heißluftballon ab.

Zuvor ist er mit seinen famos gekleideten Clubkollegen (Kostüme: Ele Bleffert) die berühmte Wette eingegangen, die Welt zu umrunden und in spätestens 80 Tagen wieder in London zu sein. Wird er es schaffen? Die meisten der jungen Zuseher (ab sieben Jahren) sind gespannt. Zusatzinfo gibt es in Form eines illustrierten "Extra Burg Blatts" mit Besetzungsliste.

Verfolgt wird Fogg auf seiner arglosen Erdumrundung von einem tollpatschigen Detektiv (André Meyer) samt Haftbefehl. Peter Knaack zeigt Fogg als einen zugeknöpften Gentleman, der Gefühlen gegenüber ganz und gar nicht aufgeschlossen ist. In der größten Pein besticht er durch Eleganz - das ist toll anzuschauen. Als ihn etwa im indischen Dschungel eine Schlange ins Herz schließt, bittet er Passepartout höflich um Hilfe. Dieser, von Sven Dolinski im französischen Idiom interpretiert, erwidert mit noblem Sprachwitz: "Oui, aber wie?"

Bauchtänzerinnen und ein Ballett der Kühe in Bombay, Opiumhöhle in Hongkong, johlende Indianer in Amerika: Annette und Peter Raffalt malen Länderfolklore und Klischees in prächtigen Farben aus. Sogar schuhplattelnde Alpenbewohner (wir!) tänzeln einmal vorüber. Das ist abwechslungsreich und handwerklich solide, doch auch sehr heischend und ästhetisch einigermaßen marktkonform. Die Musik Parviz Mir-Alis und des sechsköpfigen Orchesters, das aus der rückwärtigen Leinwand lugt, liefert einen ersten Showdown in der Konfrontation zwischen dem Häuptling der Indianer (archaisch: Daniel Jesch) und der Fogg-Reisetruppe.

Dass der englische Gentleman schlussendlich einer indischen Prinzessin erliegt, ist politisch überaus korrekt und das Tüpfelchen auf dem i dieses Abenteuers. Sogar den Kuss finden die jungen Zuseher okay. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 20.11.2012)

20 und 21.11., 16 Uhr

  • Heben ab Richtung Süden: Phileas Fogg, Passepartout.vergrößern (593x800)
    foto: reinhard maximilian werner/burgtheater

    Heben ab Richtung Süden: Phileas Fogg, Passepartout.

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